Wider das ritualisierte Gedenken

Vor 75 Jahren wurde das Vernichtungslager Auschwitz befreit. In Osteuropa gibt es noch mehr Orte der Vernichtung, die Teil des Gedenkens werden sollten

Von Andrea Löw

19.01.2020 – DER HAUPTSTADTBRIEF am Sonntag in der Berliner Morgenpost

Dr. Andrea Löw ist Stellvertretende Leiterin des Zentrums für Holocaust-Studien am Institut für Zeitgeschichte (IfZ) in München. Sie gab (mit Frank Bajohr) 2015 den Band „Der Holocaust. Ergebnisse und neue Fragen der Forschung“ (S. Fischer) heraus.

Am 27. Januar 1945, also vor genau 75 Jahren, befreite die Rote Armee das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Etwa 1,1 Millionen Juden hatten die Nationalsozialisten aus ganz Europa dorthin deportiert, die meisten von ihnen direkt nach ihrer Ankunft in den Gaskammern ermordet. Auch Sinti und Roma, sowjetische Kriegsgefangene sowie nichtjüdische Häftlinge aus verschiedenen Ländern, allen voran Polen, litten und starben dort. Nach dem Krieg wurde Auschwitz zum Inbegriff der Verbrechen der Nationalsozialisten, und so erscheint es folgerichtig, dass der Tag der Befreiung dieses Konzentrations- und Vernichtungslagers zunächst 1996 bundesweit zum gesetzlich verankerten Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus und dann 2005 durch die Vereinten Nationen zum internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust erklärt wurde.

DPA/ROBERT MICHAEL

Wider das ritualisierte Gedenken: Mehr als 2,3 Millionen Menschen besuchten die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau im vergangenen Jahr.

Vor Ort im polnischen Oświęcim leistet das Museum Auschwitz-Birkenau Großartiges in Sachen Erinnerungs- und Gedenkarbeit und konnte für 2019 einen Besucherrekord vermelden: Mehr als 2,3 Millionen Menschen besuchten die Gedenkstätte im vergangenen Jahr. Zum 75. Jahrestag der Befreiung startete das Museum eine Twitterkampagne mit dem Ziel, bis zum Jahrestag eine Million Follower zu gewinnen. Jeden Tag werden auf diesem Social-Media-Kanal Fotos mit Kurzbiografien der Ermordeten gepostet, und die Einzelschicksale erreichen Tausende.

Die hohe Opferzahl herunterzubrechen und diese Biografien zu erzählen, ist ein guter Weg, um zu gedenken und die Erinnerung an die deutschen Verbrechen, aber auch an die Verfolgten wachzuhalten. In Auschwitz und andernorts wurden Menschen ermordet, keine abstrakten Zahlen. Deutsche und manche ihrer Helfer ermordeten Frauen und Männer, Mädchen und Jungen, die Träume und Ziele hatten, die liebten und geliebt wurden. Dieser vielen einzelnen Individuen gedenken wir am 27. Januar. Ihre Geschichten sollten an die Stelle eines ritualisierten Gedenkens treten, mit dem gerade junge Menschen nicht mehr viel anfangen können.

Die Erinnerung wachhalten – das wollten auch die Verfolgten, das war ihr großes Anliegen. Salmen Gradowski war im Sonderkommando von Auschwitz-Birkenau. Er war gezwungen, gleichsam im Zentrum dieser Hölle zu arbeiten: Die Mitglieder des Sonderkommandos waren selbst Häftlinge und mussten die Opfer zu den Gaskammern begleiten und sie nach der Ermordung in den Krematorien verbrennen. Einige von ihnen schrieben darüber in allen Einzelheiten und vergruben ihre Aufzeichnungen, wohl wissend, dass sie selbst sehr bald ermordet werden würden. Salmen Gradowskis Aufzeichnungen, die kürzlich erstmals vollständig in deutscher Übersetzung erschienen sind, beschreiben geradezu unerträglich detailliert die grauenhaften Verbrechen. Gradowski bittet den zukünftigen Finder seiner Schriften, diesen ein Bild seiner Familie und die Namen der Ermordeten hinzuzufügen, „damit vielleicht, wer sie ansieht, eine Träne vergießt, einen Seufzer tut. Das wird für mich der größte Trost dafür sein, dass meine Mutter, mein Vater, meine Schwestern, meine Frau, meine Familie und vielleicht auch meine Brüder einfach so, ohne eine Träne von irgendwem, aus der Welt verschwunden sind. Möge ihr Name und Andenken nicht so schnell ausgelöscht werden!“

Unzählige Menschen in Auschwitz und an vielen anderen Orten haben immer wieder in ihren Tagebüchern und Briefen den Wunsch formuliert, man möge sich ihrer und ihrer Liebsten erinnern. Dies war neben dem Bestreben, die monströsen Verbrechen zu dokumentieren, die wohl wichtigste Motivation zahlreicher einzelner Tagebuchschreiber und auch größerer Dokumentationsprojekte wie dem bekannten Untergrundarchiv des Warschauer Gettos.

Es ist gut und wichtig, dass wir am 27. Januar der Opfer von Auschwitz gedenken. Doch meint dieser Gedenktag ja auch all die anderen Opfer an den zahllosen Orten der Vernichtung, vor allem im besetzten Osteuropa. Mindestens 1,8, eher zwei Millionen Juden, vor allem aus Polen, aber auch aus anderen europäischen Ländern, ermordeten die Nationalsozialisten in Belzec, Sobibor und Treblinka, den Vernichtungsstätten der „Aktion Reinhardt“. Diese reinen Tötungsanstalten hatten insgesamt nur etwa 130 Überlebende. Es gab also kaum jemanden, der die Verbrechen hätte bezeugen und sich für die Erinnerung daran hätte einsetzen können. Hinzu kommt: Diese Orte, an denen der Massenmord durchgeführt wurde, sind recht schwer zu erreichen, außerdem haben sich dort keine großen Lagerkomplexe erhalten. Der Besucher muss sich im Wald auf Spurensuche begeben und findet vor allem Mahnmale aus verschiedenen Phasen der Nachkriegszeit vor, aber eben keine Baracken oder Fundamente von Gaskammern und Krematorien. Und so liegen diese Orte gleichsam außerhalb des Raders einer an den Schauplätzen deutscher Massenverbrechen interessierten Öffentlichkeit.

Je weiter wir den Blick nach Osten richten, desto weniger sind die Orte des Holocaust im Erinnerungsbewusstsein. Die Perspektive der historischen Forschung hingegen hat sich in den vergangenen Jahren verstärkt nach Osteuropa verlagert, hin zu den zahlreichen Erschießungsstätten in den nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion im Juni 1941 neu eroberten Gebieten. Dort haben wir es nicht mehr mit fabrikmäßigem Töten in den Gaskammern zu tun, sondern mit Mordschützen, die in Massen Menschen erschossen. Doch was wissen wir hierzulande eigentlich von Orten wie Ponary (Paneriai) bei Vilnius im heutigen Litauen, wo deutsche Erschießungskommandos gemeinsam mit litauischen Helfern zwischen 1941 und 1944 über 100 000 Menschen erschossen? Oder von Maly Trostinec bei Minsk im heutigen Weißrussland, wo die Nationalsozialisten zwischen 1942 und 1944 bis zu 60 000 Menschen ermordeten? Zahlreiche Massengräber wurden, beispielsweise in der Ukraine, in den letzten Jahren erst lokalisiert, die Geschichte dieser Orte langsam erst erforscht. Sollten wir uns als Deutsche nicht viel stärker auch um diese vergessenen Orte des Holocaust bemühen?

Es gibt noch viel zu tun in der Erforschung des Holocaust und im Gedenken daran. Um die notwendige Konkretisierung dessen, woran wir am 27. Januar erinnern, bemühen sich Forscherinnen und Forscher in aller Welt, mitunter gegen erstarkenden politischen und gesellschaftlichen Widerstand. Wir müssen uns fragen, wie es gelingen kann, die Ergebnisse dieser internationalen Holocaustforschung stärker in eine breite Öffentlichkeit zu tragen. Die Lehre über den Holocaust an Universitäten, in Schulen und darüber hinaus ist heute wichtiger denn je. Erinnerung und Gedenken brauchen Inhalte. Immer weniger Zeitzeugen können heute von ihren Erfahrungen berichten, doch haben wir die Quellen dieser Menschen. Hören wir ihnen zu – und erfüllen den oftmals letzten, verzweifelten Wunsch der Opfer: nicht vergessen zu werden.