Keine Zinsen sind gut für Staaten und schlecht für Stiftungen

Die Folgen der EZB-Nullzinspolitik für das Gemeinwohl in Deutschland sind sehr nachteilig

Von Petra Träg

13.05.2016 – DER HAUPTSTADTBRIEF 136

Petra Träg verantwortet seit 2003 in ihrer Funktion als Geschäftsführung der SOS-Kinderdorf-Stiftung die Verwaltung und das Anlagemanagement der Dachstiftung sowie der 63 Treuhandstiftungen. Für den HAUPTSTADTBRIEF beschreibt sie, warum die EZB-Geldpolitik den deutschen Stiftungen schadet und das Sozialkapital Deutschlands vermindert – zulasten von Schwachen und Hilfsbedürftigen.

Kredite werden billiger – manche Staaten können mit ihren Schulden mittlerweile Geld verdienen, anstatt dafür zu zahlen. Möglich macht diese absurde Situation die derzeitige Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB). Die Kollateralschäden tragen die deutschen Sparer, Lebensversicherer, Pensionskassen – aber auch wohltätige Stiftungen. Die negativen Auswirkungen für das Gemeinwohl in Deutschland werden jedoch häufig übersehen oder unterschätzt. Denn für viele deutsche Stiftungen wird es zunehmend schwieriger, ausreichende Erträge zu erwirtschaften.

Gemeinnützige Stiftungen aber helfen mit ihren Erträgen genau dort, wo der Sozialstaat seine Grenzen findet, wo benachteiligte Kinder oder bedürftige oder behinderte Menschen Unterstützung brauchen. Das Sozialkapital hierfür haben meist Privatpersonen durch eigenen Konsumverzicht erspart und im Stiftungswege für das Gemeinwohl zur Verfügung gestellt. Politischer Wille hinter diesem Prinzip des Stiftungsgedankens war, das soziale Engagement der Bürger zu fördern.

Durch die Reform des Stiftungssteuerrechts hat sich seit dem Jahr 2000 die Zahl der Stiftungen in Deutschland auf über 21 000 mehr als verdoppelt. Das Sozialkapital, das sie verwalten, beträgt zirka 100 Milliarden Euro. Nach dem Stiftungsgesetz müssen Stiftungen ihr Stiftungskapital „sicher und wirtschaftlich“ – also ertragreich – anlegen. Das heißt, es muss ein positiver Ertrag zur Satzungszweckerfüllung erwirtschaftet sowie das Stiftungskapital dauerhaft erhalten werden. Deswegen investierten viele Stiftungen überwiegend in erstklassige Anleihen solider Unternehmen und zu geringem Teil in Aktien.

Die EZB-Politik konterkariert nun nicht nur die Bemühungen des Staates, mehr private Gelder für Gemeinwohlaufgaben zu mobilisieren – sie reduziert auch drastisch die Wirkungskraft des bestehenden Sozialkapitals. Die Grafik „Renditen erstklassiger Anleihen tendieren gegen Null“ zeigt, wie die Renditen eines 7-jährigen Pfandbriefs gegen Null gedrückt wurden. In Zahlen: Erzielte eine Stiftung mit 100 000 Euro in dieser Anlageform kurz vor Mario Draghis Amtsantritt als EZB-Präsident noch einen jährlichen Ertrag von 2810 Euro, sind es heute nur noch 320 Euro – und damit 89 Prozent Ertragsrückgang innerhalb von viereinhalb Jahren! Bei weiteren Anleihekäufen der EZB wird es immer weniger Anleihen mit positiver Rendite geben. Je länger die Nullzinspolitik anhält, desto dramatischer werden die Auswirkungen und desto größer wird der Schaden für das Gemeinwohl.

Auch wenn die EZB ihr Ziel erreicht, die Inflation auf knapp 2 Prozent anzukurbeln, wird die Situation für Stiftungen nicht besser, im Gegenteil: Das Stiftungskapital wird real entwertet, und das Drittel der Erträge, das eine Stiftung zum Inflationsausgleich zurücklegen darf, reicht bei weitem nicht, um dem entgegenzuwirken. Je größer die Lücke, desto rapider summiert sich der Geldwertverlust über die Jahre. (Siehe Infografik „Auch niedrige Inflationsraten führen zu hohem Geldwertverlust“.) Selbst ein mit dem Inflationsanstieg verbundener Zinsanstieg – sofern dergleichen passiert, denn das Ziel ist ja finanzielle Repression – hilft den Stiftungen zunächst kaum, weil die in der Nullzinsphase gekauften Anleihen dann noch einige Jahre laufen.

Nach einer aktuellen Studie des Wirtschaftsberatungsunternehmens PricewaterhouseCoopers (PwC) ist ein Stiftungssterben kleinerer Stiftungen zu erwarten (72,4 Prozent aller Stiftungen haben ein Vermögen von unter 1 Million Euro), sofern diese nicht in risikoreichere Anlagen mit höheren Erträgen umsteigen. Der künstlich niedrige Zins beeinflusst jedoch auch andere Anlageklassen und führte bei Sachwertanlagen zu Vermögenspreisinflation. Alternativanlagen mit einem höheren laufenden Ertrag wie Aktien und Immobilien können mittlerweile nur zu deutlich gestiegenen Preisen gekauft werden.

Die SOS-Kinderdorf-Stiftung ist derzeit in der glücklichen Situation, dass sie durch Zustiftungen die Kapitalbasis trotz der insgesamt ungünstigen Situation deutlich erhöhen konnte – und nur ein größeres Stiftungskapital ermöglicht eine Diversifikation in Direktimmobilien. Das sieht bei den anderen Stiftungen leider ganz anders aus. Die meisten deutschen Stiftungen sind mit einem Stiftungskapital von unter 1 Million Euro ausgestattet, und je nachdem, in welchem Bundesland die Stiftung ihren Sitz hat, sind die Möglichkeiten der Diversifikation unterschiedlich. Stiftungsrecht ist Landesrecht, und jede Stiftungsaufsicht regelt selbständig, welches Maß an Diversifikation sie zulässt. Je nach Maßgabe der jeweiligen Stiftungsaufsichtsbehörden kann es etwa einer Stiftung auferlegt sein, ihren Aktienanteil bei maximal 30 Prozent zu halten.

Die Geldpolitik wirkt sich nicht nur auf die Ertrags- und Vermögensentwicklung gemeinnütziger Stiftungen massiv aus. Es gibt weitreichendere negative Effekte, die zum Teil noch kaum wahrgenommen werden. Denn die Stiftungslandschaft selbst verändert sich. Stiftungsneugründungen sind seit Jahren rückläufig und befinden sich inzwischen wieder auf dem Level von 1999. Einige Stifter, die Teile ihres Privatvermögens für das Gemeinwohl zur Verfügung gestellt haben, sind enttäuscht von dem geringen Fördervolumen beziehungsweise überfordert mit der Kapitalanlage und möchten sich aus ihrer Stiftung zurückziehen. Ehrenamtlich tätige Nachfolger sind bei diesen Rahmenbedingungen und aufgrund der persönlichen Haftung schwer zu finden.

Um die Einnahmelücke aus den gesunkenen Erträgen zu stopfen, beginnen auch Stiftungen, die sich bisher nie über Spenden finanziert haben, Zuwendungen zu akquirieren. Damit machen sie den gemeinnützigen Vereinen Konkurrenz, die ihre Projekte grundsätzlich durch Spenden finanzieren. Kurz: Es findet eine Umverteilung im Spendenmarkt statt.

Die Erschließung anderer Einnahmequellen ist aber unerlässlich, um die Gemeinnützigkeit nicht zu verlieren, denn die nicht vermeidbaren Verwaltungskosten (wie etwa für Abschlussprüfung, Konto- und Depotgebühren) dürfen einen angemessenen Rahmen von maximal 50 Prozent der zufließenden Mittel nicht überschreiten. Die Nullzinspolitik verschlechtert die Verwaltungskostenquote – ohne Verschulden der Stiftungsvorstände.

Deshalb müssen sich Stiftungen durch breitere Anlagediversifizierung unabhängiger von der Geldpolitik machen. Ein Blick in die Geschichte zeigt die Notwendigkeit (siehe Kasten „Schon die Währungsreform 1923 brachte Stiftungen in die Krise“). Auch in der Vergangenheit wurde nach extremen Ereignissen versucht, die schlechte wirtschaftliche Situation des Landes mit Geldpolitik zu kurieren. Scheiterte dies und kam es nach der Geldverschlechterung zur Währungsreform, waren Stiftungen mit ausschließlich „sicheren“ Anleihen, gerade als ihr Wirken am dringendsten gebraucht wurde, kaum oder gar nicht mehr in der Lage, in diesen Notzeiten zu helfen.

Fazit: Die aggressive Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank hat einen ungewissen Ausgang für den Bestand des Sozialkapitals – und unter den Folgen dieser Situation haben vor allem Schwache und Hilfsbedürftige zu leiden.

Informationen zu den Stiftungen in Deutschland finden sich auf der Website ihres Bundesverbands, der die Interessen der mehr als 20 000 Stiftungen in Deutschland vertritt unter www.stiftungen.org

Die Studie des Wirtschaftsberatungsunternehmens PricewaterhouseCoopers „Fünf Jahre Niedrigzinsphase und kein Ende in Sicht“, auf die unsere Autorin Petra Träg sich in ihrem Beitrag bezieht, ist hier herunterzuladen: www.pwc.de/de/steuerberatung/stiftungen-gehen-wegen-niedriger-zinsen-staerker-ins-risiko.html

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