Mehr Zweckfreiheit wagen

Oder: Nachdenkliche Liebeserklärung eines Jerusalemer Mönchs an Berlin

Von Pater Nikodemus C. Schnabel OSB

29.12.2019 – DER HAUPTSTADTBRIEF am Sonntag in der Berliner Morgenpost

Pater Nikodemus C. Schnabel OSB ist Benediktinermönch der Jerusalemer Dormitio-Abtei und Direktor des Jerusalemer Instituts der Görres-Gesellschaft (JIGG), bis vor kurzem war er für ein Jahr Berater im Auswärtigen Amt für „Religion und Außenpolitik“.

Im traumhaft schönen Kloster Einsiedeln im Kanton Schwyz, im Herzen der Schweiz, „verdaue“ ich gerade geistlich voller Dankbarkeit mein wunderbar-intensives Jahr 2019. Ein Jahr lang durfte ich als Berater für „Religion und Außenpolitik“ in der Abteilung „Kultur und Kommunikation“ im Auswärtigen Amt in Berlin arbeiten und nebenher im Erzbistum Berlin als Priester mithelfen. In diesem Jahr habe ich enorm viel über Diplomatie, über operatives Denken und über Kirche in der Diaspora gelernt – und ich habe Berlin und seine Bewohnerinnen und Bewohner schätzen und lieben gelernt.

SHUTTERSTOCK/AIMUR KYTT

Die Zeit dreht sich weiter – aber zwischen den Jahren lässt sie sich vielleicht etwas ausbremsen.

Berlin ist wie meine Wahlheimat Jerusalem, in die ich bald wieder zurückkehre, unfähig zum Small Talk, wenn auch aus verschiedenen Gründen. Jerusalem bekommt keinen Small Talk hin, weil in dieser Stadt einfach nichts egal ist: Jedes Thema wird sofort höchst bedeutungsschwanger und verlangt Bekenntnisse ab. Berlin bekommt keinen Small Talk hin, weil in dieser Stadt einfach alles egal ist: Kein Thema lockt wirklich aus der Indifferenz, und sogar so fundamentale Fragen wie die nach Gott werden als irrelevant eingestuft. Für einen Mönch aus Jerusalem ist diese Berlin-Erfahrung wie eine eiskalte Dusche, die zuerst wie ein Schock ist, dann aber sehr erfrischend.

Das Wunderbare an dieser Berlin-Haltung ist der Schutz vor allen Vereinnahmungsversuchen. Jeder, der in Berlin die Frage nach der Identität durch eine spezifische Gruppenzugehörigkeit beantworten möchte, macht sich ziemlich lächerlich und wird als unfassbar provinziell, spießig und kleinkariert wahrgenommen. Anders formuliert: Das heutige Berlin ist ziemlich ideologieunempfindlich. Möge es so bleiben!

Das Problematische an dieser Berlin-Haltung ist die Schutzlosigkeit vor allen Selbstzweifeln. Schnelle und billige Identitätsantworten verbieten sich in Berlin, aber die Frage nach dem eigenen Selbst bleibt. Und hier sind nicht wenige Berliner leider allzu bereit, sich mit Placebos zu betäuben. Wenn ich mich nicht über eine spezifische Gruppenzugehörigkeit definieren kann, dann bin ich eben das, was ich leiste, das, was andere über mich sagen, oder das, was ich besitze. Oder um es in andere Worte zu kleiden: Ganz zentral für das eigene Leben wird die Performanz, die Sichtbarkeit oder die Besoldungsstufe. Die antiken Mönchsväter aus der ägyptischen Wüste hätten ihre wahre Freude an dieser Situation, denn exakt diese „Versuchungen“ haben sie schon sehr früh erkannt und entlarvt. Das heutige Berlin und das antike Alexandria würden eine fantastische Städtepartnerschaft abgeben.

Es ist wirklich traurig zu sehen, wie Menschen bereit sind, ihre Lebensenergie, ihre menschlichen Beziehungen und ihre Gesundheit zu opfern, nur für ein bisschen mehr Leistung, Anerkennung oder Geld. Noch trauriger ist es zu sehen, wie Menschen zusammenbrechen, nicht weil sie sich und ihre Beziehungen ruiniert haben, sondern weil sie nicht die Leistung erbracht haben, die sie sich vorgenommen haben, nicht die Anerkennung bekommen haben, die sie erwartet haben, oder nicht die Besoldungsstufe erreicht haben, für die sie sich so abgemüht haben. Auch das ist Teil der Berliner Realität.

Die ägyptischen Wüstenmönche würden diesen Berlinern in ihrer typisch ruppig-rauen Art – ich merke übrigens gerade, dass der Gedanke der oben genannten Städtepartnerschaft zunehmend an Charme gewinnt – ziemlich unmissverständlich sagen, dass im Sterben ihnen ihre ganzen Zeugnisse, ihre Ehrungen und ihr Besitz nichts nützen werden, dass Gott danach auch nicht fragen wird. Hier werden wohl auch Atheisten zustimmen müssen: Falls es nämlich keinen Gott geben sollte, wird sich im Tod erst recht niemand dafür interessieren. Mit dem Weisheitslehrer Kohelet aus dem Alten Testament gesprochen, ist das alles nur „Windhauch“, leere Lebens-Blähungen.

Die antiken Mönche würden dann darauf verweisen, dass die menschliche Identität auf der Gotteskindschaft beruht, darauf, dass wir Gottes geliebte Töchter und Söhne sind und uns damit alles Innerweltliche ziemlich egal sein kann. Gott ist treu. Seine treue Liebe zu uns überdauert auch das biologische Ableben und besiegt letztlich den Tod.

Bevor die Berliner sich jetzt aber in Scharen aufmachen, um in der Uckermark sich als Eremitinnen und Eremiten niederzulassen – was aber wahrscheinlich eher nicht passieren wird, da der Berliner, wie gesagt, eher zur Indifferenz als zur Radikalität in Glaubensdingen neigt – möchte ich auf Berlin als einen wunderbaren Gnadenort verweisen, welches es in meinen Augen nämlich auch ist: Diese Metropole ist auch eine Einladung zur Zweckfreiheit!

Das ziemlich ideologiefreie Berlin ist nicht nur eine Stadt, in der man mithilfe von Identitäts-Placebos überleben kann, sondern in der man wunderbar leben kann. Kaum eine Stadt bietet ein so reiches kulturelles Angebot, in der die Seele aufleben kann. Natürlich gibt es auch viele „unerlöste“ Kultur, und damit meine ich solche, welche den Betrachter oder die Zuhörerin „aktivieren“ möchte, also letztlich Leistung einfordert, was nicht der Sinn von Kunst sein sollte. Ich meine vor allem die „gewaltfreie“ Kunst, welche von der Besucherin oder dem Zuschauer nichts möchte, sich nicht aufdrängt, sondern einfach Raum schafft: Raum zum Träumen, Raum zum Nachdenken, Raum zum Genießen, Raum für Trauer, Raum für Freude, Raum für Sehnsucht, Raum zum Loslassen, Raum, um zur Ruhe zu kommen, Raum zum Leben.

Wenn ich den Berlinerinnen und Berlinern für das neue Jahr 2020 einen Wunsch mitgeben darf, dann ist es der Mut zu mehr Zweckfreiheit, zu mehr unverzwecktem Tun. Meines Erachtens ist der Mensch dann intensiv, wahrhaft und ganz Mensch, wenn sein Tun zweckfrei, aber damit höchst sinnvoll und – reich ist. Bei Kindern scheint es mir das Spielen zu sein, bei uns Mönchen das Gebet und die Liturgie – und bei den Berlinerinnen und Berlinern? Ich bin mir sicher, dass „meine“ Berliner darauf mehr als nur eine Antwort geben können. Nur Mut zum Leben!