Die einen kommen mit Fahnen, die anderen gehen lieber in Deckung

Die Türkei verwandelt sich vor unseren Augen in eine Präsidialdiktatur – und Erdogan-treue Deutschtürken triumphieren, während ihre in Deutschland gut integrierten Nachbarn mit einer Erdogan-kritischen Haltung hinter dem Berg halten, um Anfeindungen zu entgehen

Von Güner Yasemin Balci

12.12.2016 – DER HAUPTSTADTBRIEF 139

Güner Yasemin Balci ist Buchautorin und Fernsehjournalistin. Die gebürtige Berlinerin aus türkisch-kurdischem Elternhaus veröffentlichte zuletzt den Dokumentarfilm Der Jungfrauenwahn sowie das Reportagebuch Das Mädchen und der Gotteskrieger. Für den HAUPTSTADTBRIEF beschreibt sie, wie die beklemmende politische Lage in der Türkei lange dunkle Schatten bis nach Deutschland wirft – und warum zu den Leid­tragenden gerade die gut integrierten Deutschtürken zählen.

Die Türkei verwandelt sich derzeit vor unseren Augen in eine Diktatur – und jeder, ob Türke oder Deutschtürke, der das deutlich sagt, geht ein Risiko ein. Selbst wer hier lebt, hat dabei einiges zu verlieren. Das Mindeste ist ein Einreiseverbot in die Türkei, aber auch das bedeutet, Familie und Freunde auf unbestimmte Zeit nicht wiedersehen zu können. In der deutschen Öffentlichkeit mag eine kritische Äußerung zum derzeitigen Zustand der Türkei wie ein Flügelschlag vorbeiziehen – am Bosporus aber kann sie einen Tornado an Reaktionen auslösen.

Die Menschen haben Angst. Deshalb beherrschen lärmende Zehntausende Erdogan-Anhänger unsere Straßen, ohne auf Hunderttausende türkischstämmige Gegendemonstranten zu treffen. Daraus zu schließen, „die Türken“ stünden alle hinter Erdogan, ist falsch. Aber die, die nicht hinter ihm stehen, hat ein Ohnmachtsgefühl erfasst angesichts einer Entwicklung, in der systematisch Unrecht zu Recht erklärt wird. Der Kampf um eine freie, demokratische Türkei scheint vorerst verloren.

Die einen hüllen sich in Fahnen, die anderen in Schweigen: Wer als Deutschtürke Anhänger von Recep Tayyip Erdogan und seiner Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung (AKP) ist, macht aus seiner nationalistisch-islamistischen Einstellung keinen Hehl. Wer hingegen die Diktatur in der Türkei nicht gutheißt, weil in Deutschland integriert und freiheitlich-demokratisch denkend, hält den Mund, um verbalen und physischen Übergriffen aus dem AKP-Lager keinen Anlass zu liefern.

Der Ausnahmezustand gilt auf unbestimmte Zeit, Oppositionsparteien sind nur noch Statisten in Recep Tayip Erdogans Sultanat, und wer nicht verfolgt werden will, der hält den Mund. Der gescheiterte Putschversuch hat es Erdogan erleichtert, seinen Traum von der Umrüstung einer parlamentarischen Demokratie in ein autoritäres Präsidialsystem schneller als erhofft umzusetzen. Und wer sich heute für seinen Kontrahenten Fethullah Gülen einsetzt, sollte nicht vergessen, dass die beiden einst gute Freunde waren und dass Gülen-Anhänger im Staatsdienst nach 2007 unzählige Andersdenkende unter falschen Behauptungen von ihren Posten enthoben und ohne Prozess ins Gefängnis brachten.

Was ist passiert? Das fragen sich heute viele angesichts der Massen von Deutschtürken, die voller Inbrunst für Erdogan, gegen Pressefreiheit, gegen Menschenrechte und für die Wiedereinführung der Todesstrafe in der Türkei hier in Deutschland demonstrieren.

Die Antwort ist schlicht: Nichts. Die nationalistischen Türken mit ihrem orthodoxen Islamverständnis waren schon seit den frühen 1960er-Jahren Teil der alten Bundesrepublik – sie sind damals und bis heute nur gern übersehen worden, selbst wenn sie sich offen zu den Zielen der „Grauen Wölfe“ bekannten, einer nationalistischen Gruppierung, die sich als reine Rasse definiert und Weltmachtphantasien hegt. Aber für viele Deutsche ist offenbar ohnehin nur ein deutsch-deutscher Nazi ein echter Nationalist.

Dass es ebenso gut einer sein kann, der Ahmet oder Betül heißt, dafür fehlte den meisten Deutschen nicht-türkischer Herkunft bisher die Phantasie. Hinzu kam in der Vergangenheit der fatale Multikulti-Reflex nach dem Motto: Das ist eben Heimatverbundenheit und Pflege der Herkunftskultur. Hinzu kommt heute ein ebenso fataler Islamverteidigungs-Reflex, der beispielsweise dazu führt: Eine kopftuchtragende Juristin und Aktivistin preist in ihrem Blog die Massenverhaftungen in der Türkei als lang ersehnte „Säuberung“ von Allahs Gnaden und wird dafür kritisiert –  umgehend springen ihr deutsche Kollegen zur Seite, um der „Muslima“ gegen angeblich islamophobe Hetze beizustehen.

Menschen, deren Vorfahren aus der Türkei eingewandert sind, lernen früh, dass es zwei Sorten von Deutschtürken gibt: jene aufgeklärten, gut integrierten, die die Armenien-Resolution des Bundestages überfällig fanden und in einer freien Demokratie leben möchten, und solche, die nur so tun, als ob sie Teil dieser Gesellschaft sind – in der Tiefe ihres Herzens aber vom groß-türkischen Reich träumen. Dieses Reich ist sunnitisch-muslimisch und grenzenlos, für alle Andersdenkenden bleibt da kein oder höchstens ein sehr eingeschränkter Lebensraum. Auch wenn diese groß-türkischen Phantasten nicht die Mehrheit unter den Deutschtürken stellen, so sind sie doch bestens organisiert in den Gemeinden der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (Ditib), in der Milli-Görüs-Bewegung (deutsch: Nationale Sicht) und in milliardenschweren Unternehmerverbänden mit guten Netzwerken in alle Bereiche des öffentlichen Lebens hinein.

Bei ihrer Doppelstrategie, an allen Vorteilen zu partizipieren, die Deutschland zu bieten hat, ohne dabei die eigene orthodox-muslimisch-nationale Ideologie aufzugeben, können sie immer auf die Unterstützung deutscher Volksvertreter zählen. Allein gelassen werden hingegen all die anderen: die kritischen Einzelkämpfer, für die es weder in der Türkei noch in Deutschland eine Lobby gibt – islamische Reformtheologen zum Beispiel, die in Deutschland lehren, deren Namen man hier aber öffentlich besser nicht nennt, weil sie sonst womöglich ihren Job an der Uni verlieren oder anderes Ungemach zu befürchten haben. Denn der lange Arm Erdogans reicht tatsächlich weit, und die Denunzianten sind auch hierzulande unter Deutschtürken hyperaktiv.

Die Türkei ist ein Vielvölkerstaat, den man seit der Republikgründung im Jahr 1923 versucht, mit Gewalt in einen Einvolkstaat zu verwandeln mit dem Ziel: die Türkei den Türken, den sunnitischen Muslimen – und die sollen alle bereit sein, fürs Vaterland zu sterben. Trotz Völkermorden an den Armeniern, den Aramäern und der Volksgruppe der Zaza in Dersim, trotz der andauernden Pogromstimmung gegen Kurden, trotz Zwangsumsiedlungen, Zwangsislamisierungen und Sprachverboten ist die Türkei immer noch multiethnisch mit verschiedenen Kulturen, Sprachen und Religionen. Die Mehrheit der Türken wird dem sunnitischen Islam zugerechnet, doch auch innerhalb dieser großen Gruppe gibt es zahlreiche Schattierungen, von atheistisch über agnostisch bis hin zu ultraorthodox, noch grösser ist die Vielfalt der politischen Ausrichtungen der Menschen.

Zu viele Türken – in der Türkei wie in Deutschland – stehen hinter Recep Tayip Erdogan und seiner Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung (AKP) – aber bei weitem nicht alle. Und vielleicht ist es sogar gut, dass die Heerscharen von islamistischen Kopftuchfrauen und Fahnen schwenkenden Türkisch-Nationalen auf Deutschlands Straßen sichtbar geworden sind. Vielleicht beginnt man jetzt endlich, den von der Ditib geprägten Islam-Unterricht an deutschen Schulen realistischer und damit kritischer zu betrachten als bisher.

Vielleicht wird man in Deutschland die neue öffentliche Inszenierung von nationalistisch-islamistischer türkischer Großmannssucht zum Anlass nehmen, eine ganze Reihe von Zugeständnissen zu überdenken, die diese Gesellschaft ihren so offensiv muslimischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern gemacht hat – obwohl sie mit einer freien, demokratischen und sakulären Gesellschaft nur schwer vereinbar sind.

Vielleicht wird durch die unübersehbare Zurschaustellung der Erdogan-Türken und ihrer demokratiefeindlichen Gedankenwelt gleichzeitig auch klarer als bisher, dass es Hunderttausende Türkeistämmige in Deutschland gibt, die mit diesen nationalistisch-islamistischen Umtrieben, die einer freien Gesellschaft und der Selbstbestimmung jedes Einzelnen zuwiderlaufen, nichts zu tun haben wollen – und die keine Lobby haben. Sie wären dankbar dafür, und sie hätten dann zum ersten Mal das Gefühl, dass man sie nicht allein lässt.

In ihrem letzten, im Sommer 2016 erschienenen Buch Das Mädchen und der Gottes­krieger beschreibt unsere Autorin Güner Yasemin Balci, wie die sechzehnjährige Berlinerin Nimet systematisch über WhatsApp angeworben wird, eine „Dschihad-Braut“ zu werden – und erst nach ihrem Eintreffen im Kalifat des Islamischen Staates (IS) an der türkisch-syrischen Grenze erkennt, wie übel ihr mitgespielt wurde. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2016. 320 Seiten, gebunden 19,99 Euro, als E-Book 17,99 Euro. www.fischerverlage.de

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