Balanceakt des Lebens

Jenseits von Lifestyle-Moden: Zwischen den Jahren gilt es, die Zeit einmal abzubremsen

Von Thea Herold

29.12.2019 – DER HAUPTSTADTBRIEF am Sonntag in der Berliner Morgenpost

Thea Herold ist Vorstandsmitglied der Deutschen Stiftung Schlaf und Gründungsmitglied von „Deutschland schläft gesund e.V.“. Zuletzt erschien ihr Buch „Du hast Zeit: Eine Liebeserklärung an die Pause“ im Siebenhaar Verlag Berlin.

Geschafft! Wir sind zwischen den Jahren. Der Weihnachtsmann liegt in der Hängematte. Die Bundesliga macht Winterpause. Der Abwasch vom Fest ist sauber und steht wieder im Schrank. Bis Anfang Januar haben wir frei. 

Zwischen den Jahren wird jener besondere Zeitraum genannt, in dem sich das alte Jahr nach den Weihnachtstagen verabschieden will, aber das neue Jahr noch nicht Fahrt aufnimmt. Für ein paar Tage ist das gesellschaftliche Leben etwas langsamer, sogar ein wenig leiser, und jeder scheint irgendwie dankbarer zu sein als sonst. Dankbarer für das Erhaltene und auch für jene, die zwischen den Jahren den Laden am Laufen halten. Working Heroes im Verkehr, auf Straßen, Schienen, in der Luft. Pflegekräfte, Schwestern und Ärzte in Krankenhäusern, Angestellte in Hotels oder beim Handel, Schichtarbeiter, Dienstleister, Menschen in den Medien, in der Landwirtschaft und überall dort, wo es erforderlich ist, weiterzuarbeiten und durchzuziehen. 

Viele von uns aber können sie machen – die Pause am Jahresende. In der Familie, mit Freunden oder für sich. Wir machen Ferien vom allgegenwärtigen 24-Stunden-7-Tage-Zeitgeist, der uns Jahr um Jahr rund um die Uhr wachzuhalten und immer mehr unter Druck zu setzen scheint. Manchmal spüren wir so viel Zeitnot, dass wir denken, wir könnten uns gar keine Pausen mehr leisten. Als müssten wir immer online, immer präsent, immer bereit sein. Doch Google wird nie müde, wir schon. Wir brauchen Pausen – brauchen sie mehr denn je. Sich auszuschlafen, ab und an alle Viere gerade sein zu lassen oder genau das Gegenteil zu tun: sich endlich voller Freude zu bewegen, sich auszutoben, draußen zu sein und abzuschalten – das alles ist das Gegenteil von Zeitverschwendung. Schlaf und Pause helfen uns dabei, unsere Zeit im Wachen mit allen Sinnen zu erleben, denn die Natur selbst hat uns Pausen in den Lebensrhythmus geschrieben. Wenn wir uns Zeit für sie nehmen, bringt uns nichts mehr voran und lässt uns besser auf gute Gedanken oder auf eine neue Idee kommen als eine Pause zur richtigen Zeit. 

Dagegen steht oft unsere klassische Konditionierung, wir müssten alle Tage gleichermaßen durchziehen. Und das geht nicht. Für Arbeitnehmer regelt deshalb ein Arbeitszeitgesetz (Paragraphen 4 und 5) Pausen- und Ruhezeiten. Auch gibt es im Arbeitsvertrag festgelegte Urlaubstage. Doch viele Freiberufler müssen erst einen schmerzhaften Lernweg hinter sich bringen, bis sie herausfinden, wieviel Disziplin und Selbstverantwortung nicht nur erfolgreiches Arbeiten abverlangt, sondern auch das passende Pausen-Management. Noch anders etwa bei Lehrern und Erziehern: Dort wandert oft ein immenses Pensum an Nach- und Vorarbeit mit ins Feriengepäck. Korrekturstunden dauern bis spät in den Abend. Auch dort hat das Wort Feierabend – so wie in vielen Berufen – seine ursprüngliche Bedeutung als Ende des Arbeitstages längt verloren. 

An der Bedeutung der Pause, ihrer Aufgabe als zeitliche Dehnungsfuge für Entspannung, Erholung, Regeneration, für Kreativität oder für erforderliche Heilung ändert das nichts. Im Gegenteil. Die Bedeutung der Pause nimmt zu. Unsere inneren Uhren und die ihnen zugrunde liegenden Biorhythmen halten uns durch unser ganzes Leben in einer robusten circadianen Schlaf-Wach-Regulation. Doch auch sie reagiert sensibel auf Störungen. Gute Pausen zu machen, auch die kleinen, hält die Ordnung der inneren Uhr besser in Balance. Der längste Rhythmus im Konzert der Biorhythmen nennt sich circa-annual oder Jahresrhythmus. Der stärkste ist der Tagesrhythmus (circadian). Und zu den kürzeren dieser Rhythmen gehört der Pausen-Rhythmus (BRAC), der in den 1950er Jahren von den amerikanischen Vorreitern der Schlafforschung Eugene Aserinsky und Nathaniel Kleitman wissenschaftlich beschrieben wurde. Wie Wellen im Fluss der Zeit sorgt dieser neunzigminütige BRAC-Rhythmus für ein natürliches, zyklisches Auf und Ab. Für die Abwechslung zwischen konzentriertem Leistungshoch und dem kleinem, alternierenden Tal. Wir reagieren oft intuitiv auf diese Abwechslung und gönnen uns nach anderthalb Stunden eine kleine Pause, halten kurz inne. Übrigens sind auch kulturelle Formate erstaunlich häufig an diesen Rhythmus angepasst: Aufführungen im Theater, Filme, Konzerte und Fußballspiele folgen diesem neunzigminütigen Zeitmaß.  

Pausen, auch die Zeit zwischen den Jahren, sind als Teil unserer Zeit ein Element der natürlichen Balance. So wie sie auch unabdingbar sind in der Musik, in der Sprache, im Regelwerk der Diplomatie oder selbst beim Programmieren – denn auch die binären Codes brauchen Unterbrechungen. Schätzen wir deshalb die Pause, diese nur vermeintlich abgebremste Zeit. Sie gehört – in all ihrer Vielfalt – zu unserem Leben. Zwischen den Jahren und auch danach.