Händedruck mit der Geschichte

Meine Begegnungen mit Michail Gorbatschow, dem Mann, der Weltgeschichte geschrieben hat – und dem wir Deutschen für ewig dankbar sind

Von Detlef Prinz

22.12.2019 – DER HAUPTSTADTBRIEF am Sonntag in der Berliner Morgenpost

Detlef Prinz ist Verleger des HAUPTSTADTBRIEFES

1991 habe ich Michail S. Gorbatschow zum ersten Mal persönlich gesehen und gesprochen, in Begleitung von Willy Brandt in Bonn. Mein Vater sagte mir in Berlin vor dem Treffen: „Wenn Du die Gelegenheit hast, ihn persönlich zu sprechen, drücke ihm beide Hände als einen Gruß und ein Dankeschön von Herzen von Deinem Vater, der in seinen jungen Jahren Kommunist war und später ein Verehrer von Kennedy, dem er bei seinem Berlin-Besuch 1963 in der Kongresshalle auch die Hand gedrückt hat.“

privat

Liebesgrüße aus Berlin: Michail Gorbatschow freut sich über die Morgenpost-Ausgabe mit seinem Interview.

Ich hatte die Gelegenheit, und Gorbatschow antwortete: „Danke und ein fester Händedruck zurück mit herzlichem Gruß an Deinen Vater.“ Mein Vater war gerührt und ich überglücklich. Jahre später traf ich Gorbatschow bei der Tagung der Sozialistischen Internationalen 1996 in Berlin. Ich erinnerte ihn an unseren festen Händedruck in Bonn und er fragte, wie es meinem Vater ginge. Von Gorbatschow erhielt ich ein Bild mit persönlicher Widmung für ihn. Es erhielt einen Ehrenplatz in der Wohnung meiner Eltern.

Viele Jahre später, im Jahr 2015, beschloss ich, zusammen mit Egon Bahr und Gorbatschow das Buch von Wilfried Scharnagl „Am Abgrund. Für einen besseren Umgang mit Russland“ gemeinsam vorzustellen. Das Buch ist bei uns im Verlag auf Deutsch, Englisch und Russisch erschienen. Vor der Präsentation, der 300 Persönlichkeiten aus den deutsch-russischen Beziehungen beiwohnten, hatten Bahr und ich ein Sechs-Augen-Gespräch mit Gorbatschow. Ich werde die Atmosphäre und die Sensibilität des Gesprächs zwischen Bahr und Gorbatschow nie vergessen. Ich saß mit zwei Granden der Weltpolitik zusammen. Am Ende des Gesprächs schlug ich vor, dass wir dringend über eine neue globale Friedenspolitik sprechen müssten – und zwar mit einem weiteren Grandseigneur der internationalen Beziehungen: dem deutschstämmigen US-Amerikaner Henry Kissinger.

privat

Detlef Prinz, Verleger des HAUPTSTADTBRIEFS, zeigt Gorbatschow die Anzeige von Partner für Berlin.

Die Präsentation des Buches von Wilfried Scharnagl am Abend in Anwesenheit anderer deutscher Persönlichkeiten – neben dem Autor selbst Antje Vollmer, Mathias Platzeck, Peter Gauweiler, Ulrich Deppendorf sowie die Unternehmer Brun-Hagen Hennerkes und Stefan Dräger – war eine denkwürdige Veranstaltung. Mit dem Gefühl, etwas Konkretes für einen konstruktiven deutsch-russischen Dialog geleistet zu haben, fuhren wir nach Hause.

Kurz nach meiner Rückkehr sprach ich mit Henry Kissinger, und er sagte zu, umgehend einen gemeinsamen Termin für dieses Gespräch in New York zu finden. Einige Tage später saß ich zur Terminabstimmung bei Egon Bahr zu Hause, und schnell war ein Datum vier Wochen später festgelegt. Ich werde nicht vergessen, wie uns seine Frau Adelheid fragend zurief: „Ist das wirklich Euer Ernst?“ Bahr antwortete: „Ja, das ist unser Ernst! Dieses Gespräch und die damit verbundene Öffentlichkeit sind notwendig, und wir fliegen nach New York.“

Es kam leider nicht mehr dazu. Kurz darauf starb mein Freund Egon an einem Herzinfarkt.

Er und ich flogen also nicht nach New York, aber Henry Kissinger kam zur Trauerfeier nach Berlin. Er sagte, lieber wäre es ihm gewesen, dass wir uns in New York gesehen hätten. Ich werde auch nicht die belegte Stimme von Gorbatschow vergessen, als ich ihm telefonisch über den Tod Egon Bahrs berichtete.

privat

Der Präsident erzählt von seiner Familie, immer dabei sein Begleiter Karen Karagesjan.

Und nun wieder Moskau, vor wenigen Wochen. Ich gebe zu, ich war ein wenig aufgeregt, hörte ich doch, dass es Gorbatschow gesundheitlich nicht so gut ginge und er einen Krankenhausaufenthalt hinter sich hatte. Bevor ich zu ihm ins Büro gehe, spreche ich mit seiner rechten Hand und seinem Begleiter Karen Karagesjan – ebenfalls ein großartiger Mensch, verlässlich und warmherzig. Er sagt zu mir: „Michail Sergejewitsch freut sich, Dich zu sehen.“ Ich betrete sein Büro, und dieser wunderbare warmherzige ältere Mann der Weltgeschichte erhebt sich, lacht mich an und sagt: „Willkommen, mein Freund.“ „Danke, Herr Präsident“, sage ich, und wir drücken uns vertraut beide Hände.

In diesem Augenblick denke ich an meinen Vater, an Egon Bahr und Willy Brandt. Alle drei leben nicht mehr, aber sie sind mir gerade in diesem Augenblick besonders nahe. Karen übersetzt wie immer, und ich frage: „Was machen wir aus dieser, unserer Welt? Was können Deutschland und Russland für eine neue Friedenspolitik tun?“ Er schaut mich an und denkt nach. Dann sagt Gorbatschow: „Wir müssen uns wieder auf die guten Phasen der Beziehungen zwischen Deutschland und Russland zurückzubesinnen. Immer dann, wenn Deutschland und Europa gute Beziehungen untereinander hatten, ging es auch Europa gut.“ Das dürfe man nicht vergessen. Deutschland und Russland müssten Freunde bleiben. Wenn diese Freundschaft bestehe, werde auch alles andere gelingen, sagt er mit Blick auf die aktuelle Weltlage. Besorgt zeigt sich Gorbatschow über den Zustand der internationalen Beziehungen und die derzeitigen politischen Akteure. Sie seien launisch und kapriziös. Man dürfe nicht zulassen, „dass diese kapriziösen Leute uns etwas aufzwingen, was uns in die Katastrophe führen kann“. Wahre Worte, die mir aus dem Herzen sprechen. Wir dürfen das deutsch-russische Verhältnis nicht nur als tagespolitische Angelegenheit behandeln, sondern müssen die großen Linie der beidseitigen Beziehungen wieder in den Mittelpunkt rücken, wie es einst die Architekten der deutschen Ostpolitik Willy Brandt und Egon Bahr getan haben, denke ich.

Russland und Deutschland müssen wieder dialogfähig werden. Gerade als Land in der Mitte Europas müssen wir gesprächsfähig sein, uns austauschen im besten Wortsinn und auch Verständnis füreinander entwickeln – und das geht nur mit und nicht gegen Russland, sage ich Gorbatschow und verspreche, mich mit voller Kraft dafür einzusetzen. Denn: Wir brauchen eine neue Ostpolitik und einen konstruktiven Umgang mit Russland, keine Politik des Mittelmaßes und Mitläufertums.

Bei dieser Gelegenheit grüße ich ihn von der Chefredakteurin der Berliner Morgenpost Christine Richter, die am 11. November ein großes Interview mit Gorbatschow veröffentlichte, das Fritz Pleitgen exklusiv für die Berliner Morgenpost führte. Im Übrigen wurde dieses Interview von allen Titeln der Funke Mediengruppe übernommen. Und ich zeige ihm die ganzseitige Anzeige von Partner für Berlin: „Danke Michail Gorbatschow“. Gorbatschow ist gerührt und bittet mich, alle ganz herzlich in Deutschland zu grüßen.

Bei der Verabschiedung frage ich ihn: „Kann ich irgendetwas für Dich tun?“ Und er antwortet mit mir belegter Stimme: „Weißt Du, sie fehlt mir sehr.“ Und ich weiß, er spricht von seiner Frau Raissa Gorbatschowa, die ich leider nicht persönlich kennengelernt habe. An der Tür, er steht an seinem Schreibtisch und schaut mir nach, drehe ich mich noch mal um und habe das Gefühl, dass ich noch irgendetwas sagen muss. Ich sage: „Danke, Herr Präsident!“ Und verneige mich. Der russische Sicherheitsbeamte an der Tür schaut mich fragend an, und ich sage als knappe Erklärung, ohne Gorbatschow hätten wir keine deutsche Einheit, würde es uns Deutschen nicht so gut gehen wie heute. Ich bin mir nicht sicher, ob ich ihm mit meiner Erklärung sehr geholfen habe. Ich wollte dem Sicherheitsmann nur vermitteln, dass er einen ganz großen Russen beschützt, der Weltgeschichte geschrieben hat. Vom Auto aus rufe ich ihm noch zu: „Pass schön auf Gorbatschow auf. Wir Deutschen lieben ihn.“