Game Changer Beethoven

Mehr als nur ein Komponist – was der Geschäftsmann und Philosoph der Freiheit und des Eigensinns uns bis heute lehrt

Von Inge Kloepfer

26.01.2020 – DER HAUPTSTADTBRIEF am Sonntag in der Berliner Morgenpost

Inge Kloepfer ist Wirtschaftsjournalistin, sie schreibt für die Frankfurter Allgemeine Zeitung und veröffentlichte zahlreiche Bücher, darunter 2005 eine Biographie Friede Springers, für das sie als Wirtschaftsjournalistin des Jahres ausgezeichnet wurde.

Nur vier wuchtige Noten brauchte Ludwig van Beethoven, um sich selbst bereits zu Lebzeiten ein Denkmal zu setzen. Der eigensinnige Beginn seiner 5. Sinfonie, die der Komponist zwischen 1804 und 1808 geschrieben hat, sprengte so ziemlich alles, was es in der klassischen Musik je zu hören gab. Gerade einmal vier Noten zum Thema zu machen – das war mehr als eigensinnig. Das war einzigartig und geradezu unerhört.

DPA/ ULRICH BAUMGARTEN

Vor 250 Jahren geboren und kein bisschen alt: Ludwig van Beethoven.

In der Weltgeschichte der Kunst ist Ludwig van Beethoven singulär. Er ist einer der wenigen Künstler, nach deren Erscheinen nichts mehr so war wie zuvor. Denn Beethoven hat nicht nur die klassische Musik verändert und jenseits der Grenzen des harmonischen Kosmos komponiert, in denen noch Mozart und Haydn ihre Werke schrieben.

Er hat viel mehr vorangetrieben. Mit ihm hat sich die Figur des freischaffenden Künstlers etabliert, der sich unabhängig von Kaisers Gnaden oder von der Apanage der Fürstenhöfe mit seiner Kunst an die Öffentlichkeit wandte. Mehr noch, er hat das Konzertwesen revolutioniert. Mit ihm ist ein öffentliches Konzertwesen überhaupt erst entstanden. Darüber hinaus hat er sich selbst zu einer Marke gemacht – nicht nur in seiner Musik und mit so atemberaubenden Kompositionen wie der Fünften, auch durch sein Geschäftsgebaren und nicht zuletzt seine Erscheinung. Mit Perücke sah man ihn in den Wiener Gassen und auch bei Konzerten nie. 35 lange Jahre lebte und arbeitete er in Wien. Nicht nur in der Musik hat er dort so ziemlich alles auf den Kopf gestellt. Auch auf die Emanzipationsbewegung des Bürgertums hatte er einen Einfluss. Er war nicht mehr und nicht weniger als einer ihrer Protagonisten.

Aber der Reihe nach: Als Beethoven mit 22 Jahren in der österreichischen Hauptstadt aufschlug, trieben ihn noch die traditionellen Vorstellungen eines Musiker-Daseins um. Wie sein Lehrer Joseph Haydn es bei den reichen Esterházys zu Ruhm und einem gewissen Wohlstand gebracht hatte, so spekulierte auch er auf eine Anstellung als Kapellmeister – nach einigen Jahren womöglich sogar wieder in seiner Heimatstadt Bonn. Doch aus alldem wurde nichts. Dem Wiener Adel saß in dieser wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wendezeit das Geld längst nicht mehr so locker. Sogar die Esterházys hatten Haydn und die gesamte Hofmusik entlassen. Jeder ahnte, dass es so privilegiert wie bisher nicht weitergehen würde. Das Bürgertum erstarkte und wurde selbstbewusster, gesellschaftliche Schichten begannen sich zu mischen. Genau das war auch Beethoven nicht entgangen, der sich – strategisch äußerst klug – zunächst als atemberaubender Konzertvirtuose im qualitätsverwöhnten Wien einen Namen machte.

1795 dann aber gab er einige seiner Werke erstmals zur „Subskription“, indem er in Zeitungen dazu annoncierte – einen Namen hatte er ja. Binnen weniger Tage hatten sich genügend Interessenten gemeldet, sodass gedruckt werden konnte. Beethoven selbst strich 700 Gulden dafür ein, das Jahresgehalt eines mittleren Beamten. Mit 25 Jahren war aus dem Wunderpianisten ganz offiziell ein freischaffender Komponist geworden. Mit den Verlagen sprang er alsbald ganz nach Belieben um. Sie rissen sich um seine Werke, sodass er nicht selten den Preis diktierte. Wenig später der nächste Schritt. Er begann, eigene „Akademien“ zu veranstalten, um seine Kunst als Pianist und Komponist zu präsentieren. Als Künstler ohne Anstellung war er gezwungen, das unternehmerische Risiko auf sich zu nehmen.

Wieder ein Erfolg. Seine Konzerte hatten enormen Zulauf. Spätestens wenn er improvisierte, brachte er das Publikum zum Rasen. Tatsächlich war er mit seinen Veranstaltungen, für die er persönlich die Eintrittskarten verkaufte, in eine Marktlücke gestoßen, weil es ein öffentliches Konzertwesen seinerzeit in Wien nicht gab. Fortan aber waren Konzerte plötzlich jedermann zugänglich, der eine Karte kaufen konnte oder wollte. Auch das war völlig neu. Es waren die Wiener Bürger, die ihn in Scharen hören wollten. Aus gutem Grund, waren sie doch für die in seinen Symphonien vertonten humanistischen Ideale, die nicht weniger als den Wertewandel hin zu einer freiheitlichen Gesellschaft postulierten, hochempfänglich. Genau das war ihr Thema, das niemand besser verstehen konnte als Beethoven selbst – war er doch einer von ihnen und schrieb für sie.

Auf geradezu einzigartige Weise trafen in der Figur Beethovens Musik und Kommerz aufeinander, die ihn zum Avantgardisten eines neuen Klassikbusiness werden ließen. Als einer der Ersten komponierte er Musik mit einer unverkennbaren Botschaft, aufgeladen mit Inhalt und schier überwältigender Emotionalität. Und mit seinen Akademien schuf er sich gerade dafür die eigene Öffentlichkeit, die genau das natürlich hören wollte.

So einen wie Beethoven würde man heute einen Game Changer nennen, einen, der seine eigene Branche revolutioniert und Menschen einen ganz neuen Zugang zu ihr verschafft, der alte Strukturen aufbricht und das Verhalten der beteiligten Akteure grundlegend verändert.

Game Changer sind geniale Erfinder, die geradezu schicksalshaft in eine Wendezeit hineingeboren werden und diese als solche früh erkennen. Bei Beethoven kam genau das zusammen: seine Genialität als Musiker, sein Einfallsreichtum als Geschäftsmann, sein Gespür für gesellschaftliche Veränderungen und die brachialen sozialen und wirtschaftlichen Umbrüche des ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts. Die Französische Revolution hatte die feudalistischen Strukturen des Ancien Régime in Frankreich hinweggefegt, um sie wenig später in ganz Europa zu zerstören, während die Industrialisierung ganz neue Möglichkeiten des Verdienstes und damit auch neue gesellschaftliche Schichten schuf. Im Falle von Game Changern sind Protagonist und Zeitläufte aufeinander bezogen in einem wiederkehrenden Muster: Zunächst wirkt die Dynamik der Veränderungen auf jene außerordentlichen Persönlichkeiten, bis sich dieser mit Erfindungsreichtum und Kreativität an ihre Spitze setzt und sie vorantreibt. Das ist bis heute so.

Die Haltung, mit der Beethoven dies alles tat, kommt nirgends besser zum Ausdruck als in der Fünften. „Wahre Kunst ist eigensinnig … lässt sich nicht in schmeichelnde Formen zwängen“, schrieb er 1820 in eines seiner Konversationshefte, die er benutzte, um trotz seiner Taubheit seine Gedanken mit anderen zu teilen.

Mit diesem Satz thematisiert er den für ihn eindeutig nicht verhandelbaren Anspruch das Menschen auf individuelle Freiheit, die seine Würde konstituiert – und das nicht nur in der Kunst. Er formuliert gleichzeitig aber auch die Verpflichtung für jeden Einzelnen, sich dieser Freiheit zu bedienen, sich zu entwickeln und nach dem Neuem zu suchen, das nur jenseits tradierten Denkens zu finden ist. Er selbst hat gerade das ein Leben lang betrieben, hat in jeder Komposition neue musikalische Lösungen gesucht und sie jenseits der kompositorischen Regeln seiner Zeit gefunden, was die enorme Dynamik seiner Musik begründet. Wiederholt hat er sich nie. Im Spiel mit dem Wandel hat auch er sich immer weiterentwickelt.

In seiner Kunst ließ sich Beethoven nicht beirren. Auch dann nicht, als sich gegen Ende seines Lebens die Wiener einem neuen Stern am Himmel über der Hofburg zuwandten. Plötzlich huldigten sie Rossini und mit ihm dem Seichten und Verspielten, weil Rossini beileibe nicht so sperrig und schwer wie Beethoven komponierte. Beethoven indes provozierte weiter den Eigensinn. Als wahrer Künstler konnte er nicht anders, schrieb Streichquartette, die in ihrer Modernität schon darauf hindeuteten, was Anfang des 20 Jahrhunderts mit der freien Tonalität Arnold Schönbergs über seine Zunft hereinbrechen sollte. Auch mit dieser Ansage blieb er einzigartig.

Vor 250 Jahren ist er geboren, seit 193 Jahren ist er tot. Doch seine Musik mit ihren Themen ist immer noch da. Auch die eigensinnige Fünfte, diese vermeintliche Schicksalssymphonie, in der der Komponist nur vier Töne braucht, um seinen Anspruch in Klängen zu formulieren: Er werde mit seiner Eigensinnigkeit nicht weniger als die Welt verändern.