Einladung zu einem Sonntagnachmittag unter Nachbarn

Die Lesereihe „Nachbarn bei Nachbarn“ in Brandenburger Dorfkirchen schafft kulturelle Anreize für Berliner und Märker, miteinander ins Gespräch zu kommen

Von Dagmar Lembke

15.03.2017 – DER HAUPTSTADTBRIEF 140

Dagmar Lembke ist Mitglied der Initiative „Aktive Hauptstadtregion Berlin-Brandenburg“ bei der Stiftung Zukunft Berlin. Seit 1997 als freie Fernsehjournalistin für den Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) tätig, ist sie jahrelang für die Sendereihe „Theodor – Geschichten aus der Mark“ den Spuren Theodor Fontanes gefolgt. Für den HAUPTSTADTBRIEF stellt sie die Lesereihe „Nachbarn bei Nachbarn“ der Initiative vor, bei der 2017 siebenmal in wechselnden Dorfkirchen Fontane-Lesungen stattfinden.

Es ist eine Landlesetour mit Tradition – und mit einer Mission: In vier Wochen, am ersten Sonntag im April, startet die Lesereihe „Nachbarn bei Nachbarn“ ins Jahr 2017, dieses Mal in der Klosterkirche Marienfließ im brandenburgischen Stepenitz. Mittlerweile im fünften Jahr lädt die Stiftung Zukunft Berlin zur Fontane-Lesung ein. Dabei tragen namhafte Schauspieler des Berliner „Theaters an der Parkaue“ sowie Detlef Bierstedt, die deutsche Synchronstimme von George Clooney oder Herrmann Beil, Chefdramaturg des Berliner Ensemble in Brandenburger Kirchen Texte aus den „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ von Theodor Fontane vor, ebenso wie Auszüge aus Romanen des märkischen Dichters mit regionalem Bezug.

Alte Kirchen, zeitgemäße Begegnungsorte: Das Kloster Marienfließ ist das älteste Zisterzienserinnenkloster Brandenburgs – und erste Lesestation 2017 der Lesereihe „Nachbarn bei Nachbarn“ mit Texten von Theodor Fontane, organisiert von der Stiftung Zukunft Berlin. Die folgenden drei Veranstaltungen werden in den Kirchen von Demerthin, Putlitz und Wiepersdorf stattfinden.

Organisiert werden die monatlich bei freiem Eintritt stattfindenden Veranstaltungen ehrenamtlich von Mitgliedern der Stiftung Zukunft Berlin – in bewährtem Miteinander mit den entsprechenden Kirchengemeinden, die ihre Gotteshäuser für interessierte Berliner und Brandenburger öffnen. Mit ihrer Kombination aus Lesung, Orgelklängen und anschließendem Kaffeeklatsch hat sich die Lesereihe „Nachbarn bei Nachbarn“ einen umfangreichen Kreis Interessierter erworben, die sich immer wieder gern am ersten Sonntag im Monat auf den Weg ins Umland machen.

Berliner und Brandenburger tragen in guter Nachbarschaft diese Initiative – und Theodor Fontane ist das „Medium“. Die Heimat, die er in seinen „Wanderungen“ beschrieb, ist heute noch identitätsstiftend. Und die Texte des in Neuruppin geborenen und Brandenburg und Berlin gleichermaßen liebenden Dichters, der in seinen Schriften kein Blatt vor den Mund nahm, klingen bis heute nicht im Mindesten angestaubt. Über die Zisterzienserklöster schrieb er: „An wenigen Orten mochten die Vorzüge speziell dieses Ordens so in die Augen springend sein als in der Mark … Wo die Unkultur zu Hause war, hatten die Kulturbringer ihr natürlichstes Feld. So haben wir über 20 Zisterzienserklöster in der Mark und Lausitz zu verzeichnen.“ Das Kloster Marienfließ als erste Lesestation 2017 ist das älteste Zisterzienserinnerkloster Brandenburgs.

Diese Orte rücken im Lutherjahr 2017 besonders in den Fokus – mit der Reformation vor 500 Jahren begann ihre Auflösung und Suche nach neuer Bestimmung. Und eine neue Bestimmung suchen auch viele Städte und Dörfer Brandenburgs gewissermaßen heute immer noch – fast drei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung. Sie wollen mehr sein als nur an den Wochenenden touristisch überrollte Zweitwohnsitze betuchter Berliner – die in der Wahrnehmung der Brandenburger nur allzu oft mit ziemlich großer Klappe daherkommen. Genau da setzt die Lesungsreihe an: Sie lädt zu Begegnungen auf gleicher Augenhöhe sein – zu einem guten Sonntagnachmittag, wie er auf dem Lande üblich ist, Nachbarn bei Nachbarn eben.

Stepenitz in der Prignitz im äußersten Norden Brandenburgs – das sind hübsche Ziegelhäuser an der Dorfstraße, ein Dorf-„Konsum“, die Heimatstube und das „Zur Alten Eiche“ mit rustikaler Küche. Prägend für den Ort ist sein Klosterstift mit soeben frisch saniertem Klosterhotel und weitläufigem Klostergelände. Es ist einer jener Orte, wo die Ur-Märker zu Hause sind. Und das ist die Idee hinter „Nachbarn bei Nachbarn“: den Blick zu lenken auf Orte, die Theodor Fontane einst beschrieben hat – liebevoll, aber auch kritisch. Diese Veranstaltungsreihe soll dazu beitragen, Sympathien wiederzubeleben, die durch die Teilung Deutschlands verloren gegangen sind und noch immer bestehende gegenseitige Vorbehalte und Vorurteile abzubauen.

Die Veranstaltungen finden immer ab 14 Uhr statt. Stets erster Programmpunkt: Prof. Detlef Karg begrüßt die Besucher gemeinsam mit dem jeweiligen Pfarrer oder Kirchenältesten. Der ehemalige Direktor des Brandenburgischen Landesamtes für Denkmalpflege weiß zu jedem Ort packend eine Geschichte zu erzählen – weil er die Sanierung der Dörfer und ihrer Kirchen seit der Wende begleitet und mitbestimmt hat. Dann sind die Leute vor Ort eingeladen, zu sprechen: Pfarrer, Kirchenälteste, Landrat, Bürgermeister, oder wer sonst ans Mikrofon tritt. Ab 15 Uhr wird gelesen, nun kommen die Profis vom Theater zum Zuge – sie lesen ohne Gage, aber mit Leidenschaft. Und danach plaudern Nachbarn aus Berlin und Brandenburg bei Kaffee und Kuchen.

Viel Erinnerungswürdiges hat sich zugetragen, seit die Stiftung Zukunft die Reihe im Oktober 2013 aus der Taufe hob: In Buckow in der Märkischen Schweiz etwa führte der letzte Filmvorführer der DDR, Heinz Reincke, vor der Lesung durch die Stadt. Er erzählte von seiner Familie, die bis zur Enteignung das größte Hotel der Stadt besaß – und wie danach aus ihm ein Filmvorführer wurde, weil mit dem Hotel auch seine Berufsausbildung verloren war. Der  Kirchenälteste, Erwin Kowalke, erzählt, wie er im märkischen Sand nach Gebeinen toter Soldaten des Zweiten Weltkriegs gegraben hat und den Familien die sterblichen Überreste ihrer Söhne, Männer, Väter heimbrachte, nachdem sie oft jahrzehntelang als verschollen gegolten hatten.

Solche Geschichten bleiben hängen. Etliche davon hat die Initiative „Aktive Hauptstadtregion Berlin-Brandenburg“ bei der Stiftung Zukunft aufgeschrieben. Zur 30. Lesung am 16. Juli 2017 in Wiepersdorf soll das Buch „Nachbarn bei Nachbarn – Ein kollektives Tagebuch“ erscheinen mit Anekdoten von Buckow über Brück bis Burg, gestaltet von Prof. Dr. Hubertus Fischer, Literaturwissenschaftler und Fontane-Spezialist sowie Olaf Kretschmar, Vorstandsvorsitzender der Berlin Music Commission. Und wir können einstweilen gespannt sein auf acht interessante und gutnachbarschaftliche Sonntagnachmittage im Jahr 2017 – und hoffentlich auch darüber hinaus, mindestens bis zum Fontane-Jahr 2019, dem Jahr des 200. Geburtstags des großen, ewig jungen Brandenburg-Wanderers.

Die nächsten Stationen von insgesamt sieben im Jahr 2017 der Lesereihe „Nachbarn bei Nachbarn“ in Brandenburger Dorfkirchen, die unsere Autorin Dagmar Lembke in ihrem Beitrag vorstellt, sind am 2. April die Klosterkirche Marienfließ in Stepenitz, am 7. Mai geht es nach Demerthin, am 25. Juni nach Putlitz, und am 16. Juli findet in Wiepersdorf die 30. Lesung seit Beginn der Reihe statt. Beginn ist jeweils 14 Uhr, und der Eintritt ist frei.

Mehr Informationen zu der die Lesereihe organisierenden Initiative „Aktive Hauptstadtregion Berlin-Brandenburg“ innerhalb der Stiftung Zukunft Berlin und zu der Stiftung selbst – einem unabhängigen Forum für bürgerschaftliche Mitverantwortung zum Wohle Berlins – finden Sie hier: www.stiftungzukunftberlin.eu

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