Greta und Donald

Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos ließ sich immerhin einiges über die globale Befindlichkeit lernen

Von Bettina Weiguny

26.01.2020 – DER HAUPTSTADTBRIEF am Sonntag in der Berliner Morgenpost

Bettina Weiguny ist Journalistin und schreibt regelmäßig im Wirtschaftsteil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung die Kolumne „Der Balance-Akt.“.

Über Sinn und Unsinn von Davos lässt sich trefflich streiten. Schließlich kommt beim Weltwirtschaftsforum nie etwas Konkretes heraus, keine Beschlüsse, keine Abkommen, allenfalls vollmundige Absichtserklärungen, die im Zweifel rasch vergessen sind. Was also bringt der Zirkus in den Schweizer Bergen?

Immerhin sagt das Treiben der internationalen Wirtschaftselite einiges über die Welt aus. So gibt es 2020 nur ein Thema. Egal, wer wo diskutierte und was offiziell auf dem Programmzettel stand, ob Finanzkrise, Quantencomputing oder Astrochemie, alles drehte sich ums Klima. Um „Greta“, die in Davos ihre Forderung von „Null Emissionen – sofort!“ wiederholte. Um Präsident Donald Trump, der das Treffen für eine Wahlkampfrede nutzte und für den die Welt in Ordnung ist, insbesondere Amerika, das „noch nie so schön und sauber war wie heute“.

Im Übrigen muss man sagen, dass die beiden sich vom Auftritt her durchaus ähneln. Wie der US-Präsident brachte die 17-jährige Schwedin eine geradezu staatsmännische Entourage mit, was allerdings auch notwendig war, um ihr neugierige Milliardäre und Topmanager vom Hals zu halten. Es hätte jeder zu gerne einen Blick auf die sehr kleine, sehr blasse und schwer erkältete Klimaaktivistin geworfen. Und zwar – wie bei Trump – Verehrer und Kritiker gleichermaßen. Wobei Greta bei der Wirtschaftselite auf deutlich mehr Groupies kommt als Trump. Die Stimme gegen sie zu erheben, wagt niemand mehr. Wenn sie den Teilnehmern an den Kopf wirft: „Die Welt brennt noch immer, auch und vor allem wegen euch“, applaudieren die Gescholtenen brav.

Nach dem Klima kommt lange nichts. Über Digitalisierung beispielsweise hörte man, anders als in den Vorjahren, wenig. Das Thema ist durch, ähnlich wie die Frauenfrage, Crypto und Blockchain, ja, nicht mal mehr Flüchtlingskrise oder Brexit erhitzten die Gemüter.

Nur eines bewegte Davos noch: 2020 bricht das Jahrzehnt des Stakeholder Value an, hieß es überall. Künftig geht es in den Konzernen nicht mehr um reine Gewinnmaximierung (Shareholder Value), nein, von nun an gilt es, einen Mehrwert zu schaffen für die Gesellschaft und die Umwelt. Womit wir wieder beim Klima wären. So fügt sich alles fein zusammen, zumindest in der Theorie.

In der Praxis zeigt Davos, wie schwer es ist, „die Welt besser zu machen“. So lautet der „Purpose“, dem sich das Forum seit 50 Jahren verschrieben hat. Natürlich will es darin Vorbild sein. Deshalb werden in diesem Jahr die übriggebliebenen Büffet-Häppchen gegen eine Spende an Davoser Bürger abgegeben. Deshalb verbannt man Plastik, wo es geht, aber die Kopfhörer für die Simultanübersetzungen sind doch noch immer in Plastik eingeschweißt. Auch hatte man extra Schnee-Spikes an die 3000 Gäste verteilt, damit sie zu Fuß gehen und auf den Chauffeur verzichten. Trotzdem stauten sich die Limousinen entlang der Promenade. Dass man durch ein Schweizer Bergdorf zu Fuß spaziert, ist amerikanischen Bankern so fremd wie indischen Stahl-Magnaten und russischen Oligarchen.

Apropos Amerikaner. Von Amerika war mächtig viel zu hören. Von China auch, und von der drohenden „Bipolarität“ dieser Großmächte. Nur um Europa war es sehr still. Präsident Emmanuel Macron schwänzte, aus Großbritannien reiste nur Prinz Charles an, im Privatjet wohlgemerkt. Er kommentierte weder Brexit noch Megxit, machte dafür Selfies mit Greta und gerierte sich als trefflicher Klimaschützer. Zum Glück trat am Donnerstag Kanzlerin Angela Merkel aufs Podium, um Europa eine Stimme zu verleihen. Und die fiel, so stellten die Teilnehmer aus allen Ländern überrascht fest, erstaunlich stark aus. Mit Europa ist zu rechnen, „auch wenn wir nicht den ganzen Tag darüber reden, was bei uns klasse läuft“, so ihre Botschaft (mit Seitenhieb auf Trump). Die Message kam an.