Als Musik und Cover noch unzertrennlich waren

„Total Records“ erzählt von der Magie der schwarzen Scheiben aus Vinyl und ihrer bildkräftigen Hüllen

Von Sabine Lueken

15.03.2017 – DER HAUPTSTADTBRIEF 140

Sabine Lueken ist Historikerin, Publizistin und Lehrerin in Berlin. Für den HAUPTSTADTBRIEF besuchte sie die Ausstellung „Total Records. Vinyl & Fotografie“ in der Galerie C/O Berlin im Amerika Haus – erinnerungsträchtige Wiederbegegnungen mit der Musik zurückliegender Jahrzehnte, als man Musik in Gestalt von Schallplatten noch kaufen und deren aufwendig gestaltete Plattenhüllen oft bewundern konnte.

Diese Ausstellung ist für Menschen aller Altersgruppen ein Gewinn – aber für all jene der Generation 60plus, die mit der Musik der 1960er-Jahre und den Schallplatten, auf die sie bis in die 1980er-Jahre gepresst war, erwachsen geworden sind, bietet sie den zusätzlichen Reiz der Wiedererkennung. Denn die Ausstellung „Total Records. Vinyl & Fotografie“ zeigt die Bilder, die man als Cover immer wieder in der Hand gehalten und betrachtet hat, wenn man die schwarzen Scheiben aus Vinyl aus ihren Hüllen nahm, um sie auf den Plattenspieler zu legen. Heute, im Zeitalter von Internet-Streaming und MP3, erscheint manchen solch ein dinglich-handgreiflicher Umgang mit „Tonträgern“ vermutlich hoffnungslos veraltet – was jedoch nichts daran ändert, dass Vinyl-Schallplatten gerade ein Revival erleben.

„Abbey Road“ von den Beatles, 1969 – ein Coverfoto von Iain MacMillan, das trotz seiner vermeintlichen Alltäglichkeit stilbildend wirkte.

Hülle und Platte waren nicht selten ein „Gesamtkunstwerk“. 31,5 cm mal 31, 5 cm groß, sollten sie die Scheiben aus Vinyl nicht nur schützen, sondern auch ergänzen – und zu deren Kauf animieren. Die Ausstellung zitiert den amerikanischen Musiker Bruce Springsteen zu seinem Vorgehen beim spontanen Plattenkauf: „I buy it, if I like the album cover, I buy it, if I like the name of the band, anything that sparks my imagination“ – Ich kaufe es, wenn ich das Albumcover mag, ich kaufe es, wenn mir der Name der Band gefällt – was immer es ist, dass meine Vorstellungskraft entzündet. Die Magie dieser Vorstellungskraft ist ungebrochen – die Erinnerung an die Musik ist über die Jahre untrennbar mit den Bildern auf den Plattenhüllen verschmolzen. Oder, wie es im Pressetext zur Ausstellung heißt, die Hülle „visualisiert kongenial Musik und Künstler (...), transportiert Identität und Style, gibt Freiraum für Identifikation“.

„Total Records“ ist nicht chronologisch, auch nicht nach Künstlern, sondern gewissermaßen thematisch gegliedert. Bis man beim Rundgang dahinterkommt, wo der rote Faden verläuft, vergeht einige Zeit. Die Ausstellung will „Schnittstellen und Begegnungen“ aufzeigen, durch die „erst Musik und Konzept eines Albums in originale und originelle Kreationen übersetzt wurden“. 400 Plattenhüllen von den 1960er-Jahren bis in die 2000er-Jahre sind auf poppig bonbonbunten Wänden zu sehen –ein ästhetisch stimmiger Gesamteindruck, bei dem die ausdrucksvollen Schwarzweißfotos besonders hervorstechen.

Francis Wolff, Fotograf und gleichzeitig Co-Gründer des legendären amerikanischen Plattenlabels Blue Note Records, machte Aufnahmen von den Musikern, die bei ihm unter Vertrag waren, die Coolness und Leidenschaft vereinen. Der Fotograf Lee Friedlander setzte Jazzgrößen wie John Coltrane ebenso meisterhaft für Atlantic Records, das größte Independent-Label der USA, ins Bild. Richard Avedon, der als einer der bedeutendsten Fotografen des 20. Jahrhunderts gilt, zeigt Stars wie Joan Baez, Barbra Streisand oder Simon & Garfunkel perfekt in Szene gesetzt – und sehr verletzlich. In Schwarzweiß und typisch für die Kreuzberger VHS-„Werkstatt für Photographie“, lichtete der Berliner Fotograf Ulrich Wüst den Posaunisten Conny Bauer für das Jazzlabel der DDR-Plattenfirma Amiga ab.

In einem Eckbereich der Ausstellung auf einmal viel nackte Haut: Hier werden Cover gezeigt, die der Zensur zum Opfer fielen. Teilweise durchaus zu Recht – etwa das beabsichtigte Cover des Albums „Virgin Killer“ der deutschen Hard-Rock-Band Scorpions von 1976, das das Foto eines nackten zehnjährigen Mädchens in aufreizender Verführerinnenpose hinter einer zerbrochenen Glasscheibe zeigt.

Viele Künstler vertrauten ihre Alben immer wieder denselben Fotografen an. Kreative Mehrfachkooperationen gab es etwa zwischen dem Regisseur und Fotografen Robert Frank und den Rolling Stones, von Annie Leibovitz mit Cindy Lauper, von Anton Corbijn mit der irischen Rockband U2, von Helmut Newton mit der Gruppe INXS, von dem Modefotografen Herb Ritts mit Madonna, von Irving Penn – auch er einer der ganz Großen des 20. Jahrhunderts – mit Miles Davis oder von Jean-Baptiste Mondino mit der Popikone Prince. Der französische Fotograf zeigte Prince für das Album „Lovesexy“ von 1988 als zartes Pin-up, auf Orchideen gebettet.

Ein besonderes Gespann waren auch der französische Designer Jean-Paul Goude und die jamaikanische Sängerin und Schauspielerin Grace Jones. Goude inszenierte sie als androgyne Ikone mit scharfem Kurzhaarschnitt und biegsam-muskulösem Körper. Manche Cover regten zur Nachahmung an – etwa „Abbey Road“ der Beatles von 1969, das vielfach aufgriffen, abgeändert oder persifliert auf den Covern anderer Künstler auftauchte.

Neben Fotografen kreierten auch bildende Künstler wie der Amerikaner Robert Rauschenberg, die Schweizerin Pipilotti Rist oder das Künstlerduo Fischli/Weiss Plattencover. Legendär auch Andy Warhols Jeans mit echtem Reißverschluss im Schritt auf der LP „Sticky Fingers“ der Rolling Stones von 1971 und sein „Bananenalbum“ für Velvet Underground von 1967 mit dem mikroskopisch kleinen Schriftzug „peel slowly and see“. Ikonenstatus hat inzwischen auch das Foto der jungen, ganz am Beginn ihrer Karriere stehenden Sängerin und Schriftstellerin Patti Smith auf ihrem Album „Horses“ von 1975, fotografiert von ihrem damaligen Freund Robert Mapplethorpe.

Die Ausstellung „Total Records“ wurde 2015 von Antoine de Beaupré, einem Buchhändler und Plattensammler, für eine Fotoausstellung im französischen Arles konzipiert. Seither tourt sie durch Europa. Die C/O-Galerie hat sie durch vier  Berlin-Themen ergänzt: „Ostplatten“, „Neue Berliner Schule. Elektronik“, „Jim Rakete“ und „Geniale Dilletanten“ – letzteres in genau dieser orthografisch falschen Schreibweise Synonym für die West-Berliner Subkultur in der noch geteilten Stadt.

Bei den Musikern der „Neuen deutschen Welle“ waren die Cover von Jim Rakete stilbildend. Bei über 350 Alben war der Berliner Fotograf für die Coverfotos zuständig, und auch als Mentor und Manager war er eng mit der musikalischen Alternativszene der 1980er-Jahre verbunden. Seine Porträts von Nina Hagen, Romy Haag oder Heiner Pudelko von der Band Interzone zeigen die Berliner Stars dieser Zeit. Einmal kam es sogar zu einer Vorwende-Ost-West-Kooperation, als nicht nur Rakete 1986 für die LP „Bataillon d´Amour“ der Band Silly und ihrer Frontfrau Tamara Danz Fotos machte, sondern auch die Ost-Berliner Fotografin Ute Mahler.

Man sieht: Hinter den Coverfotos stecken Geschichte und Geschichten zuhauf. Die Ausstellung kann sie nur ansatzweise erzählen. Deshalb findet der Betrachter aus der Generation 60plus hier vor allem, was er schon kennt, aber neu gewichtet in einer Dreiecksbeziehung: Zwischen Interpret und Album tritt der Fotograf, der den Interpreten mit seinem Coverfoto in Szene setzt. Auf diese Image-Gestalter aufmerksam zu machen, ist ein Anliegen der Ausstellung. Sehenswert ist „Total Records“ deshalb auch für die Spotify-Generation, die Cover zum Anfassen nur vom Hörensagen kennt – als eine Begegnung mit der Macht der Bilder und als sentimentale Reise zurück in eine andere Epoche.

Total Records. Vinyl & Fotografie. Galerie C/O Berlin im Amerika Haus, Hardenbergstraße 22-24, 10623 Berlin, am Bahnhof Zoo. Bis 23. April 2017, geöffnet täglich von 11 bis 20 Uhr. Eintritt (für das gesamte Haus) 10 Euro, ermäßigt 6 Euro, bis 18 Jahre Eintritt frei. www.co-berlin.org/total-records

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