Lob des Zweifels und der Zwischentöne

Die fatale Neigung zu falschen Eindeutigkeiten vergiftet nicht nur die Politik, sondern auch uns selbst

Von Thomas Bauer

05.01.2020 – DER HAUPTSTADTBRIEF am Sonntag in der Berliner Morgenpost

Prof. Dr. Thomas Bauer lehrt Islamwissenschaft und Arabistik an der Universität Münster. 2018 erschien sein vielgelobter Essay „Die Vereindeutigung der Welt. Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt“. Im vergangenen Jahr erhielt er für sein Buch „Warum es kein islamisches Mittelalter gab: Das Erbe der Antike und der Orient“ den wbg-Buchpreis für Geisteswissenschaften.

Wie auch immer das neue Jahr werden wird, eines steht fest: Auch 2020 wird wieder ein Jahr voller Beleidigungen sein. Hass und Hohn wird sich wieder in Form von Internetkommentaren und Mails ergießen, aber auch in althergebrachten Medien wie in Briefen, oft mit Absenderangabe. Nicht nur deshalb ist es zu kurz gegriffen, die Hauptverantwortung für die Verrohung der Gesellschaft im Medium zu suchen. Man kann auch ohne Netz beleidigen und drohen. Das Internet mag dafür verantwortlich sein, dass heute häufiger beleidigt wird als früher, aber kaum dafür, dass heute guten Gewissens beleidigt wird, ja geradezu ein Recht auf Beleidigung eingefordert wird: Ein Gesetzentwurf zur Bekämpfung von Hasskriminalität zog nicht nur sachliche Diskussionen über Datenschutz und Meinungsfreiheit nach sich, sondern brachte der Justizministerin Christine Lambrecht auch Morddrohungen ein.

SHUTTERSTOCK/ROB WILSON

Rodins „Der Denker“ ist das Symbol der menschlichen Vernunft und Schöpfungskraft.

Wenn die Lust zur Beleidigung aber nicht nur durch die medialen Möglichkeiten geweckt wird, muss es einen noch tiefgreifenderen Faktor geben, nämlich einen Mentalitätswandel, der sich in den vergangenen Jahrzehnten schleichend vollzogen hat. Es ist dies der immer stärkere Wunsch nach Eindeutigkeit, die geringer werdende Ambiguitätstoleranz, also die Abwehr von allem Zweideutigen und Ambivalenten. Der Niedergang der Ambiguitätstoleranz hat in Europa eine lange Geschichte, befeuert durch die Rechthabereien der Reformation, der Suche nach letzten, nicht hinterfragbaren Wahrheiten in der Aufklärung und den Ideologien des 19. Jahrhunderts. Verstärkt wurde diese Entwicklung schließlich vom Kapitalismus, der nun jedem Ding und jedem Menschen einen Marktwert zuordnete. Was Menschen und Dinge wert sind, ließ sich nun in exakten Zahlen ganz eindeutig ausdrücken.

Wenn nun die Ambiguitätstoleranz sinkt, sinkt die Bereitschaft zu Kompromiss und Nachgiebigkeit. Positionen der Mitte dünnen aus, Fundamentalismen und Extremismen gewinnen wegen der vermeintlichen Eindeutigkeit, die sie zu liefern versprechen, an Attraktivität, und so kommt es, dass man in politischen Kommentaren heute oft Sätze hört wie: „Dies ist ein tief gespaltenes Land“, „Durch dieses Land geht ein tiefer Riss.“ Mittlerweile lassen sich diese Sätze auf so gut wie alle Länder der Erde anwenden.

Sicherheit vor Mehrdeutigkeit und Unübersichtlichkeit sucht man aber nicht nur im Eindeutigkeitsversprechen fundamentalistischer Religionen und Ideologien, sondern auch im eigenen Ich. Das Ich erscheint hier als letzte vertrauenswürdige Wahrheitsinstanz. Hat man erst sein „wahres Ich“ gefunden, muss man nur noch nach größtmöglicher Übereinstimmung zwischen Leben und Ich suchen, um einen festen Halt in der uneindeutigen Welt zu finden. Ein Weiteres kommt hinzu: Der Kapitalismus hält für die Menschen vor allem zwei Rollen parat, die beide gleichermaßen ich-fixiert sind: die des Konkurrenten, der „Ellbogen“ beweisen muss, um sich gegen alle anderen durchzusetzen, und die des Konsumenten, der nach der anstrengenden Konkurrenzarbeit „relaxen“ und „den Akku wieder aufladen“ muss und deshalb tief in sich hineinhorcht, seinen Bedürfnissen nachspürt, um seine Work-Life-Balance wieder ins Lot zu bringen. Wenn nun ein vermeintlich sicher geglaubtes „wahres Ich“ zum Mittelpunkt des Handelns, zum wichtigsten Kümmerobjekt und zur letztgültigen Wahrheitsinstanz wird, erscheint jede Hinwendung zu diesem Ich als plausibel, jede Entfernung davon als Irrweg. Gebet und Mystik, die das Ich hinter sich lassen und sich einem – noch dazu sehr ambiguitätshaltigen Du – zuwenden, erscheinen vielen als Narretei, während Meditation auf der Suche nach dem wahren Ich zeitgeistig als höchst attraktiv gilt.

Dies führt nun zum Thema der Beleidigung zurück: Wer beleidigt, stellt keineswegs die geltende Werteordnung in Frage, sondern bestätigt sie auf nachdrückliche Weise. Zunächst ist Beleidigung ambiguitätsfrei. Sie verzichtet auf Zweifel und Zwischentöne, sondern sagt mit aller nur möglichen Deutlichkeit ihre Meinung. Sodann bestätigt sie das Ich. Der Beleidiger befindet sich ja in völliger Übereinstimmung mit seinem als wahr erkannten Ich, weil er sonst nicht die zum Beleidigen notwendige Rechthaberei aufbringen könnte. Ganz authentisch mit seinem Ich in klarer Übereinstimmung zu sein, gilt heute aber als positiver Wert.

Mit der Höflichkeit verhält es sich genau andersherum: „Und a bissele Falschheit is au wohl dabei“ gilt nicht nur für die Liebe, wie im Volkslied, sondern auch für die Höflichkeit. Höflichkeit besteht ja gerade darin, dem Gegenüber seine Meinung nicht unverstellt ins Gesicht zu sagen. Höfliche Kritik bricht keine Beziehungen und ermöglicht konstruktives Wiederanknüpfen. Eigentlich müsste es einleuchten, dass Höflichkeit keine Sekundärtugend ist, sondern eine Voraussetzung für ein gesellschaftliches Miteinander. Trotzdem ist sie unzeitgemäß und die Sorge um sie gering. Denn zum einen ist Höflichkeit ambiguitätshaltig, weil man gerade nicht dasjenige unzweideutig zum Ausdruck bringt, was man fühlt. Es entsteht also eine Diskrepanz zwischen dem Gefühlten und dem Mitgeteilten. Zum anderen ist die Höflichkeit eine soziale Tugend, die auf ein Du gerichtet ist und somit verlangt, mit Rücksicht auf das Du vom Ich abzusehen. Der Beleidiger verkörpert die Mentalität unserer Zeit mithin besser als der Höfliche.

Aber gibt es nicht doch eine zeitgemäße Form der Höflichkeit, die Schluss mit alten Zöpfen macht und dennoch für ein gutes Miteinander sorgt? Und ist dies nicht die political correctness, die dafür sorgt, dass niemand diskriminiert werden darf, und ist das nicht wichtiger als veraltete Höflichkeitsformeln? Keineswegs, denn nur die soziale Tugend der Höflichkeit, die nicht nur auf Beleidigung verzichtet, sondern sich am Befinden des anderen orientiert, ist wirklich eine soziale Tugend. Die politische Korrektheit ist es nicht. Der Unterschied zwischen beiden wird spätestens im Falle ihrer Verletzung deutlich. Wenn jemand Gebote der Höflichkeit missachtet, wird sein höfliches Gegenüber dieses entweder stillschweigend übergehen oder den anderen höflich auf seinen Fauxpas ansprechen, ohne ihn zu verletzen. Dagegen zieht jeder Verstoß gegen Normen, die als politisch korrekt gelten, sofort wüste Beleidigungen auf sich, so geschehen etwa der Philosophin Svenja Flaßpöhler, der eine milde und durchaus feministische Kritik an der MeToo-Kampagne einen Shitstorm eintrug. Man sieht: Höflichkeit ist nachsichtig, politische Korrektheit gnadenlos. Denn Höflichkeit spielt mit Ambiguität und sieht vom Ich mit Rücksicht auf den anderen ab. Politische Korrektheit ist ganz und gar ambiguitätsfrei und rechthaberisch, und sie setzt am eigenen Gefühl an, macht die Identität, jene Ideologisierung des Ich, die unser Denken und Fühlen heute beherrscht, zum Maßstab allen Handelns. Es ist der „identifikatorische Blick“ (Hanno Rauterberg), der die politisch korrekte Empörung verursacht, auch wenn sie den Empörten persönlich gar nicht betrifft, und nicht Rücksichtnahme auf oder gar Sorge um den anderen, wie dies beim Höflichen der Fall wäre.

Politische Korrektheit ist immer dort am Platz, wo Höflichkeit zum selben Ergebnis führen würde. Dass man etwa Angehörige von Minderheiten nicht mit Wörtern benennt, die sie selbst als beleidigend empfinden würden, dass man sie nicht benachteiligt und nicht zurücksetzt, ist sowohl einem Mindestmaß an Höflichkeit als auch politischer Korrektheit gleichermaßen geschuldet. Tendenziell aber ist politische Korrektheit ichbezogen und ambiguitätsfeindlich, Höflichkeit dagegen eine wirklich soziale Tugend und als solche, zumindest als Ergänzung politischer Korrektheit, für das gesellschaftliche Zusammenleben unabdingbar.