Zeit, das falsche Denken zu verlernen

Rechte Ideologie lebt von dumpfen Geschlechtsbildern, die im Kern menschenfeindlich sind

Von Anne Wizorek

19.01.2020 – DER HAUPTSTADTBRIEF am Sonntag in der Berliner Morgenpost

Anne Wizorek ist freie Beraterin für digitale Strategien und Autorin. Ihr Twitter Handle ist @marthadear.

Vereinbarkeit von Familie und Beruf, dritter Geschlechtseintrag, Ehe für alle – in einer Zeit, in der sich Geschlechterrollen weiter wandeln, unsere tatsächliche Geschlechtervielfalt immer sichtbarer wird oder auch andere Familienmodelle neben „Vater-Mutter-Kind“ häufiger vorkommen, entsteht bei einigen Menschen Unsicherheit und damit der Drang, ausschließlich am Bekannten festzuhalten und alles andere zu verteufeln.

Die rechtspopulistische Ideologie bietet dort eine vermeintliche Sicherheit. Sie sieht eine klare Geschlechterordnung vor, in der Frauen wie Männer jeweils bereits bekannte Rollen einnehmen, während Menschen anderer Geschlechter erst gar nicht existieren. In dieser Hierarchie werden Männer ausschließlich als „harte Kerle“ der Öffentlichkeit zugeordnet, und Frauen sorgen für den Nachwuchs der Nation – indem sie ihn kriegen und daheim betreuen. Diese Geschlechterrollen nehmen eine zentrale Stellung ein, damit rechte Ideologie überhaupt funktionieren kann. Sie sind Mittel zum Zweck, wobei sie auch immer abhängig von der sozialen und nationalen Zugehörigkeit sowie der Hautfarbe sind. Man erinnere nur an das AfD-Wahlplakat, auf dem eine hochschwangere weiße Frau lächelnd zu sehen war und es hieß: „Neue Deutsche? Machen wir selber!“

Bereits errungene Frauenrechte allzu offen anzugreifen, wäre allerdings nicht opportun, da es potenzielle neue Anhängerinnen und Anhänger verschrecken könnte. Studien zeigen, dass dieser Kampf von Rechts deshalb vor allem auch über den Begriff „Gender“ passiert. Der Begriff wird dann mit Verschwörungstheorien rund um eine angebliche „Homolobby“, „Sprachtotalitarismus“ oder „Frühsexualisierung“ aufgeladen und komplett verzerrt, um eine gesellschaftliche Panikmache zu erwirken. Tatsächlich wird mit Hetze gegen „die Gender-Ideologie“ die rechte Ideologie normalisiert und grundlegende Menschenrechte weiter angegriffen. Gender fungiert dort quasi als symbolischer „Klebstoff“, um auch an andere politische Lager anzudocken. Dort kann das Ganze schließlich hängenbleiben, weil in unserer Gesellschaft bereits antifeministische und rassistische Ressentiments vorhanden sind.

Frauen und Genderthemen sind ein fester Bestandteil rechter Ideologie und Parteiprogramme, allerdings immer als Bestandteil der Äußerungen über Geflüchtete und den Islam. Deshalb bewegen sich rechtspopulistische Akteurinnen und Akteure meist unter dem Deckmantel, angeblich für Frauenrechte zu sein, instrumentalisieren das Thema aber nur für eine rassistische und queerfeindliche Agenda.

Diese Anschlussfähigkeit lässt sich aktuell zum Beispiel in Österreich beobachten. Dort ist das Frauenministerium der neuen Regierung unter einem Dach mit dem Integrationsministerium gelandet. Das Thema Gewalt gegen Frauen wird nun stets im Integrationskontext verhandelt, statt es für sich allein ernst zu nehmen. Bundeskanzler Sebastian Kurz von der bürgerlich-konservativen ÖVP gibt vor, auf diese Weise etwas für die Gleichstellung von Frauen und Männern zu tun, während er faktisch rassistische Vorurteile zementiert und eine „Machokultur“ nur bei eingewanderten Männern sieht.

Es muss uns allen klar sein: Niemand ist ganz und gar immun gegen diskriminierendes Denken. Tatsächlich sind wir alle davon geprägt. Damit ist auch niemand vollständig immun gegen Rechtspopulismus. Doch wir dürfen nicht wie das Kaninchen vor der Schlange sitzen, sondern müssen die uns gegebenen Analysewerkzeuge nutzen. Oft hilft es schon, einen kleinen Schritt zurückzugehen, die eigenen Vorurteile zu hinterfragen und zu überlegen: Geht es in einem Fall wirklich um Menschenrechte oder sollen vielmehr Ressentiments dagegen geschürt werden?

Die gute Nachricht ist außerdem, dass auch sexistisches, rassistisches, antisemitisches oder queerfeindliches Denken Stück für Stück verlernt werden kann. Dazu sollten wir alle uns mit Herz und Verstand verpflichtet fühlen. Denn am Ende dieser Auseinandersetzungen steht eine Gesellschaft, in der es uns allen gut gehen darf – statt nur ein paar wenigen auf Kosten aller anderen.