Zuerst Aufdeckung und Aufklärung

Aus der Laudatio von Frank-Walter Steinmeier zur Verleihung des Ernst-Dieter-Lueg-Preises an Stefan Aust

12.12.2016 – DER HAUPTSTADTBRIEF 139

Herr Aust, Sie haben bundesrepublikanische Zeitgeschichte beschrieben, aber Sie haben auch ein Stück Zeitgeschichte geschrieben. Als am 9. November 1989 der Schlagbaum an der Bornholmer Straße hochging, war nur ein einziges Kamerateam vor Ort: Ihres. Spiegel TV. „Immer hinterher, wo die Leute hinlaufen!“, hatten Sie dem jungen Georg Mascolo vorher noch zugerufen.

Von der RAF zur NSU, von Hans Filbinger zum Fall Schmücker: Viele Ihrer Recherchen haben dieses Land aufgerüttelt. Und sie haben es vorangebracht. Ihr Baader Meinhof Komplex zum Beispiel war mehr als ein großes investigatives Werk. Es war auch ein Stück dringend notwendiger gesellschaftlicher Aufklärung! Es hat den Deutschen Herbst entmythologisiert – nicht nur für Sie persönlich, sondern für Links und für Rechts, für die gesamte politische Landschaft. Und immer noch lassen diese Fälle Sie nicht los. Wer nachts durch die Flure des Springer-Hauses tappt, der könnte Stefan Aust in die Arme laufen, in fiebriger Suche nach dem Abhör-Tonband der Todesnacht von Stammheim.

Bundesminister Dr. Frank-Walter Steinmeier hält die Laudatio auf den Preisträger.

„I cross the bridge when I get there“, ist ein persönliches Motto, das Sie gerne zitieren. Sie sind in Ihrem Berufsleben an so manchen Graben gekommen, und Sie haben so manche Brücke überquert. Als Journalist, als Manager und als Unternehmer. Und Sie sind dabei zu einem der wichtigsten Innovatoren in der deutschen Medienbranche geworden. Spiegel TV, N24, Spiegel Online, XXP – Sie alle kennen die Stichworte, und die stolzen Verkaufskurven, für die Sie und Ihre Mitarbeiter hart gearbeitet haben.

Heute steht die Medienwelt vor dem nächsten Graben, aber die Brücke scheint weit weg: der Graben zwischen den sogenannten „etablierten Medien“ und den Winkeln des Internets, die sich als das genaue Gegenteil verstehen: als Anti-Establishment. Dazu nur eine kurze Bemerkung: Im amerikanischen Sprachgebrauch finden sich nur ganz wenige deutsche Worte. „Kindergarten“ gehört dazu. Und „Rucksack“. Jetzt, im Verlaufe des unglückseligen US-Wahlkampfs hat sich ein weiteres deutsches Wort in den amerikanischen Sprachgebrauch eingeschlichen: „Lügenpresse“. Das sollte uns zu denken geben.

Dr. Wolfgang Gerhardt (links) und Barbara Lueg, die Tochter des verstorbenen Ernst Dieter Lueg, überreichen Stefan Aust „für seine herausragende journalistische und publizistische Lebensleistung“ die Urkunde und die Medaille des Ernst-Dieter-Lueg-Preises 2016.

Wo Angst, Feindbilder und aufgepeitschte Emotionen viel, viel mehr Klicks erzeugen als Fakten und die besseren Argumente, da kommen Medien, die es mit ihrem Ethos ernst meinen, in existenzielle Schwierigkeiten. In dieser Lage, finde ich, überzeugt die Haltung eines Stefan Aust! Und die heißt zuallererst: Aufdeckung und Aufklärung. Herr Aust, manchmal wird über Sie gesagt, Sie seien kein „politischer Journalist“ – und das ist durchaus als Kompliment gemeint: Sie wollen den Leuten nicht lang und breit erklären, was sie zu denken haben. Sondern Sie wollen aufdecken! Die Fakten ans Licht bringen, die Hintergründe verstehbar machen und dabei möglichst eine gute Geschichte erzählen.

„Ignorance is the parent of fear“ – so heißt es in Ihrem Lieblingsroman, Melvilles Moby Dick. Unwissenheit ist die Mutter der Angst. Wenn wir heute – mehr denn je – Ängste in der Gesellschaft abbauen müssen, dann ist Aufdeckung und Aufklärung zwar noch nicht die Lösung – aber nichts anderes darf dem Versuch einer Lösung vorausgehen!

Eigentlich ist an Ihnen ein echter Kriminalist verloren gegangen. Und deswegen – zu guter Letzt – zeichnet Sie eine Eigenschaft aus, die in Politik und Medien selten ist: Sie sind vermutlich der Einzige in Berlin, der immer zurückruft. Denn es könnte ja sein, dass jemand neue Hinweise über das Bernsteinzimmer hat … Ich habe sie nicht, und deswegen höre ich jetzt auf.

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