Journalisten sind vor allem Aufklärer

Aus der Dankesrede von Stefan Aust

Ernst-Dieter-Lueg-Preis 2016

12.12.2016 – DER HAUPTSTADTBRIEF 139

Was soll man dazu sagen? Erst einmal vielen Dank an die Jury. Ich glaube, mit dem einen oder anderen Mitglied derselben habe ich mich auch schon mal angelegt – danke für Ihren Großmut! Und ganz besonderen Dank natürlich an den Laudator Frank-Walter Steinmeier – der auch im Laufe seiner politischen Karriere nicht immer gut auf mich zu sprechen war.

Vielen Dank an Ernst Dieter Lueg, der durch 31 Jahre Bericht aus Bonn zu einer wirklichen Legende wurde und diesem Preis deshalb seinen Namen verlieh. Unerschrocken war er, selbst Herbert Wehner gegenüber, der ihn deshalb mit „Herr Lüüg“ ansprach – was vielleicht als frühe Anspielung auf einen altmodischen Begriff, der wieder in Mode gekommen ist, betrachtet werden kann.

Stefan Aust bedankt sich für den Ernst-Dieter-Lueg-Preis, den er am 30. November 2016 für seine „herausragende journalistische und publizistische Lebensleistung“ erhielt.

Dass Reportern, Journalisten, Medien der Ü-Vorwurf gemacht wird, wenn sie über Unerwünschtes berichten, ist ja nicht neu, hat aber Konjunktur. Und ich glaube, man darf es sich nicht zu einfach machen, derartige Vorwürfe zurückzuweisen oder zu ignorieren – ganz egal, von wo sie kommen.

Journalisten sind vor allem Aufklärer. Sie sollen die Welt möglichst so darstellen, wie sie ist. „Schreiben, was ist“, so hat Rudolf Augstein das auf den Punkt gebracht. „Der Journalist“, so schrieb er, „hat nicht das Mandat, Wahlen zu gewinnen und Parteien zu promovieren. Er gerät auf die Verliererstraße, wenn er versucht, Kanzler und Minister zu machen, große oder kleine Koalitionen zu begünstigen, kurz, wenn er der Versuchung erliegt, Politik treiben zu wollen. Unternimmt er es dagegen, Erkenntnissen zum Durchbruch zu verhelfen und zu sagen, was ist, dann ist er mächtig.“ Das war keine falsche Bescheidenheit, sondern Einsicht in die wirkliche Wirksamkeit der Presse. Dass er sich selbst nicht immer an seine Maxime gehalten hat, steht natürlich auf einem anderen Blatt. Und dennoch glaube ich, dass eine Rückbesinnung auf die Grundsätze einer ganz altmodischen Aufklärung – ohne allzu viel eigenes Sendungsbewusstsein – durchaus am Platze wäre.

Wir haben in den letzten Monaten sehr deutlich sehen können, dass nicht nur die Demoskopen in ihren Vorhersagen oft erschreckend daneben lagen, sondern auch die Mehrzahl der Medien. Oft waren sie von Wunschdenken getrieben.

Das war in der Flüchtlingsfrage besonders deutlich. Flüchtlingstrecks, so hatten wir monatelang auf Fotos und Fernsehbildern gesehen, bestehen im Wesentlichen aus Familien mit Kindern, die über Wiesen und Feldwege zu Fuß zu uns kommen, um vor Krieg und Terror Schutz zu suchen. Dass es vor allem junge Männer waren, die aus den Armuts- und Krisengebieten der Welt zu uns kamen, wurde allzu oft unterschlagen. Plötzlich, nach der Silvesternacht in Köln, waren alle überrascht und entsetzt. Der gute Flüchtling mutierte zum bösen Mann. Dann war die Welt wieder korrekt in Ordnung.

Grenzen konnten nicht gesichert werden – bis es die Balkanstaaten taten. Der Brexit konnte nicht kommen – bis die Briten entgegen allen politischen, demoskopischen und journalistischen Prognosen anders als gewünscht und erwartet abstimmten. Die AfD? Bleibt unter 5 Prozent, keine Frage. Wer wählt denn die? Trump würde nie gewinnen – er tat es dennoch. Vielleicht hatten sich die Medien zu viel mit seinen Entgleisungen und zu wenig mit seinen potentiellen Wählern beschäftigt. Vielleicht waren viele Medien – aus den besten Gründen der Welt – zu sehr Partei, um die Realität so wahrzunehmen und darzustellen, wie sie ist. Ein allzu großes Sendungsbewusstsein verschleiert manchmal den Blick – weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

Aber ich will hier auch nicht zu viel journalistisches Sendungsbewusstsein präsentieren. Nur noch ein bisschen so weitermachen wie bisher. Themen gibt es genug. Das Privileg, in langweiligen Zeiten zu leben, scheint vorbei zu sein. Aber vielleicht kommt uns die Gegenwart auch immer dramatischer vor als die Vergangenheit, denn wir wissen ja nicht, was daraus wird. In diesem Sinne bedanke ich mich für das Privileg, in aufregenden Zeiten immer noch mitmischen zu dürfen.

Und wenn das dann auch noch mit einem Preis bedacht wird, freue ich mich ganz besonders. Das damit verbundene Preisgeld wird wieder investiert: in Recherchen.

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