Auf Kollisionskurs mit der Natur

Wir erleben ein Massenaussterben von weltgeschichtlichem Ausmaß – dabei brauchen wir die Vielfalt zum Überleben

Von Tanja Busse

02.02.2020 – DER HAUPTSTADTBRIEF am Sonntag in der Berliner Morgenpost

Dr. Tanja Busse ist Journalistin und Autorin. 2019 erschien „Das Sterben der anderen. Wie wir die biologische Vielfalt noch retten können“ im Blessing Verlag.

Wir befinden uns mitten im sechsten großen Artensterben der Erdgeschichte. Das erste liegt etwa 500 Millionen Jahre zurück: Damals brachen so viele Vulkane aus, dass sich die Zusammensetzung der Meere und der Atmosphäre stark veränderte und in der Folge viele Arten ausstarben.

SHUTTERSTOCK/MICHAEL OVERKAMP

Eine von vielen vom Aussterben bedrohten Tierarten, das Spitzmaulnashorn.

Vor 443 Millionen Jahren driftete der Urkontinent Gondwana nach Süden und die Erde kühlte sich ab. Dabei starben vermutlich mehr als 85 Prozent aller Meeresbewohner. Als größtes Massenaussterben aller Zeiten aber gilt der Übergang vom Erdaltertum zum Erdmittelalter etwa 200 Millionen Jahre später, bei dem nach gigantischen Vulkanausbrüchen in Sibirien beinahe alles Leben weltweit vernichtet wurde. Das große Sterben zog sich damals über Tausende von Jahren hin. Erdgeschichtlich gesehen war das ein recht schnelles Aussterben in kurzer Zeit, aber im Vergleich zu dem, was heute passiert, war es slow motion.

Bis vor etwa zweihundert Jahren wussten die Naturforscher nicht, dass Arten aussterben können. Es passte nicht in ihr Weltbild, in dem alles seinen Platz in einer göttlichen Ordnung hatte. Erst der Naturforscher Georges Cuvier hatte – bei der Betrachtung des Backenzahns eines Mastodons – einen Aha-Moment, der ihn zu der Erkenntnis brachte, dass es früher Tierarten gegeben haben musste, die es jetzt offenbar nicht mehr gab. Das war bis dahin undenkbar, eine disruptive Information, und viele Wissenschaftler dieser Zeit verweigerten sich dem neuen Paradigma. Vielleicht werden sich die Menschen in zweihundert Jahren nicht vorstellen können, dass wir Menschen des frühen 21. Jahrhundert so blind vor der globalen Bedrohung standen wie einst Cuviers Zeitgenossen vor den Mammutknochen?

Heute wissen wir, dass das Aussterben von Arten etwas völlig Normales ist, Evolution eben. Doch der mexikanische Biologe Gerardo Ceballos und seine Kollegen haben diese Aussterberate mit den in den vergangenen Jahrhunderten ausgestorbenen Säugetierarten verglichen (ohne die vielen gefährdeten und vom Aussterben bedrohten mitzurechnen), und sie sind zu dem beunruhigenden Schluss gekommen, dass die aktuelle Aussterberate bis zu hundertmal höher als die Hintergrundrate liegt. Andere Forscher gehen vom Tausendfachen aus. In Zukunft könnte die Aussterberate sogar zehntausendmal so hoch sein.

Doch selbst Ceballos vorsichtige Schätzungen lassen nur einen Schluss zu: nämlich dass wir uns tatsächlich mitten im sechsten Massenaussterben der Erdgeschichte befinden.

Das ist eine ungeheure Erkenntnis, die jahrelang sehr gelassen aufgenommen wurde. Außer ein paar Wissenschaftlern und Naturschützern hat diese Tatsache die Öffentlichkeit viel zu lange kaum interessiert. Erst als der Weltbiodiversitätsrat IPBES im Mai 2019 die ungeheure Zahl von einer Million bedrohter Arten verkündete, machte das Massensterben Schlagzeilen auf den Titelseiten.

Dabei schreien die Forscher ihre Erkenntnisse schon sehr lange sehr laut in die Welt hinaus. 1992 veröffentlichte der Physik-Nobelpreisträger Henry Kendall eine Warnung an die Menschheit, der sich 1700 Wissenschaftler, darunter viele Nobelpreisträger, anschlossen: Die Menschheit befinde sich auf Kollisionskurs mit der Natur. Von den vielen Zerstörungen natürlicher Ressourcen sei der irreversible Verlust der Arten besonders ernst zu nehmen, schrieben Kendall und seine Kollegen vor einem Vierteljahrhundert. Kendall war Mitbegründer der Union of Concerned Scientists, der Vereinigung besorgter Wissenschaftler, die sich nicht damit begnügen, Entscheidungsträgern Forschungsergebnisse auf den Tisch zu legen. Sie fordern vielmehr science-based action, also politisches Handeln, das aus der Arbeit der Wissenschaftler die richtigen Schlüsse zieht – zur Rettung der Menschheit. Kendall ist 1999 gestorben, er hat nicht erleben müssen, dass die US-Amerikaner 2016 einen Präsidenten gewählt haben, der alle wissenschaftliche Evidenz ignoriert und selbst ausgedachte „alternative“ Fakten an ihre Stelle setzt.

2017 wiederholten Kendalls Nachfolger seine Warnung, und dieses Mal unterschrieben mehr als 15 000 Wissenschaftler aus der ganzen Welt. In Warning to Humanity: A Second Notice bringen sie die Entwicklung seit 1992 auf den Punkt: Mit Ausnahme des Lochs in der Ozonschicht ist kein Problem gelöst worden, im Gegenteil. Humanity has failed, schreibt das Autorenteam um den Ökologen William J. Ripple. Die Menschheit hat versagt. Sie hat nicht genug unternommen, um den möglicherweise katastrophalen Klimawandel zu bremsen und das Massenaussterben, das bis zum Ende dieses Jahrhunderts viele der gegenwärtigen Lebensformen auslöschen könnte.

Der Philosoph Günther Anders hat die Haltung vieler Menschen in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg gegenüber der atomaren Bedrohung als Apokalypse-Blindheit bezeichnet. Mit der Erfindung von Atombomben hat sich die Menschheit als Ganzes in die Lage gebracht, sich mit ihren eigenen Waffen selbst auslöschen zu können. Eine entsetzliche Erkenntnis, offenbar zu entsetzlich, um sich damit auseinanderzusetzen. Günther Anders glaubte, dass die Gefahr zu groß sei für unser Vorstellungsvermögen.

Die chillige Ruhe, mit der wir bis vor Kurzem die länger werdenden Roten Listen der gefährdeten Arten ignoriert haben, gibt Günther Anders ein Vierteljahrhundert nach seinem Tod noch einmal Recht. Die Gelbbauchunke verschwindet? Der Feldhamster? Schade, aber auch nicht sooo schlimm, also für uns nicht, wir Menschen sterben ja nicht aus, wir werden ja immer mehr, und es geht uns immer besser.

Doch das stille Verschwinden der possierlichen kleinen Tierchen um uns herum ist Teil eines globalen Massenaussterbens, das auch das Leben der Menschen bedrohen wird. Es ist nicht möglich, immer mehr Fädchen aus dem Netz des Lebens zu reißen, ohne dass Laufmaschen entstehen, die das Netz als Ganzes gefährden. Biodiversität ist eine Überlebensfrage für die Menschheit – so warnt auch der schwedische Ressourcenforscher Johan Rockström, inzwischen neuer Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. Er hat das Konzept der planetary boundaries entwickelt, der planetaren Grenzen, die eingehalten werden müssen, wenn die Erde ein sicherer Ort für die Menschheit bleiben soll. Werden diese Grenzen überschritten, müssen wir mit unkalkulierbaren Veränderungen und desaströsen Folgen rechnen.

Drei dieser Grenzen aber seien schon überschritten, schrieben Rockström und Kollegen schon 2009, und zwar der Klimawandel, der Eingriff in den Stickstoffkreislauf – und der Verlust der Biodiversität. Ohne Biodiversität keine Ökosystemleistungen: keine Bestäubung, kein sauberes Wasser, kein Humusaufbau, keine Luft zum Atmen. Wenn wir weitermachen wie bisher, werden wir einen großen Teil der biologischen Vielfalt der Welt verlieren. Wir müssen uns an die Vorstellung gewöhnen, dass alles um uns herum ganz anders werden kann. Und das sogar ziemlich plötzlich. Die Welt, wie wir sie kennen, gibt es dann nicht mehr.

Was uns dabei helfen kann, das zu verhindern, ist die Erkenntnis der Wissenschaftler: Biodiversität stärkt die Resilienz. Vielfalt sichert Widerstandskraft. Wenn wir das Sterben aufhalten wollen, müssen wir aufhören, immer mehr Ressourcen zu verbrauchen und immer mehr Flächen zu versiegeln. Und wir müssen die Landwirtschaft umbauen, sodass Landwirte Geld verdienen können mit einer vielfältigen Fruchtfolge in einer strukturreichen Landschaft, ohne Agrarchemie und Zwang zur Billigproduktion.