Hashtag Verbale Abrüstung

Die Kinderliedsatire des WDR war missglückt. Die Aufregung darüber aber ist es auch. Hass und Hetze müssen aufhören

Von Ulrich Deppendorf

05.01.2020 – DER HAUPTSTADTBRIEF am Sonntag in der Berliner Morgenpost

Ulrich Deppendorf ist Herausgeber des HAUPTSTADTBRIEFS. Bis April 2015 war er Studioleiter und Chefredakteur Fernsehen im ARD-Hauptstadtstudio.

Der WDR hat einen Fehler gemacht. Er hat eine missglückte Satire über „Omas“ und „Umweltschutz“ gesendet, auf deren Details an dieser Stelle wohl nicht mehr eingegangen werden muss. Der Abteilungsleiter hat den Fehler eingestanden, er hat sich entschuldigt. Der Intendant hat in einer Sondersendung ebenfalls den Fehler eingestanden, ohne Wenn und Aber. Mehr können Senderverantwortliche nicht tun. Sie sollten sich aber auch nach außen vor ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stellen – intern muss der Fehler aufgearbeitet werden. Die Senderverantwortlichen müssen sich dann in ihren Aufsichtsgremien den Vorwürfen stellen.

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Löschtaste: Übersetzt hieße Shitstorm Kotböe. Besser, es gäbe das Wort erst gar nicht.

Fehler passieren in vielen Unternehmen, Organisationen und Parteien. Richtig ist aber auch: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat eine besondere Verantwortung. Dieser Verantwortung ist der WDR nach dem missglückten Satireversuch nachgekommen, vielleicht sogar mehr, als notwendig. Doch er stand im Mittelpunkt eines unglaublichen Twitter- und Internet-Furors. Selbst ein Ministerpräsident griff in die Tasten, um seiner Empörung Luft zu machen. Wird er jetzt bei jedem Fehler einer öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt seine Kommentare absondern? Macht er das dann auch bei den Privatsendern? Ist das die Aufgabe eines Ministerpräsidenten? Oder reiner Populismus? Das sollte sich der lauernde Kanzlerkandidat Armin Laschet einmal kritisch selbst fragen.

Die Rechtpopulisten – an vorderster Front der geschasste Ex-Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen, unterstützt von Teilen der FDP – bliesen gleich zum Generalangriff auf den gesamten öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Ob die Liberalen sich in einer solchen rechtspopulistischen Gesellschaft wohlfühlen?

Dieser missglückte WDR-Beitrag hat dennoch eines offengelegt: wie gespalten, wie zerstritten, ja, auch wie hasserfüllt dieses Land mittlerweile geworden ist. Verbale Abrüstung im täglichen Umgang und in der politischen Auseinandersetzung ist dringend notwendig. Denn durch Hass und Hetze – insbesondere von rechts, von der AfD bis zu den Reichsbürgern, aber auch von Aktivisten jeglicher Ausrichtung – beginnt sich der Grundkonsens über das Zusammenleben und den politischen Diskurs gefährlich zu verschieben.

Es darf nicht sein, dass der Antisemitismus dramatisch zunimmt, dass Attentate auf Synagogen begangen werden. Es darf nicht sein, dass ein Politiker, der sich für Flüchtlinge eingesetzt hat, kaltblütig von einem Rechtsradikalen erschossen wird. Es darf nicht sein, dass der weltbekannte Pianist Igor Levit Morddrohungen erhält, nur unter Bewachung ein Konzert geben kann. Es darf nicht sein, dass Rechtsradikale vor das Haus eines WDR-Mitarbeiters ziehen, weil dieser einen verunglückten Tweet abgesetzt hat, für den er sich sofort entschuldigt hat. Es darf nicht sein, dass Journalisten Morddrohungen erhalten.

Diese Art der politischen Auseinandersetzung erinnert an dunkle Zeiten in diesem Land. Wollen wir so in Zukunft politische Auseinandersetzungen führen?

Richtig: Wir hatten den Linksterrorismus der RAF-Jahre, er war im höchsten Maße verachtenswert. Heute ist der Rechtsterrorismus die vielleicht viel gefährlichere Variante jedes verbrecherischen Terrorismus. Der Grund: Er bedient sich des Internets. Das ist der Unterschied. Er schleicht sich ein in bestimmte Schichten, in hasserfüllte Echokammern. Dort müssen wir uns entgegenstemmen.

Wir leben in einem Deutschland, das mit dieser demokratischen Staatsform und dem Grundgesetz reich beschenkt worden ist, das Vorbild für viele Länder auf der ganzen Welt wurde – und das nach den grausamen Verbrechen der Hitler-Diktatur. Für dieses Land gibt es außenpolitisch viel anzupacken, wir stehen vor großen Herausforderungen. Gerade deswegen sollten wir über Sprache und Stil des politischen Diskurses in diesem Land nachdenken und ihn verändern.

Zugleich: Es gibt fürwahr wichtigere Probleme im Land und in der Welt als das verunglückte Liedchen eines Kinderchores: Flüchtlingsproblematik und Klimaschutz, Kriege, soziale Ungerechtigkeiten, Hungersnot. In seiner Unvollkommenheit, in seinem Misslingen war die missglückte Kinderliedsatire aber vielleicht ein Weckruf.