Vater Staat kümmert sich um die Körper seiner Landeskinder

Der Kult um die richtige Lebensweise und das richtige Essen ist inzwischen eine hochpolitische Angelegenheit

Von Ulrike Ackermann

07.04.2016 – DER HAUPTSTADTBRIEF 135

Prof. Dr. Ulrike Ackermann, Politikwissenschaftlerin, ist Gründerin und Direktorin des John Stuart Mill Instituts für Freiheitsforschung in Heidelberg. Im HAUPTSTADTBRIEF beschreibt sie den aktuellen Trend zu einem durch Verbote normierten Druck zum „richtigen“ Leben und stellt eine aktuelle Studie ihres Instituts vor, die sich damit befasst.

Seit der Antike streiten die Menschen über das „gute Leben“. Ist jeder seines Glückes Schmied und kann sich frei machen von gesellschaftlichem Druck, sozialer Tyrannei – wie John Stuart Mill es nannte? Kann jeder unabhängig sein von staatlicher Weichenstellung, die lenkend die Bürger auf dem Weg ins Glück begleiten will? Oder soll der Staat gerade dafür sorgen, dass seine Bürger gesund und weltklimaverträglich essen und leben?

Ernährung, Kulinarik und Esskultur sind in diesem Zusammenhang in den Fokus gerückt. Dem amerikanischen Arzt Steven Bratman verdanken wir den Begriff der „Orthorexie“, nämlich die manische Beschäftigung mit gesundem Essen, die sich inzwischen allenthalben Bahn bricht. Waren einst üppige Tafeln mit gut gefüllten Gläsern, um die sich fröhliche Genießer, Gourmands und Gourmets versammelten, Sinnbild für Wohlstand, Lebensfreude und den Erfolg unseres westlichen Lebensstils, so hört man heute immer häufiger das Lob des Heilfastens. Mäßigung, Selbstbeschränkung, Verzicht, Reinigung und Askese sind die neuen Werte, die die leiblichen und seelischen Genüsse kanalisieren sollen. Nach Überfluss und Völlerei nun die neue Kargheit, in der die postmaterialistische Sinnsuche stattfindet.

Ist das die Freiheit, die wir meinen? Der Druck zum gesunden, normiert glücklichen, Verzicht übenden Leben wächst. Die, die ihn gutheißen, sehen sich als Kollektiv der Richtigmacher. Und die, die anders leben wollen? Der Staat legt es zunehmend darauf an, sie in paternalistischer Manier vor sich selbst zu schützen.

Moden, Essgewohnheiten oder der unterschiedliche Gebrauch von Genussmitteln waren schon immer soziale und kulturelle Distinktionsmerkmale, um sich von anderen abzugrenzen. Heute propagiert die Avantgarde einer bildungsbürgerlichen, liberal bis grünen, urbanen Mittelschicht den Wandel. Veganismus und Vegetarismus sind die neuen Heilslehren – oder aber die Steinzeitküche, also zurück zu den Ursprüngen. Die Anhängerschaft der einen Richtung gerät dabei flugs in Streit mit den Jüngern anderer Fraktionen. Es geht um Körper-, aber auch um Seelenheil – man möchte fast von privater Religion sprechen.

In jedem Fall sind Körper und Stoffwechsel zum Medium nicht nur individueller Sinnstiftung geworden. Denn heute versammelt man sich offensichtlich wieder gerne im Kollektiv, um sich und der Welt Sinn zu geben. Die Begeisterung für die Ursprünglichkeit und die kulturell nicht überformte, unverdorbene Natur erinnert zuweilen an die Bewegung der Lebensreformer, die seit Mitte des 19. Jahrhundert das Heil in der Natur sahen. In der Skepsis gegenüber der modernen Urbanität, der Kritik an Konsumismus und Hedonismus berühren sich konservative Kulturkritik, bürgerlicher Kulturpessimismus und linke Gesellschaftskritik, die an die marxistischen Postulate der Entfremdung und Ausbeutung anknüpft. In der Skepsis gegenüber Fortschritt, Wachstum und Kapitalismus spiegeln sich offensichtlich Zweifel an der bisher erfolgreichen westlichen Zivilisationsgeschichte – erst recht, wenn deren Werte und Errungenschaften von außen massiv unter Druck geraten.

Sind die neue Askese und der Wunsch nach Katharsis womöglich Reaktionen auf die Bedrohung von außen? So, als müsse der Westen für seinen bisher üppigen, an diesseitiger Lebenslust orientierten Lebensstil Buße tun? Der Kampf um das richtige Essen und die richtige Lebensweise ist inzwischen auf jeden Fall hochpolitisch geworden. Es geht darin nicht nur um Gesundheit, Selbstoptimierung, Selbstvergewisserung und das eigene Seelenheil, sondern oft um nichts weniger als die Rettung der ganzen Welt.

Am John Stuart Mill Institut für Freiheitsforschung haben wir im Rahmen unseres Forschungsprojekts „Genuss – Askese – Moral. Über die Paternalisierung des guten Lebens“ Wissenschaftler, Fachleute und Publizisten versammelt, die dieser komplizierten Gemengelage zu Leibe rücken. Neben dem kulturell-sozialen Bedeutungswandel von Genussmitteln und der Veränderung von Ernährungsgewohnheiten geht es in dem Projekt auch um staatliche Moralpolitiken. Auf welche Weise und in welchem Maße greift der Staat in die Lebenswelt seiner Bürger ein? Ist das gute Leben und das Streben nach Glück Privatsache jedes Einzelnen – oder darf und soll der Staat die Bürger in paternalistischer Manier vor sich selbst schützen?

Mit immer neuen Verordnungen und Verboten wird aus Berlin und Brüssel eine Moralpolitik betrieben, die die Bürger auf den rechten Weg bringen will. Und die Bürger ihrerseits rufen verstärkt nach staatlichen Verboten, die ihren Alltag regeln sollen – wie der jährlich vom John Stuart Mill Institut erhobene „Freiheitsindex“ zeigt. Auf unsere Frage danach, was der Staat auf jeden Fall verbieten und damit die Menschen vor sich selber schützen müsse, verlangten 65 Prozent der Befragten beispielsweise ein Verbot ungesunder Lebensmittel – vor 10 Jahren forderten dies nur 54 Prozent der Bürger. Der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit – wo war der noch?

Aus dem von unserer Autorin Ulrike Ackermann erwähnten Forschungsprojekt ist ein Buch hervorgegangen, das dieser Tage erschien: Genuss – Askese – Moral. Über die Paternalisierung des guten Lebens, herausgegeben von Ulrike Ackermann und Hans Jörg Schmidt. Verlag Humanities Online, Frankfurt am Main 2016. 168 Seiten, 19,80 Euro, als E-Book 13,80 Euro. www.humanities-online.de

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