Starke Frau zwischen Alphamännern

Hildegard Müller übernimmt das Steuer beim Autoverband VDA

Von Bettina Weiguny

01.12.2019 – DER HAUPTSTADTBRIEF am Sonntag in der Berliner Morgenpost

Bettina Weiguny ist Journalistin und schreibt regelmäßig im Wirtschaftsteil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung die Kolumne „Der Balance-Akt.“

Unter Managern gilt ein geflügeltes Wort: Wenn der Karren knietief im Dreck steckt, holt man eine Frau, um ihn rauszuziehen. Geht‘s gut aus, hatte sie Glück. Geht‘s schief, hat sie’s verbockt.

Vielleicht ist die Situation der Auto-Industrie nicht gar so verfahren, aber dass mit Hildegard Müller nun eine Frau zur obersten Auto-Lobbyistin aufsteigt, ist sicher auch der schlechten Lage der Branche geschuldet, um nur Diesel-Betrug und Kartell-Skandal als kriminelle Verfehlungen zu erwähnen. Dazu kommen Herausforderungen wie Elektroauto, autonomes Fahren, vernetzte E-Mobility. Alles Felder, in denen nicht ausgemacht ist, wie gut die deutschen Autobauer sie meistern. Tesla, nur mal so als Zwischenruf, baut groß in Berlin.

Künftig also sitzt eine Frau mitten zwischen den Autobossen, die sich davon ein frisches Image erhoffen. Ob das gutgeht? Vorgänger Bernhard Mattes, von Ford gekommen, jedenfalls war glücklos. Die besseren Kontakte in Berlin hat Müller, eine 52-jährige Frau von Format, eine dieser CDU-Politikerinnen, die sehr selbstbewusst ihren Weg gehen. Dass die gelernte Bankerin und Betriebswirtin bisweilen als langweilig, nüchtern und farblos belächelt wird, hat sie stets kalt gelassen.

Konservativ ist sie und katholisch, sozialisiert mit Junger Union und den Toten Hosen, worin die Düsseldorferin keinen Widerspruch sieht. Stets hat sie ihren eigenen Kopf gehabt. Trotz CDU-Parteibuch hat sie ein Kind bekommen, ohne zu heiraten, sie ermutigt Frauen, ihre Karriere nicht aufzugeben, die Kinder in die Betreuung zu geben und den Vätern ihren Teil an Kindererziehung zuzutrauen und zuzumuten. Müllers Karriere wäre anders unmöglich gewesen.

Ihren Durchbruch verdankt sie Angela Merkel. Die Kanzlerin hat die Vorsitzende der Jungen Union zu sich ins Kanzleramt geholt. Sie hat sie bestärkt, den Job nicht aufzugeben, als sie schwanger wurde. „Ich will, dass du das schaffst“, soll Merkel gesagt haben. „Lass uns eine Lösung suchen.“ Drei Jahre war sie als Staatsministerin Merkels treue Gehilfin, gehörte zu ihrem engsten Kreis. 2008 kehrte sie der Politik den Rücken, sammelte Lobby-Erfahrung in der Energiewirtschaft und wirbelte später bei der grünen RWE-Abspaltung Innogy. Die wird jetzt abgewickelt, RWE und Konkurrent E.ON teilten die Geschäfte unter sich auf, Müller zog in dem Spiel den Kürzeren. Das E.ON-Management übernimmt, sie geht.

Mit scheinbar aussichtslosen Situationen kennt sie sich aus. „Nach Fukushima war mir sofort klar, dass das für uns alles ändern würde“, sagt sie, damals diente sie als Verbandsvorsitzende der Energiebranche. Ihre Vermittlerdienste zwischen Großkonzernen und Kommunen, zwischen Politik und Wirtschaft hat sie auch in dieser Phase mit Gelassenheit gemeistert, wie immer. „Eine starke Frau, die in sich ruht“, lobt sie ein Weggefährte. „Die haut so schnell nichts um.“

Natürlich kann man Müller vorwerfen, dass sie mit Autos bisher wenig zu tun hatte, abgesehen davon, dass sie BWM-Fahrerin ist, sich mit Stromnetzen und Energiewende auskennt und bei Innogy die Dienstflotte auf E-Autos und Hybrid umgestellt hat.

Wichtiger aber wird sein, dass sie sich behauptet zwischen den Alphamännern. Und damit hatte sie nie Probleme. Hildegard Müller war häufig die einzige Frau im Saal, hat sich bewährt als Mrs. Energy im Altmännerclub der Energiewirtschaft und beherrscht die Machtspiele in Berlin, pflegte stets Kontakte über die Parteigrenzen hinweg. Das kommt ihr zugute, wo das Merkel-Ticket nicht mehr viel zählt in Zeiten der Kanzlerinnendämmerung. Müller hat ihr Netzwerk: angefangen mit der Jungen Union, über den Berliner Adler-Kreis, in dem sich Politiker mit Lobbyisten austauschen, bis ins Topmanagement. Wer zum engsten Kreis zählt, verrät sie nicht. „Je weniger über Netzwerke geredet wird, desto interessanter und erfolgreicher sind sie.“ Nur so viel: „Ich kannte immer Männer und Frauen, die ich notfalls mitten in der Nacht hätte anrufen können, um mir einen Rat zu holen.“ Die wird sie im Zweifel brauchen können.