Wir nennen es Terror, für sie ist es heiliges Handeln

Für die Islamisten ist es eine Revolution gegen ein altes Regime, das sie mit allen Mitteln zerstören dürfen. Wer das begreift, kann sich wehren

Von Elmar Theveßen

15.03.2017 – DER HAUPTSTADTBRIEF 140

Elmar Theveßen ist Fernsehjournalist. Nach einem Studium der Geschichte und Politikwissenschaft ist er seit 1991 beim Zweiten Deutschen Fernsehen tätig, seit 2007 als Leiter der ZDF-Hauptredaktion „Aktuelles“ und stellvertretender Chefredakteur. Als Experte für Terrorismus und organisierte Kriminalität erläutert er im HAUPTSTADTBRIEF die Doktrin der Islamisten: Eine alte, ungerechte Welt müsse zerstört werden, damit eine neue, gerechte Welt entstehen könne.

Worin besteht der Unterschied zwischen uns und den Terroristen des Islamischen Staates (IS) und Al-Qaida? Sie wollen die Welt retten – und wir nur uns selbst.

Das klingt weit hergeholt? Provokant, ja beleidigend? Keineswegs. Es ist eine realistische Analyse – zumindest so lange, wie wir es zulassen, dass Anhänger und Sympathisanten der islamistischen Ideologie es auf diese Weise sehen. Es finden sich in der Weltgeschichte mehrere Zeitperioden, aus denen wir gelernt haben sollten, mit einer Bedrohung wie dieser umzugehen. Stellt man sich etwa vor, wir seien Teil des Ancien Régime – also des absolutistischen Frankreich in der Zeit vor der Französischen Revolution von 1789 –, dann würden IS und Al-Qaida folgendermaßen ins Bild passen: Für die herrschenden Bourbonen war der Erhalt ihrer eigenen Macht einziges und oberstes Ziel, während sie das Wohlergehen großer Teile der Bevölkerung grob missachteten.

Es ist der Glaube an eine Heilung der Welt, der die Kämpfer des Islamischen Staates antreibt – und jedes Mittel zum Zweck heiligt, Terror und Massenmord zuerst.

Unter diesen Voraussetzungen wären die Islamisten so verschieden nicht von den Jakobinern der Französischen Revolution, die die alte Ordnung im Namen des Gemeinwohls zu zerstören trachteten – und ihr Terrorregime auf all jene anwendeten, die sich ihrer Sache nicht anzuschließen gewillt waren. Einer der führenden Politiker der Jakobiner, Maximilien de Robespierre, sagte am 5. Februar 1794 vor dem Nationalkonvent, das Mittel einer Volksregierung seien in einer Revolution gleichzeitig Tugend und Terror: Tugend, ohne die Terror lediglich schrecklich ist; und Terror, ohne den Tugend schlicht machtlos ist: „Die terreur ist nichts anderes als unmittelbare, strenge, unbeugsame Gerechtigkeit; sie ist also Ausfluss der Tugend.“

Der Islamismus glaubt an eben diese Doktrin: Eine alte, ungerechte Welt muss zerstört werden, damit eine neue, gerechte Welt entstehen kann. Dieser vermeintlich noble Anspruch benötigt den Terror zu seiner Verwirklichung. Abu Bakr al-Baghdadi, selbsterkannter Kalif des Islamischen Staates, hält Terrorherrschaft für nichts anderes als eine Ausdrucksform heiliger Pflichterfüllung: „O Soldaten des Islamischen Staates“, so al-Baghdadi in einer Audiobotschaft von 2014, „lasst überall Vulkane des Dschihad ausbrechen. Entzündet die Erde mit einem Feuer gegen alle Diktatoren.“ Der islamistische Terror richtet sich nicht nur gegen den Westen, seine Werte und seinen Lebensstil – er richtet sich gegen jedwede etablierte Macht, deren Vorgehen sich zu einem Beispiel für jene Ungerechtigkeit umdeuten lässt, von der die Welt befreien zu wollen der Islamismus vorgibt.

Und hierin liegt der Schlüssel zum Verständnis dessen, was die Herausforderung und Macht des islamistischen Terrors tatsächlich ausmachen. „ISIS is a Revolution“ lautet der Titel eines Essays von Scott Atran, US-amerikanischer Anthropologe und Forschungsdirektor am französischen Nationalen Zentrum für wissenschaftliche Forschung (CNRS), in dem er Resultate von Untersuchungen präsentiert, die er basierend auf Interviews und Versuchsanordnungen zum einen mit jungen Männern in sozialen Brennpunkten von Paris, London, Barcelona und einigen nordafrikanischen Städten und zum anderen mit inhaftierten IS- und Jabhat-al-Nusra-Kämpfern in europäischen Gefängnissen durchgeführt hat.

Viele dieser jungen Männer betrachten sich selbst als Teil einer großen Mission zur Rettung der Welt. Die überwiegend jungen Leute, die freiwillig bereit sind, dafür bis zum Tod zu kämpfen, empfinden, so Scott Atran, „eine Freude, die daraus resultiert, vereint mit Kameraden für eine glorreiche Sache zu kämpfen, und gleichzeitig eine Freude, die sich aus der Befriedigung eines Zorns ergibt und aus der Genugtuung der Rache. Aber da ist auch eine unterschwellige Freude bei jenen, die zwar die mörderische Gewalt des Islamischen Staates ablehnen, gleichzeitig aber das Wiedererstehen eines muslimischen Kalifats herbeisehen – und damit das Ende einer nationalstaatlichen Ordnung, auferlegt von den Großmächten.“

Basierend auf dieser Erkenntnis gilt es, die IS-Revolution zu bekämpfen – anstatt fortwährend das Feuer weiter anzufachen. Wäre der IS, wäre die islamistische Ideologie tatsächlich in der Lage, siegreich daraus hervorzugehen? Es wäre jedenfalls gefährlich, ihr Potential dafür zu unterschätzen, meint Scott Atran. Über die Jahrhunderte hinweg  wurden revolutionäre Bewegungen – in Amerika, in Frankreich, in Russland – angetrieben von einer starken Aufopferung für höhere, als heilig erachtete Werte. „Es sind diese Werte“, so Scott Atran, „immateriell, unverkäuflich und nicht verhandelbar, die am meisten bindend wirken. In jeder beliebigen Kultur stellt die Weigerung, die eigenen Angehörigen oder die eigene religiöse oder politische Bruderschaft zu verraten und zu verkaufen, eine Linie dar, die gewöhnlich nicht überschritten wird. Ergebenheit an diese Werte kann die treibende Kraft hinter Erfolgen sein, denen es gelingt, jede Erwartung überproportional zu übertreffen.“

Das ist der Grund, warum 18 000 irakische Soldaten 2014 vor ein paar Hundert IS-Kämpfern davonliefen und Mossul – die zweitgrößte Stadt des Landes – kampflos aufgaben. Das ist der Grund, warum Tausende junger Muslime aus Westeuropa noch immer davon überzeugt sind, sie könnten in Syrien und dem Irak die Armeen der Supermächte bezwingen. Auch dafür gibt es verwandte Beispiele in der Weltgeschichte: Armin der Cherusker trat mit seinen Stammesgenossen gegen drei römische Legionen mit 20 000 Soldaten an und gewann die Varus-Schlacht. George Washington führte seine zahlenmäßig unterlegene Revolutionsarmee in die hoffnungslos erscheinende Schlacht gegen 30 000 britische Soldaten und gewann.

Terror war während der Französischen Revolution Ausdruck einer Welt im Wandel. Das ist heute nicht viel anders. Terror ist die dunkle Seite der Globalisierung, in der Menschen, Allianzen und althergebrachte Institutionen ihre Basis verlieren und auf der Suche nach neuer Orientierung sind. In dieser global vernetzten Welt mit weniger und weniger Orientierungspunkten sind Individuen auf der Suche nach einer neuen Identität in einem neuen kollektiven und zerstörerischen Radikalismus. Extremisten jedweder Couleur stricken sich ein eigenes Netz, um eine tragfähige Stabilität zu finden.

Diese Entwicklung wird vorangetrieben von den Jungen, die den Druck am meisten zu spüren bekommen und die Notwendigkeit fühlen, auf der Suche nach ihrer Identität Opfer zu bringen – und von den Alten, die sich in einem aussichtslosen Ringen mit dem Untergang ihrer gewohnten Welt sehen. Dies ist kein Kampf der Kulturen, kein „clash of civilizations“ – es ist ein Kampf des Neuen gegen das Alte. Und Letzteres ist in der schwächeren Position. Noch einmal Scott Atran: „Menschen sind am meisten zu Einsatz und Anstrengungen bereit, zum Guten wie zum Schlechten, zugunsten von Ideen, die ihnen die Vorstellung von Bedeutsamkeit und Tragweite geben. In einem von Natur aus chaotischen Universum, in dem allein der Mensch zu der Erkenntnis fähig ist, der Tod sei unvermeidlich, existiert ein unwiderstehlicher psychologischer Antrieb, diese Tragödie der Erkenntnis zu überwinden: zu erkennen ‚warum bin ich?’ und ‚wer sind wir?’“

Und auf diese beiden Fragen nehmen der IS und der Islamismus für sich in Anspruch, die besseren Antworten als wir zu haben. Wenn wir die besseren haben wollen, dann genügt es nicht, das zu behaupten – wir müssen es beweisen. Und zwar nicht durch die Konzentration darauf, uns selbst zu retten. Nicht dadurch, ein nationales Interesse über das Gemeinwohl zu stellen. Nicht dadurch, diese Herausforderung als eine zu betrachten, mit der nur mit militärischen Mitteln umgegangen werden kann. Nicht dadurch, dass wir die Religionsfreiheit, die Redefreiheit und all die anderen Errungenschaften der liberalen Demokratien über Bord werfen. Wir haben ihnen stattdessen zu zeigen, dass es unser Ziel ist, die Welt zu retten – und dass wir die deutlich besseren Argumente, Ideen und Konzepte haben. Dies sollte und muss beinhalten, dass Terroristen und ihre Ideologie verfolgt werden, mit allen notwendigen Mitteln und wenn nötig mit dem Ziel, zu töten.

Wenn allerdings die neue US-Regierung meint, dies sei mit militärischen Interventionen und wirtschaftlichem Isolationismus zu gewinnen, dann macht sie sich selbst etwas vor. Präsident Donald Trump sieht es als sein Geschäft an, zunächst einmal Amerika zu retten. Die britische Premierministerin Theresa May möchte zuvorderst einmal Großbritannien retten. Und die meisten EU-Staaten haben zum Ziel, vor allem ihren eigenen Staat zu retten. Die Welt zu retten, ist für keinen von ihnen eine Sache, für die es sich zu kämpfen lohnt. Und damit setzen wir uns selbst in die schlechteste mögliche Position gegenüber einer revolutionären Bewegung, die versucht, einen vorgetäuschten Werteanspruch und unbeschreiblichen Terror zu verbinden.

Ex-Präsident Barack Obama brachte es auf den Punkt, als er anlässlich der Hannover-Messe 2016, gewissermaßen als einen Weckruf an Europa und seine Verbündeten, sagte: „Wenn die Zukunft unsicher ist, scheint es in unserer menschlichen Natur einen Instinkt zu geben, uns zurückzuziehen auf die Behaglichkeit und die Sicherheit, die uns vermittelt wird durch unseren eigenen Stamm, unsere eigene Sekte, unsere eigene Nationalität, durch Leute, die aussehen wie wir und die sich so anhören wie wir. Aber in der Welt von heute, mehr denn jemals zuvor in der Geschichte der Menschheit, ist dies eine trügerische Behaglichkeit. Es grenzt Leute voneinander ab aufgrund dessen, wie sie aussehen oder wie sie beten oder wen sie lieben.“

Das ist die einzige vernünftige Lektion, die wir aus der Weltgeschichte lernen können: Wir müssen die islamistische Revolution zerstören, indem wir die eine Teilung vorantreibenden Kräfte bekämpfen und nicht zulassen, dass sie einen Keil in unsere Gesellschaften treiben. Es gilt, den jungen, vernachlässigten und benachteiligten Männern und Frauen Beachtung zu schenken, bei denen extremistische Ideologien auf fruchtbaren Boden fallen. Es gilt, die Ideologie des Islamismus zu bekämpfen, nicht die islamische Religion. Und unsere Politik der Globalisierung zu verändern in einer Weise, die neue Möglichkeiten für Menschen schafft, anstatt ihre Lebensgrundlagen und ihre Hoffnungen zu zerstören.

Wir brauchen dazu keine neue Vision, denn wir haben bereits eine. Selbst wenn sie im Moment nicht gut genug ist, ist sie besser, gerechter und erfolgreicher als alles, was ein Möchtegern-Kalifat zusammenphantasieren kann – so lange, wie wir nicht aufgeben. Wenn wir in dieser globalisierten Welt aber nur uns selbst in Sicherheit zu bringen versuchen, folgen wir dem Drehbuch eben jener Verbrecher, die sie zerstören wollen. Wir müssen etwas zerstören – nämlich deren Vorstellung von uns. Wenn wir alle dazu beitragen, dann – und nur dann – wird der Terror keine Zukunft haben.

Der Essay von Scott Atran, aus dem unser Autor Elmar Theveßen zitiert, trägt den Titel ISIS is a Revolution, nachzulesen (in englischer Sprache) auf der Website des digitalen Magazins Aeon: https://aeon.co/essays/why-isis-has-the-potential-to-be-a-world-altering-revolution

Eine Vertiefung des Themas bietet das neue Buch von Elmar Theveßen: Terror in Deutschland. Die tödliche Strategie der Islamisten. Piper Verlag, München 2016. 304 Seiten, gebunden 22 Euro, als Kindle Edition 17,99 Euro.

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