Der Respekt gegenüber der alten Bausubstanz ist oberstes Gebot

Am Berliner Schinkelplatz wächst ein Neubauensemble, das gleich gegenüber dem wiederauferstehenden Stadtschloss liegt. Das neue alte Quartier Mitte wird das Quartier in Europa

Ein Hauptstadtgespräch mit Rafael Moneo

12.12.2016 – DER HAUPTSTADTBRIEF 139

Rafael Moneo ist Architekt in Madrid. Er ist Träger zahlreicher Auszeichnungen und Ehrenmitglied im Bund Deutscher Architekten. 2013 widmete ihm das Instituto Cervantes in Frankfurt am Main eine Ausstellung mit dem Titel „Rafael Moneo – Modelle für die Stadt“. Im Gespräch mit dem HAUPTSTADTBRIEF gewährt Rafael Moneo einen Einblick in die architekturtheoretische Konzeption seines Neubauprojekts am Schinkelplatz, dessen südlichen Bereich er gestaltet.

Neues Bauen zwischen historischen Baudenkmälern: Der südliche Bereich des Neubauprojekts am Schinkelplatz, den Rafael Moneo gestaltet, füllt den Raum zwischen Friedrichswerderscher Kirche (links) und Bauakademie (rechts), deren Rekonstruktion beschlossene Sache ist. Gegenüber liegt das Außenministerium (nicht im Bild). Hinter der Bauakademie zeigt die Simulation die Kuppel des Stadtschlosses und den Fernsehturm.

Direkt am Schinkelplatz im historischen Zentrum Berlins zwischen Friedrichswerderscher Kirche und Bauakademie – deren Rekonstruktion nun beschlossene Sache ist, seit der Bundestag am 11. November 2016 die Mittel dafür freigegeben hat – entsteht derzeit ein Neubaukomplex mit Wohnungen, zwei Gastronomieeinheiten und Büros. Der spanische Architekt Rafael Moneo ist dabei für den südlichen Abschluss, den Neubau gegenüber dem Auswärtigen Amt, zuständig. Sein Gebäude wird von der Friedrichswerderschen Kirche und der Berliner Bauakademie gerahmt, beide sind Bauten nach Entwürfen von Karl Friedrich Schinkel. Rafael Moneo hat mehrfach betont, wie sehr er sich in der Verantwortung sieht, die mit dem Planen und Bauen in einem architektonisch so herausragenden Umfeld, dem neuen alten Quartier Mitte, einhergeht.

DER HAUPTSTADTBRIEF: Herr Moneo, wieso ist Karl Friedrich Schinkel heute noch ein Baumeister, dessen Werk auch einen Stararchitekten wie Sie zur Bescheidenheit mahnt? Und wie spiegelt sich das in Ihrem Entwurf für den Schinkelplatz wider?

RAFAEL MONEO: Jeder, der Architektur liebt, kennt die Bedeutung Schinkels für die Geschichte der Architektur. Sein Erbe zu respektieren, ist für mich eine Selbstverständlichkeit. Das neu entstehende Gebäude muss gut proportioniert und harmonisch sein und dabei die Lehren der Bauakademie widerspiegeln. Das heißt, dieses Projekt ist ein schwieriges und birgt ein Risiko. Aber dieses Risiko enthält gleichzeitig eine Faszination und macht die Aufgabe attraktiv für mich. Die Aufgabe besteht darin, den beiden benachbarten Schinkel-Gebäuden Tribut zu zollen. Mein Entwurf hält sich im Hintergrund – er will nicht die erste Geige spielen, sondern die Lücke zwischen Friedrichswerderscher Kirche und Bauakademie angemessen füllen. Es geht darum, zwischen zwei historischen Bauten einen Übergang zu schaffen. Deshalb bin ich froh, dass der eine noch fehlende Bau, die Bauakademie, nun alsbald wiedererstehen soll; denn erst dann erhält die Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart eine Zukunft.

Altes Bauen mit historischen Gebäuden, als sie noch keine Baudenkmäler waren: Auf dem Foto ist gut zu erkennen, dass die Friedrichswerdersche Kirche (Bildmitte) einst eng in eine vorhandene Bebauung einzufügen war, eine große Leistung Schinkels. Frei steht nur seine Bauakademie (rechts im Bild). Der für das Neubauprojekt zuständige Architekt Rafael Moneo hat umgekehrt seinen Entwurf den alten Gegebenheiten angepasst.

Im Umfeld des Schinkelplatzes sind in den letzten Jahren etliche Neubauten entstanden. Wie passen Vergangenheit und Zukunft Ihrer Meinung nach bei bereits realisierten Bauvorhaben zusammen?

Diese Frage geht weit über den Schinkelplatz hinaus, sie bezieht sich auf die ganze Stadt. In Berlin gab es nach dem Mauerfall noch viel alte Substanz, aber vieles musste auch neu gebaut werden. Da stellt sich die Frage: Wie kann man beim Bauen von Neuem die Reste der Vergangenheit einbeziehen, ohne dass die Stadt ihren Charakter verliert? Das braucht eine gewisse Verhältnismäßigkeit – und die architektonische Sprache muss beibehalten werden, sodass die alten Gebäude sich wohlfühlen mit den neuen Gebäuden, die dazugekommen sind. Das ist eine schwierige Aufgabe. Dafür muss man oft die Maße und Produktionsmechanismen der Vergangenheit beibehalten, obwohl man jetzt mit modernen Techniken arbeitet.

Wie das geht, werden wir bald bei unserem Neubau am Schinkelplatz zeigen: Für die Fassade habe ich einen Naturstein vorgesehen, der jetzt in einem reaktivierten Steinbruch in Spanien für uns gebrochen wird. Es ist der Stein, den Karl V., König von Spanien und Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, ab 1527 in der Alhambra von Granada für seinen neuen Palast verbauen ließ. Mit Karl V. endete eine Epoche, in der die Herrscher das damalige Europa als Einheit dachten. Heute ringen nicht mehr die Herrscher, sondern die Bürger um die Einheit Europas. Unser Neubau hat das Auswärtige Amt im Süden als Nachbarn, das Berliner Stadtschloss im Osten, wo sich nach der Fertigstellung das Humboldt-Forum der Welt zuwenden will. Das Motto des Projekts Berlin Schinkelplatz, „Von Preußen nach Europa“, reflektiert diesen Kontext: Der Naturstein Karls V. symbolisiert die Kontinuität der europäischen Idee, die sich gerade neu erfindet, erfinden muss, und er lokalisiert einen Ort, an dem dies geschieht: vis-à-vis von Hohenzollern-Schloss und Außenamt.

Heißt das, die Neubauten am Schinkelplatz unter Ihrer Beteiligung könnten als Referenz dienen für weitere Neubauten im Umfeld von alter Bausubstanz?

Nein, das heißt es nicht. Wir müssen auch Neubauten schaffen, die nicht nach den Parametern der alten Stadt gebaut werden. Berlin war im ersten Drittel des 20.  Jahrhunderts bis in die 1930er-Jahre Vorreiter bei neuer Architektur. Die Idee der Gartenstadtsiedlungen ist hier entstanden. Das war sehr innovativ und ist wunderbar gelungen. Da wurden Lösungen angeboten für Wohnhäuser, die die Vielfalt der Stadt widerspiegelten. Solche Neubauten sollte die Stadt weiterhin schaffen. Etwas anderes ist natürlich der alte Stadtkern, in dem Geschichte noch gelebt wird. Und da ist der Schinkelplatz ein sehr gutes Beispiel: Damit muss man extrem respektvoll umgehen. Der Respekt gegenüber der alten Bausubstanz ist hier oberstes Gebot.

Die Gartenstadtsiedlungen, die sie erwähnen, wurden für andere Menschen geschaffen als die, die sich am Schinkelplatz ansiedeln werden – für weniger Wohlhabende. Wer wird in Ihrem Neubau wohnen und arbeiten?

Es ist grundsätzlich schwierig, diesen Standort als Wohngegend zu sehen. Die historischen Zentren von Städten wie Berlin sind heute nicht mehr so zum Wohnen geeignet wie früher. Das muss man akzeptieren. Diese Viertel haben viele neue Aufgaben übernommen, die nicht immer mit der alten Wohnfunktion kombinierbar sind. Da geht es jetzt in erster Linie um institutionelle und kommerzielle Funktionen, um Unternehmenssitze und Unterhaltungsaktivitäten. Und es ist ein schöner Traum, man könne das alles in den Zentren bedienen und zudem auch noch dort wohnen.

Wenn man als Architekt im Herzen einer Stadt baut, muss man dafür sorgen, dass es nicht zu künstlich wird. Aber der Versuch, die Vergangenheit zu respektieren, kann auch auf eine Imitation der Vergangenheit hinauslaufen. Es ist keine leichte Aufgabe, sich vom Erscheinungsbild des Gestern zu befreien und gleichzeitig respektvoll mit der Vergangenheit einer Stadt umzugehen. In Berlin war das besonders schwierig. Die Stadt hat sich nach dem Mauerfall rasant verändert. Dabei sind häufig Gebäude nach altem Muster entstanden, aber mit neuen Techniken – und da entsteht manchmal ein Gefühl der Versteifung.

Bitte nennen Sie ein Beispiel.

Am Potsdamer Platz etwa haben berühmte Architekten sehr schnell ihre Ideen zusammengebracht und umgesetzt, ohne ausreichend zu diskutieren, wie es danach weitergehen soll. Da fehlt es meiner Meinung nach an Überzeugungskraft, warum es so und nicht anders gemacht worden ist.

Sie sagten, man dürfe nicht nur die Vergangenheit imitieren, wenn man neu baut. Wo sehen Sie das in Berlin?

Ich sehe bei vielen Neubauten, dass man sich sehr auf die Fassade konzentriert. Sie wird zum Mittelpunkt des Gebäudes. Das war bei der alten Architektur nicht so – da gab es eine Vision für das Ganze. Dazu gehörten im 19. Jahrhundert auch der Hinterhof und die ganze Typologie des Gebäudes. Die Fassade war eingebettet in dieses Modell. Das wird heute oft nicht beachtet bei Bauten, die versuchen, die Vergangenheit nachzuahmen. Wir müssen über die Fassade hinaus die ganze komplexe Realität der Gebäude betrachten. Denn sonst entsteht etwas Künstliches, wie es in Berlin eben oft der Fall ist.

Die Immobilienpreise steigen rasant, und vielen Berlinern macht das Sorgen. Wie sehen Sie die Entwicklung von Berlin als Stadt zum Wohnen?

In allen Städten werden die Wohnflächen im Zentrum viel zu teuer. Traditionell war der Wohnzweck ein Hauptanliegen der Städte, die architektonische Substanz basierte auf dieser Funktion der Stadt als Wohnort. Heute ist Wohnen nicht mehr die Basis und nicht mehr das Hauptziel des Städtebaus, zumal in den Zentren. Wohnen ist weit mehr als früher zu einer Handelsware geworden. Und die Regierungen sehen es nicht als ihre Aufgabe, das zu steuern. Das wird der privaten Hand überlassen. Mir wäre es lieber, wenn dieser Wohnaspekt weiterhin zentral in den Städten bleiben würde; denn für mich ist Architektur untrennbar verbunden mit dem Wohnzweck. Aber das ist leider heutzutage nicht mehr der Fall.

Der Bauträger hat den Anspruch formuliert, die entstehenden Neubauten am Schinkelplatz sollen noch in hundert Jahren als dem historischen Ort angemessen wahrgenommen werden. Wird es so kommen?

Ja, ich denke schon. Der Schinkelplatz wird in hundert Jahren wahrscheinlich noch so aussehen, wie er bald aussehen wird. Die Friedrichswerdersche Kirche und die Bauakademie sind architektonische Denkmäler. Der Bau des Auswärtigen Amtes hat dazu beigetragen, den Platz als städtisches Ensemble zu erhalten, und die Neubauten schließen das ab. Es gibt danach nicht mehr viel Gestaltungsspielraum für den Schinkelplatz – er stellt auch insgesamt ein architektonisches Denkmal dar. Und das wird auch in hundert Jahren noch so sein.

Mehr zum Neubauprojekt Berlin Schinkelplatz – Von Preußen nach Europa, für dessen südlichen Teil Rafael Moneo als Architekt verantwortlich ist, findet sich auf der Website des Bauträgers, der Frankonia Eurobau AG: www.berlin-schinkelplatz.de

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