Allianz für das Wohnen: Berlin und Brandenburg brauchen einander

Die Länder Berlin und Brandenburg vernachlässigen die Zusammenarbeit für eine gemeinsame Zukunftsperspektive. Dabei sind beide schon heute stark aufeinander angewiesen

Von Christine Edmaier und Grit Westermann

07.04.2016 – DER HAUPTSTADTBRIEF 135

Grit Westermann ist Vorstand der genossenschaftlichen PSD Bank Berlin-Brandenburg und mit dem Thema Immobilien­finanzierungen in der Region seit über 26 Jahren vertraut. Christine Edmaier ist Präsidentin der Architektenkammer Berlin. Seit 1992 betreibt sie ein eigenes Büro für Architektur und Städtebau. Für den HAUPTSTADTBRIEF plädieren die beiden für mehr Zusammenarbeit der Länder Berlin und Brandenburg.

Bis zum Jahr 2040 soll die Bevölkerung Brandenburgs auf nur noch 2,2 Millionen Menschen sinken. Gleichzeitig soll das Durchschnittsalter um mehr als sieben Jahre steigen. Berlin geht nach den Prognosen den umgekehrten Weg: Geringerer Alterszuwachs und steigende Bevölkerungszahlen prägen sowohl die wirtschaftliche Entwicklung als auch den Wohnungsmarkt. Die Berliner Industrie- und Handelskammer spricht vor diesem Hintergrund von einer Renaissance der Innenstädte, steigenden Anforderungen an Klimaschutz und Energieeffizienz sowie infolgedessen von veränderten Bedarfen in der Wohnraumplanung – auch und gerade im Verbund mit seinem umgrenzenden Nachbarland.

Symbol der selbstbezogenen Repräsentationslust, Variante Berlin: das im Bau befindliche Stadtschloss. Eine tragfähige Strategie dafür, wo die bis 2030 auf vermutlich 4 Millionen angewachsene Bevölkerung dann wohnen wird, sollte mindestens ebenso engagiert vorangetrieben werden.

Symbol der selbstbezogenen Repräsentationslust, Variante Brandenburg: das wiederaufgebaute Potsdamer Stadtschloss. Während Berlin wächst, geht die Bevölkerungszahl in Brandenburg zurück. Beide brauchen eine gemeinsame, zukunfts­fähige Wohnungs- und Mobilitäts-Strategie.

Hauptstadt und Region verflechten. Bislang hat das Land Berlin darauf eher selbstbezogen reagiert, mit dem Anspruch, drängende Zukunftsfragen wie soziale und technische Infrastruktur, Verkehr und Mobilität und auch das Wohnen weitgehend allein zu bewältigen. Angrenzende Räume, das zeigt das Beispiel Lichterfelde Süd, haben dabei häufig das Nachsehen. Die Verbindung von verdichteter Metropole und dünn besiedelten Kulturlandschaften ist bislang nur eine Illusion. Eine der Hürden für ein konzertiertes Vorgehen: In der öffentlichen Meinung werden die Interessen von Unternehmen, Banken, Wohnungsbaugesellschaften, Mieter- und Vermieterverbänden häufig als Gegensätze definiert und gegeneinander ausgespielt.

Die Stadt Berlin soll voraussichtlich im Jahr 2030 die Rekordmarke von vier Millionen Einwohnern erreichen. Damit stellen sich automatisch Fragen zur Wohnsituation innerhalb und außerhalb der Hauptstadtregion sowie zu den damit verbundenen Pendlerströmen. Dafür fehlt in Berlin und Brandenburg derzeit eine belastbare Strategie. Zwar steht der Berliner Immobilienmarkt seit Jahren im Fokus europäischer Investoren, doch auf den übrigen Investitionsfeldern, die das Wohnen erst wohnlich machen, fällt Berlin zurück. Bei den tatsächlichen Investitionen landet die Stadt plötzlich in einer Vergleichsgruppe mit Antwerpen, Kopenhagen oder Stockholm – und nicht mit Metropolen wie Paris oder London.

Um Bewegung in die verfahrenen Diskussionen zu bringen, haben die Stiftung Zukunft Berlin, die Urania Berlin und die PSD Bank Berlin-Brandenburg die „Allianz für das Wohnen“ ins Leben gerufen. Sie bietet allen Beteiligten ein Forum zum Dialog und betont die Relevanz des Wohnens für die Gesellschaft als Ganzes. Um die Herausforderungen der Zukunft zu bewältigen, ist ein verbesserter Dialog zwischen den Regionen eines der wesentlichen Ziele der „Allianz für das Wohnen“.

Hindernisse im gegenseitigen Umgang abbauen. Dass die Hürden für ein gemeinsames Vorgehen von Berlin und Brandenburg so ausgeprägt sind, erstaunt, da die Zusammenarbeit zumindest der öffentlichen Verwaltungen in keiner Metropolregion Deutschlands so ausgeprägt ist. Beide Bundesländer haben rund hundert Verwaltungsvereinbarungen und Staatsverträge geschlossen. Doch diese Kooperationen – ob Rundfunk Berlin-Brandenburg, Medienanstalt oder Flughafengesellschaft – umschließen nur selten Institutionen und Unternehmen, die das Wohnen später finanzieren und realisieren. Wenn es um eine wirtschafts- und entwicklungspolitische Kooperation geht, stehen beide Bundesländer eher noch auf der Bremse.

Bei den städtebaulichen Debatten beider Bundesländer drängt sich vielmehr der Verdacht auf, dass die Akteure Wohnen mit Unterbringen verwechseln. Berlin und Brandenburg brauchen diesbezüglich eine gedankliche Kurskorrektur, denn am Wohnen hängen Familie, Freizeit, Schule, Freunde und der Kontakt zur Stadt – und damit wirtschaftliche Faktoren, die im ureigenen Interesse beider Länder liegen sollten. Das Wohnen stellt die entscheidende Klammer für Folgeinvestitionen und ein gesundes Wachstum in der Gesamtregion dar.

Eine Vision für das Wohnen entwickeln. Wie dringend der Bedarf für ein abgestimmtes Vorgehen ist, zeigt ein Blick auf die Baustellen der Republik. Denn die meisten Wohnungen entstehen aktuell ausgerechnet dort, wo sie langfristig niemand braucht. Davor warnt das Institut der deutschen Wirtschaft und empfiehlt, Anreize zu schaffen, damit Vermieter und Käufer in diesen Orten vermehrt in bestehende Immobilien investieren und die Landschaft nicht noch weiter zersiedeln. Berlin und Brandenburg brauchen einander offenbar, um die Region sinnvoll zu gestalten und adäquate Antworten zu finden: auf die demografische Entwicklung sowie die veränderte Nachfrage nach Wohnraum und vor allem nach Wohnlagen. Nicht allein die Wohnungsmenge spielt dabei die entscheidende Rolle, sondern auch Akzeptanz und tatsächliche Inanspruchnahme.

Das Wohnen, der Wohnort und die Wohnform strukturieren sowohl die konkrete Nachfrage als auch das erforderliche Nachdenken über das Wohnen in Berlin und Brandenburg. Daraus folgen gemeinsame Entwicklungsmodelle wie der Achsenstern für Berlin oder Ankerstädte im Umland, die ländliche Räume an die Großstadt anbinden. Intelligent ausgebaute Nahverkehrsnetze und Verkehrskorridore zu den Wachstumszentren der Region gehören ebenfalls dazu. Als ersten Meilenstein auf dem Weg zu einer engeren Kooperation beim Thema Wohnen schlagen wir eine gemeinsame „Lokale Bauausstellung“ LOBA 2020 vor. Darin steckt auch die Chance, dass beide Länder wieder als Duo agieren.

Berlin-Brandenburg zur „Smart Region“ machen. Wie eine erfolgreiche Zusammenarbeit aussieht, haben Berlin und Brandenburg mit der gemeinsam aufgelegten Innovationsstrategie längst bewiesen. Die Wirtschaftsförderpolitik bietet sich als Modell für ein städtebauliches Entwicklungskonzept an. Beide Länder brauchen zudem eine vergleichbare Datengrundlage für die gesamte Hauptstadtregion: von Bevölkerungsentwicklung über Miethöhen bis hin zur verkehrstechnischen Anbindung. Vorschläge dafür liegen bereits auf dem Tisch, wie etwa die sternförmige Anbindung ländlicher Räume an das öffentliche Nahverkehrsnetz oder Erleichterungen für grenznahe Regionen beim Schulbesuch im jeweils anderen Bundesland. Die langfristige Festlegung zukünftiger Entwicklungsschwerpunkte unter Schonung noch vorhandener, zusammenhängender Grünflächen kann dabei als gemeinsames Ziel einer „Smart Region“ aufgezeigt werden.

Die Europäische Union fördert diese Form der Zusammenarbeit inzwischen mit dem Smart-Region-Programm. In Deutschland profitieren davon beispielsweise die Städte Bremen und Oldenburg in Niedersachsen, die sich gemeinsam zukünftigen Herausforderungen stellen und dabei sogar die niederländischen Städte Groningen und Assen einbeziehen. Berlin und Brandenburg haben es dagegen versäumt, dem Konzept der Hauptstadtregion in ähnlicher Form Leben einzuhauchen. Es wird Zeit, die Vielfalt der Hauptstadtregion und die vielen Zuzüge als Katalysator für eine längst fällige Entwicklungsstrategie zu nutzen.

Die Stiftung Zukunft Berlin, zu deren Initiative „Allianz für das Wohnen“ unsere Autorinnen Christine Edmaier und Grit Westermann gehören, ist ein unabhängiges Forum für bürgerschaftliche Mitverantwortung – zum Wohle Berlins und darüber hinaus. Mehr auf der Website der Stiftung unter www.stiftungzukunftberlin.eu

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