Die Chronistin der letzten Tage des alten Schlosses

Eine Ausstellung im Centrum Judaicum erinnert an Eva Kemlein – eine Fotografin, deren großes Motiv die Stadt Berlin war. Von ihr wissen wir, wie das Stadtschloss vor seinem Abriss aussah

Von Sabine Lueken

12.12.2016 – DER HAUPTSTADTBRIEF 139

Sabine Lueken ist Historikerin, Publizistin und Lehrerin in Berlin. Für den HAUPTSTADTBRIEF besuchte sie die Ausstellung „Berlin lebt auf! Die Fotojournalistin Eva Kemlein 1909 – 2004“ im Centrum Judaicum der Neuen Synagoge in Berlin-Mitte, die eindrücklich das Leben in Berlin unmittelbar nach Kriegsende und die Demontage und den Abriss des alten Berliner Stadtschlosses dokumentiert.

Berlin lebt auf!“ So stand es fett und rot unterstrichen auf dem Titelblatt der ersten Ausgabe der „Berliner Zeitung“ vom 21. Mai 1945. Es folgte der Abdruck einer Rede von Nikolai Bersarin, dem sowjetischen Generaloberst und ersten sowjetischen Stadtkommandanten von Berlin. Eine Stadt lebt auf – das traf auch für Eva Kemlein persönlich zu. Die letzten drei Jahre hatte sie nur dank der Hilfe mehrerer „stiller Helden“, die ihr Obdach und Schutz gewährt hatten, überlebt. Gerade einmal drei Wochen zuvor erst war sie aus einem Kellerversteck in der Nymphenburger Straße in Berlin-Schöneberg von Soldaten der Roten Armee befreit worden – und veröffentlichte soeben ihr erstes Foto. Was dann geschah, das steht im Zentrum der gleichnamigen Ausstellung über ihre Arbeit und ihr Leben.

Eva Kemlein, die Urberlinerin, geboren am 4. August 1909, stammte aus einer jüdischen Kaufmannsfamilie, sie war Urenkelin des Komponisten Giacomo Meyerbeer. Als sogenanntes „U-Boot“ hatte sie sich, zusammen mit ihrem Lebensgefährten, dem Schauspieler und Dramaturgen Werner Stein, seit August 1942 an 30 verschiedenen Orten versteckt und so die letzten drei Jahre der nationalsozialistischen Diktatur überlebt. Eigentlich hatte sie nach der Ausbildung als medizinisch-technische Assistentin an der Berliner Lette-Schule Medizin studieren wollen – stattdessen musste sie 23-jährig nach der Machtübernahme Hitlers emigrieren. Mit ihrem ersten Mann, dem Journalisten Herbert Kemlein, ging sie 1933 nach Griechenland, und dort begann sie auch zu fotografieren. Aber Griechenland, seit 1936 von General Metaxas diktatorisch regiert, wies das Paar schließlich wieder aus und zahllose andere Flüchtlinge aus Deutschland auch – um „kein Ausländerproblem zu schaffen und nicht Berlin zu provozieren“, wie der Historiker Hagen Fleischer 2001 über diese Epoche griechischer Kollaboration notierte.

1937 zurück in Berlin, ließ sich Herbert Kemlein scheiden, die „Mischehe“ brachte ihm Schwierigkeiten. Eva Kemlein verwarf den Gedanken an einen erneuten Emigrationsversuch, sie wollte ihre Mutter nicht im Stich lassen und blieb. 1940 wurde sie zur Zwangsarbeit verpflichtet, zuerst bei Siemens, dann in einem Lumpensortierbetrieb in der Kreuzberger Monumentenstraße. Im August 1942 holte man die Mutter aus der gemeinsamen Wohnung ab und deportierte sie nach Riga in den Tod. Eva Kemlein konnte untertauchen.

Die Befreiung im Frühjahr 1945 glich einer persönlichen und beruflichen Wiedergeburt. Mit unbedingtem Willen zum Optimismus startete sie ihr zweites Leben als Fotoreporterin: In den ersten Maitagen 1945 standen der Moskau-Emigrant Rudolf Herrnstadt, später Chefredakteur der „Berliner Zeitung“, und der Schriftsteller Fritz Erpenbeck vor der Tür ihrer Wohnung in der Künstlerkolonie am Breitenbachplatz, die sie gerade mit Werner Stein hatte beziehen können, und fragten: „Hast du noch ‘ne Kamera?“ Eva Kemlein fuhr gleich mit ihnen in die Redaktion – ihre Leica hatte sie unter der Lebensgefahr der letzten Jahre gerettet.

Zunächst fotografierte sie die unglaublichen Lebensumstände im zerstörten Berlin: Ein Mann pflügt mit einem Pferdegespann im abgeholzten Tiergarten. Eine Frau hackt das eingefrorene Wasserreservoir in ihrer Badewanne auf. Zwei Jungs, schon ganz amerikanisch frisiert, sind glücklich über eine Schachtel Lucky Strikes, die neue Währung. Ein Haufen Stahlhelme liegt aufgetürmt in einem Hinterhof, daraus machten pfiffige Berliner dann Kochtöpfe.

1948 bekam Kemlein eine Stelle bei ILLUS, der Illustrationszentrale für Presse, Buch und Werbung des (Ost)-„Berliner Verlags“ in der Jägerstraße 64. Mit Selbstauslöser porträtierte sie sich 1950 dort vor dem Haus sitzend als selbstbewusste Fotografin mit Kamera, Kostüm und Aktentasche. Ein anderes Foto eines Kollegen, Paul Iglarz, zeigt sie als Künstlerin hinter der Kamera – zierlich, dunkelhaarig und schön steht sie in den Ruinen des Berliner Stadtschlosses, dessen Abriss sie im Auftrag der DDR-Regierung dokumentierte. Bei ILLUS wurde es ihr freilich schnell langweilig, und sie mochte nicht immer nur das fotografieren, was man ihr auftrug – denn das waren überwiegend Versammlungen. Deshalb arbeitete sie ab 1950 freiberuflich.

Sie begeisterte sich für die Theaterproduktionen des 1948 nach Berlin zurückgekehrten Bertolt Brecht und verbrachte Stunden bei den Proben beim Berliner Ensemble und im Deutschen Theater Wolfgang Langhoffs. So begann ihre Karriere als Theaterfotografin. Die Aufnahmen, die sie von ihrem Freund, dem Schauspieler Ernst Busch, der ebenfalls in der Künstlerkolonie lebte, machte, und von Ost-Berliner Kulturikonen wie Helene Weigel und Heiner Müller, sind markant und einzigartig. Und noch in der Schaubühne am Lehniner Platz war die Fotografin in den 1980er-Jahren mit ihrer Kamera Dauergast.

Das Motiv aber, das Eva Kemlein mit Abstand am meisten fotografiert hat, ist das Berliner Stadtschloss. Abbau und Sprengung des historischen Baus begleitete sie mit über 3000 Bildern – vom Verladen der Götterfiguren von Andreas Schlüter, der Bronzestatue des Heiligen Georg im Kampf mit dem Drachen von August Kiss und anderer kunsthistorisch bedeutender Figuren bis zum Augenblick des Herunterbrechens der Fassaden bei der Sprengung im September 1950. Ihre Aufnahmen sind jetzt eine wertvolle Rekonstruktionshilfe beim Bau des Humboldt-Forums in der wiederauferstehenden Schlosskulisse.

Zeit ihres – zweiten – Lebens (sie starb 95-jährig am 8. August 2004) wohnte Eva Kemlein in West-Berlin in der Künstlerkolonie am Breitenbachplatz, arbeitete aber überwiegend in Ost-Berlin. Der Journalistin Magdalena Kemper sagte sie einige Zeit nach dem Mauerfall, dass sie ihre Wurzeln, ihre Freunde, ihre wichtigsten Eindrücke, ihr Lebenselixier nur „drüben“ habe. Im Ostteil der Stadt war sie als „rassisch Verfolgte“ anerkannt, der West-Berliner Senat hingegen hatte ihr diesen Status Anfang der 1950er-Jahre verweigert mit der Begründung, sie sei „als Bildreporterin für einen sowjetdeutschen Verlag im sowjetischen Sektor tätig“. Die beschämenden Dokumente können in der Ausstellung nachgelesen werden.

Eva Kemlein hat ihre insgesamt über 300 000 Fotos bereits zu Lebzeiten dem Berliner Stadtmuseum vermacht. Man sähe gern noch viel mehr von ihren eindrücklichen Bildern aus dem beschwerlichen, befreiten Alltag im Berlin von 1945/46, als für die – zudem leider nicht überall zufriedenstellend ausgeleuchtete – Ausstellung im Centrum Judaicum zusammengestellt worden sind. Unbedingt empfehlenswert ist deshalb neben dem Besuch der Ausstellung der Erwerb des Begleitbands zur Ausstellung, der neben allen gezeigten Fotos und Dokumenten auch weiterführende, zum Teil sehr persönliche Beiträge von Zeitgenossen über ihre Begegnungen mit Eva Kemlein enthält.

„Berlin lebt auf!“ Die Fotojournalistin Eva Kemlein (1909 – 2004). Stiftung Neue Synagoge Berlin Centrum Judaicum, Oranienburger Straße 28/30, 10117 Berlin. Bis 30. April 2017, geöffnet Sonntag bis Donnerstag von 10 bis 18 Uhr und Freitag von 10 bis 15 Uhr. Eintritt 5 Euro, ermäßigt 4 Euro. Der Begleitband, erschienen im Verlag Hentrich & Hentrich, kostet 14,90 Euro. www.centrumjudaicum.de

Ergänzend zum Thema Stadtschloss, dessen Ende Eva Kemleins Bilder festhalten, bietet sich ein Besuch der Ausstellung „Schloss.Stadt.Berlin – die Residenz rückt in die Mitte (1650 – 1800)“ im Ephraim-Palais an. Sie zeigt die Anfänge des Schlosses. Poststraße 16, 10178 Berlin. Bis 23. April 2017, geöffnet Dienstag, Donnerstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr, Mittwoch 12 bis 20 Uhr. Eintritt 8 Euro, ermäßigt 6 Euro, jeden ersten Mittwoch im Monat ist der Eintritt frei. www.stadtmuseum.de/ausstellungen/schloss-stadt-berlin

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