Engagierte künstlerische Selbstvertretung

Der Verein Berliner Künstler ist soeben 175 Jahre alt geworden – ein Gespräch mit der Vereinsvorsitzenden Sabine Schneider

Von Peter Funken

01.07.2016 – DER HAUPTSTADTBRIEF 137

Dr. Peter Funken ist Kunstvermittler und Kurator der Kunstmesse Berliner Liste, die im September 2016 zum dreizehnten Mal stattfinden wird. Sabine Schneider ist Malerin und Erste Vorsitzende des Vorstands des Vereins Berliner Künstler. Für den HAUPTSTADTBRIEF sprachen sie über das 175. Jubiläum des Vereins, über seine künstlerischen Inhalte und seine Ziele.

Die Wurzeln des Vereins Berliner Künstler (VBK) reichen weit zurück – er ist der älteste seit seiner Gründung kontinuierlich arbeitende Künstlerverein nicht nur Deutschlands, sondern auch Europas. Vor 175 Jahren wurde die selbstverwaltete Künstlervereinigung als Nachfolgeverein des 1814 von dem Bildhauer Johann Gottfried Schadow in Berlin gegründeten Berlinischen Künstlervereins ins Leben gerufen. Gebührend gefeiert wird das Jubiläum mit zehn Ausstellungen, unter Beteiligung von 84 Künstlerinnen und Künstlern. Im Gespräch mit Peter Funken informiert die Erste Vorsitzende Sabine Schneider über die Geschichte und die Ziele des traditionsreichen Vereins.

Zur Feier des Tages in Farbe getaucht: Eine Lichtinstallation von Philipp Geist illuminierte am 19. Mai 2016 das Haus am Schöneberger Ufer vis-à-vis der Neuen Nationalgalerie, in dem der Verein Berliner Künstler (VBK) seine Räume hat – exakt 175 Jahre nach der Gründung des ältesten Künstlervereins Deutschlands im Jahr 1841.

PETER FUNKEN: Der VBK wurde 1841 in der Ära König Friedrich Wilhelm IV. in der preußischen Hauptstadt  gegründet. Welche Ziele hatte der Verein damals – war er ein Ort des Aufbruchs und des Neuen?

SABINE SCHNEIDER: Wie viele der damals gegründeten Vereine hatte der VBK auch einen emanzipatorischen Ansatz: Selbstorganisation, Solidarität mit notleidenden Kollegen und Witwen und Waisen, später die Entwicklung alternativer Ausstellungsmöglichkeiten, ein ausgeprägtes Vereinsleben mit Vorträgen und Gesprächen über Kunst und Literatur, aber auch mit großen Festen wie dem „Pergamonfest“ im Jahr 1886, einem „altgriechischen“ Künstlerfest nahe dem Lehrter Bahnhof – das war der VBK im 19. Jahrhundert. Zu seinen Mitgliedern gehörten Adolph Menzel, Heinrich Zille, Hans Baluschek, Max Liebermann und viele andere bedeutende ebenso wie heute nicht mehr bekannte Künstler. Künstlerinnen fehlten lange in den illustren Reihen, ihnen war der Zugang verwehrt. Für sie gab es seit 1871 den Verein der Berliner Künstlerinnen – und tatsächlich erst seit 1990 werden Frauen in den VBK aufgenommen. Bis zur Gründung der „Berliner Secession“, die sich 1898 aus dem Verein abspaltete, war der VBK die führende Künstlervereinigung Berlins. Der Streit zwischen beiden Gruppen entbrannte bereits 1892, als eine knappe Mehrheit des VBK unter dem damaligen Vorsitzenden Anton von Werner die vorzeitige Beendigung einer Ausstellung des Malers Edvard Munch beschloss – der erste deutsche Kunstskandal.

Welche Aufgaben stehen heute im Zentrum der Vereinsarbeit?

Über all die 175 Jahre spielten professionell kollegiale, soziale und fachliche Unterstützung, Kommunikation und Diskurs zu Themen der Kunst und Kunstproduktion eine zentrale Rolle – bei wechselnder Schwerpunktsetzung. Heute geht es uns um künstlerisches Selbstmanagement, konkret um die Entwicklung von Ausstellungskonzepten und -formaten, um Präsentationen in unserer Galerie am Schöneberger Ufer und an anderen Orten. 2015 hatten wir beispielsweise Austauschprojekte mit Künstlerinnen und Künstlern aus Seoul, Danzig und Miami, und dieses Jahr kooperieren wir mit Kollegen aus Haifa. Wir arbeiten an Projekten mit nationalen und internationalen Künstlervereinen und Kulturinstitutionen – also an der Vernetzung von Künstlern im In- und Ausland. 2012 haben wir den Artist Club Berlin (ACB) gegründet als Forum für eine junge Generation von Künstlern und Kuratoren, mit Vorträgen und Diskussionen für die interessierte Öffentlichkeit und das Fachpublikum.

Wird der Verein öffentlich unterstützt, so wie der Neue Berliner Kunstverein und die Neue Gesellschaft für Bildende Kunst?

Trotz entsprechender Initiativen von unsere Seite scheint leider ein gemeinnütziger Verein, ein „e.V.“, für den Senat unattraktiv zu sein, denn am VBK geht – anders als der durchaus wünschenswerte aktuelle Fokus auf Projekträume und die alternative Szene – das Augenmerk der institutionellen Öffentlichkeit und des Kultursenats weitgehend vorbei. So haben wir für unser Jahresprogramm zum 175. Jubiläum bisher keine finanzielle Unterstützung durch den Senat erhalten – ein bedauerlicher Mangel an Wertschätzung. Das Jubiläumsjahr steht aber unter der Schirmherrschaft von Monika Grütters, der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, und für die historischen Anteile des Programms sowie für die Publikation hat der Bund Mittel bewilligt. Grundsätzlich aber leisten die Künstler – der Verein hat derzeit 116 Mitglieder – einen erheblichen finanziellen Eigenanteil an allen Projekten und Ausstellungen.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Meine Wünsche sind konkret, denn wir sind ein ausschließlich durch Mitgliedsbeiträge und den Freundeskreis finanzierter Verein: viele Besucher unserer Ausstellungen, Beachtung durch die Presse, noch mehr Berlinerinnen und Berliner, die unserem Freundeskreis beitreten, weiterhin Interesse junger Kulturakteure an den ACB-Veranstaltungen, Zusammenarbeit mit jungen Kuratoren – und mehr finanzielle Unterstützung unserer Projekte durch die öffentliche Hand.

Der Verein Berliner Künstler (VBK) feiert sein 175-jähriges Bestehen das ganze Jahr 2016 über mit einem breiten Spektrum von Ausstellungen und begleitenden Veranstaltungen, sowohl in seinen eigenen Galerieräumen wie auch an anderen Orten. Die Galerie des VBK am Schöneberger Ufer 57, 10785 Berlin, ist geöffnet Dienstag bis Freitag von 15 bis 19 Uhr, Sonnabend und Sonntag von 14 bis 18 Uhr. Mehr unter www.vbk-art.de

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