Er selbst

DIE KOLUMNE AM SONNTAG

Von Günter Bannas

19.01.2020 – DER HAUPTSTADTBRIEF am Sonntag in der Berliner Morgenpost

Günter Bannas ist Kolumnist des HAUPTSTADTBRIEFS. Bis März 2018 war er Leiter der Berliner Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Kein Politiker aus Ostdeutschland – nicht einmal Angela Merkel – hat eine solche Karriere gemacht – voller Wendungen und abseits der gewöhnlichen Pfade der Politik. In Rostock wuchs er auf. Sein Vater wurde Anfang der 1950er-Jahre von der DDR-Staatssicherheit verschleppt. Er studierte Theologie und wurde – den Menschen zugeneigt – Pfarrer. Ein guter, ein sehr guter Prediger war er. Ein gewisses Maß an Eitelkeit war ihm zu eigen. Eigentlich könnte er „die Laudatio auf sich am allerbesten selbst halten“, sagte Merkel, als sie, da schon Bundeskanzlerin, zu seinem 70. Geburtstag sprach.

Ein DDR-Oppositioneller im engeren Sinne war er nicht, natürlich auch kein Mitläufer. In den späten 1980er-Jahren organisierte er Kirchentage; auch Helmut Schmidt, den ehemaligen Bundeskanzler, gewann er als Redner. Nach dem Fall der Mauer wurde er Mitglied im „Neuen Forum“ und seither „Bürgerrechtler“ genannt, was aber nicht alle aus der DDR-Opposition guthießen. Im März 1990, bei den ersten freien Wahlen in der DDR, wurde er Mitglied der Volkskammer, den Grünen nahe und fern zugleich. Er kümmerte sich um die Aufarbeitung der Akten der DDR-Staatssicherheit. Nach der staatlichen Vereinigung Deutschlands am 3. Oktober 1990 gehörte er zu den Mitgliedern der Volkskammer, die nach Bonn entsandt wurden. Einen Tag lang war er Mitglied des Bundestags – so kurz wie keiner sonst, weil ihn Helmut Kohl zum Chef der Stasi-Unterlagen-Behörde machte, die bald seinen Namen trug. 2000 schied er aus, schrieb Bücher, hielt Vorträge und hatte auch eine TV-Sendung. Zehn Jahre später wurde er von SPD und Grünen für das Amt des Bundespräsidenten vorgeschlagen. Erst im dritten Wahlgang verlor er gegen den CDU-Kandidaten Wulff, wurde aber so etwas wie der Bundespräsident der Herzen. Nach Wulffs Rücktritt 2012 wurde er abermals nominiert – ursprünglich gegen Merkels Willen, weil sie zwei Ostdeutsche an der Spitze des Staates für zu viel hielt und glaubte, er sei in Sachen Staatsführung nicht erfahren genug. Doch die Kanzlerin fügte sich. Als er sich am Karnevalssonntag 2012 aus dem Ausland kommend ins Regierungsviertel bringen ließ, sagte er dem Taxi-Fahrer: „Sie fahren den künftigen Bundespräsidenten.“ Volksnah, gelassen und würdig repräsentierte er das Land, unabhängig von Parteien und Regierung. Doch trat er nicht als ihr Chefkritiker auf. Am kommenden Freitag wird Joachim Gauck 80 Jahre alt.