Der Golem und warum er bis heute zu uns spricht

Der Mythos von der Schaffung eines künstlichen Wesens aus Menschenhand ist schon alt. Die Ausstellung „Golem“ im Jüdischen Museum deckt seine beträchtliche Spannbreite bis heute auf

Von Peter Funken

12.12.2016 – DER HAUPTSTADTBRIEF 139

Dr. Peter Funken ist Kunstvermittler und Kurator der Kunstmesse Berliner Liste, die im September 2016 zum dreizehnten Mal stattfand. Für den HAUPTSTADTBRIEF hat er die Ausstellung „Der Golem“ im Jüdischen Museum besucht: eine große Themenschau um den Mythos der Schaffung eines künstlichen Menschen aus Menschenhand, von der jüdischen Mystik bis zum modernen Cyborg.

Dem Mythos vom Golem, erschaffen von Menschenhand, widmet das Jüdische Museum eine große Ausstellung. Dieser Koloss aus Lehm besitzt eine enorme Faszinationskraft – was unter anderem daran abzulesen ist, dass er bereits in den Kindertagen des Films 1914 in „Der Golem“, 1917 in „Der Golem und die Tänzerin“ und 1920 in „Der Golem, wie er in die Welt kam“ das Kinopublikum in Atem hielt. Die Ausstellung spannt einen breiten Bogen von der Entstehung der Golem-Legende im Mittelalter bis zur zeitgenössischen Möglichkeit der Schaffung von Robotern, Androiden, Cyborgs und beleuchtet die vielfältigen Varianten der Umsetzung seiner Faszination im Bereich der Kunst.

Von dem Versuch, Menschen künstlich herzustellen, ist bereits im Babylonischen Talmud, dem grundlegenden Werk der jüdischen Religion, die Rede. Dies zu tun, sei erlaubt, heißt es da, doch nur dann, wenn der Schöpfer völlig rein und gerecht sei – einen solchen Gerechten gebe es aber nicht. Dennoch, so der Talmud weiter, machte einst ein Rabbiner Experimente, um aus toter Materie Leben zu kreieren. Das schien auch zu gelingen, doch konnte er dem von ihm geschaffenen, sprachlosen Mann am Ende keinen Geist einatmen. Ein anderer Rabbiner entlarvte die Figur als Zauberwerk und verwandelte sie zu Staub. Auch ein zweiter überlieferter Versuch misslingt: Statt eines Menschen erschaffen zwei Rabbiner ein Kälbchen, das sie schließlich aufessen. „Mit dieser ironischen Wendung will der Talmud alle menschlichen Allmachtsphantasien ad absurdum führen“, schreibt Peter Schäfer, der Direktor des Jüdischen Museums,  dazu im Katalog.

Es werde Licht! – wörtlich genommen und schillernd umgesetzt: „My Light is Your Life“, eine Lampen- und Kabel-Figur des tschechischen Installationskünstlers Kristof Kintera von 2009, die sich auf den Stiel einer Straßenlaterne wie auf einen Wanderstab stützt – der Golem als Lichtbringer.

Das hielt etliche Rabbis seit dem Mittelalter nicht davon ab, es dennoch zu versuchen und einen Golem erschaffen zu wollen – die Ausstellung zeigt alte Dokumente mit regelrechten Golem-Rezepturen. Demnach sollten bei seiner Entstehung vor allem Zahlenmagie, Rituale mit dem Alphabet und Gebete das Wunder vollbringen. Außerhalb der jüdischen Tradition setzte man im Barock damals neue mechanische Verfahren ein, um bei Schachautomaten oder Flötenspielern Lebendigkeit zu suggerieren. Seit der Moderne sind es nun wissenschaftliche Methoden, Chemie, Elektronik und Kybernetik, die bei der Erschaffung von künstlichem Leben und künstlicher Intelligenz eingesetzt werden.

Der hochfahrende und gefährliche Traum, Unbelebtes zu beleben, übte immer eine besondere Faszination aus – denn mit dieser Fähigkeit würde der Mensch so mächtig sein wie Gott oder zumindest die Natur. Dass solche Hybris – bisher jedenfalls – immer tragisch endet, zeigt eine Vielzahl von Legenden um künstlich erschaffene Wesen: Die vom Golem, aber auch die Geschichten von Pygmalion, von Doktor Frankenstein oder von Goethes „Zauberlehrling“ haben kein Happy End.

Den berühmtesten Golem erschuf in Prag Rabbi Judah Löw (gestorben 1609), um mit seiner Hilfe die von Kaiser Rudolf II. angeordnet Vertreibung der Juden aus der Stadt zu verhindern. Joseph genannt, war er ein treuer Diener mit gewaltigen Kräften. Schließlich aber wurde er zum Problem für seinen Schöpfer, als er nicht  mehr gehorchte und Amok lief. Rabbi Löw zerstört ihn daraufhin – die Sage berichtet, dass die staubigen Überreste des Golems seitdem auf dem Dachboden der Altneu-Synagoge im Prager Judenviertel lagern.

Prag ist ein Zentrum der modernen Golem-Tradition und Ort vieler Sagen und Fiktionen um das Kunstgeschöpf. In Gustav Meyrinks Roman „Der Golem“ von 1915 ist der Golem Doppelgänger des Erzählers, Symbol für psychische Konflikte und insgesamt Ausdruck eines erwachenden Interesses an der Seelenkunde zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Am Beispiel der erwähnten drei expressionistischen Golem-Filme von Paul Wegener macht die Ausstellung deutlich, wie sich die beklemmende Atmosphäre der Zeit um den Ersten Weltkrieg im Kino widerspiegelte. Grafik, Malerei und Skulpturen von mehr als 30 Künstlern belegen zudem, dass das Golem-Motiv in der bildenden Kunst über die Jahrhunderte immer wieder neu erdacht wurde. Den womöglich deutlichsten Zusammenhang zur Gegenwart besitzen der Golem und sein Mythos aber in den aktuellen Debatten zur Gentechnik, um das Klonen und die damit verbundenen ethischen Fragen sowie in Hinblick auf eine zunehmend wirkungsvolle Robotik im Dienste der Menschen.

Der Golem ist der erste in einer langen Reihe von belebten Wesen, die der Mensch ersonnen hat – seine modernen Nachfahren sind das geklonte Schaf Dolly, sind technische Bio-Mutanten, Roboter, Androide und Cyborgs. Es sind alles Kunstfiguren einer neuen Spezies, vater- und mutterlos, dem Menschen zwar verwandt, doch auch fremd und bedrohlich – denn stets stellt sich mit der Grenzüberschreitung die Frage, was genuin menschlich ist und bleibt und was nicht, was Segen sein wird und was Fluch. Bei der Golem-Legende wird der schöpferische Höhenflug, wie Gott zu handeln, ebenso nachdrücklich greifbar wie der tiefe Schrecken beim Kontrollverlust über die eigene Kreatur.

Sie schildert ein menschliches Existenzthema in prototypischer Form und wird deshalb immer wieder neu erzählt und ausfabuliert. Das ist heute aktueller den je – denn je mehr der im Grenzbereich zwischen natürlich und künstlich angesiedelten wissenschaftlichen und technischen Entwicklungen und Innovationen erfolgreich verlaufen, desto spürbarer kommen sie im Alltagsleben an. Den Bereich des literarisch Fantastischen und Spekulativen haben sie schon lange hinter sich gelassen. Es ist also ein großes und vielschichtiges Thema, dem sich diese Ausstellung im Jüdischen Museum widmet. Neben dem kenntnis- und aufschlussreichen Blick zurück wirft sie grundlegende Fragen auf nach dem Wesen des Menschseins und nach einer zukünftigen Ethik des Humanen in einer Epoche rasanter wissenschaftlicher und technischer Grenzverschiebungen.

Die Ausstellung wird ihrem komplexen Thema auch formal gerecht durch eine gelungenen Ordnung und Orientierung in sieben Kapiteln, die es verständlich gliedern: Mit dem historischen Mythos beginnend, wird eine Kultur- und Wissenschaftsgeschichte des Golems und seiner Verwandtschaft nachgezeichnet und vorstellt. Kapitel wie „Jüdische Mystik“, „Verwandlung“, „Mythos Prag“, „Horror und Magie“, „Außer Kontrolle“ oder „Doppelgänger“ zeigen anschaulich und unterhaltsam, wie Theologen, Künstler und Wissenschaftler sich seit der Entstehung der Golem-Lebende bis zur Gegenwart mit den Phänomen der Lebensimitation befasst haben. Diese Gliederung ist ungemein hilfreich, denn sie bietet vielfältige Einstiegsmöglichkeiten in ein inspiriertes Nachdenken und tieferes Verständnis für eines der wichtigsten Themen unserer Zeit.

Der Golem. Jüdisches Museum Berlin, Lindenstraße 9-14,10969 Berlin. Bis 29. Januar 2017, geöffnet Dienstag bis Sonntag von 10 bis 20 Uhr, Montag von 10 bis 22 Uhr. Eintritt 8 Euro, ermäßigt 3 Euro. www.jmberlin.de/golem

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