Sinnbilder

DIE KOLUMNE AM SONNTAG

Von Günter Bannas

16.02.2020 – DER HAUPTSTADTBRIEF am Sonntag in der Berliner Morgenpost

Günter Bannas ist Kolumnist des HAUPTSTADTBRIEFS. Bis März 2018 war er Leiter der Berliner Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Von der Macht der Bilder ist in diesen Tagen zu sprechen, von Fotografien, die Ereignisse der Zeitgeschichte nicht bloß dokumentierten, sondern beeinflussten. Der Händedruck im thüringischen Landtag gehört in diesen Reigen politischer Ikonografie: der soeben zum Ministerpräsidenten gewählte FDP-Politiker Thomas Kemmerich mit dem AfD-Gratulanten Björn Höcke. Kemmerichs Worte wurden Lügen gestraft, er sei der „Anti-Höcke“. Die weggeworfenen Blumen zu seinen Füßen, die als Glückwunsch für einen anderen gedacht waren, gaben der Szene zusätzliche Wirkungskraft – und die angedeutete Verbeugung Höckes erst recht. Bilder aus deutscher Geschichte tauchten bei Betrachtern und Akteuren wieder auf. Sie wurden zum Instrument: der Tag von Potsdam, Hitler und Hindenburg, März 1933. Der Diktator und der Scheinriese.

Szene, Szenerie, Inszenierung? Bilder sagen, um einen alten Spruch der Werbebranche zu zitieren, mehr als tausend Worte. Manche graben sich in das kollektive Bewusstsein der Nationen ein. Sie wirken über den Tag hinaus. Konrad Adenauer und Charles de Gaulle etwa, zwei alte Männer, die 1963 mit steifer Umarmung die deutsch-französische „Erbfeindschaft“ beendeten. So wie auch 20 Jahre später Helmut Kohl und François Mitterrand, Hand in Hand, an den Gräbern von Verdun. Oder die Fotos von Barbara Klemm 1983 von Mutlangen, wo amerikanische Raketen stationiert werden sollten. Kennzeichen der Friedensbewegung und Sinnbilder sogar für eine neue Partei: der alte Heinrich Böll, wie ein Patriarch wirkend, umgeben von jungen Leuten mit leuchtenden Augen. Oder Hans-Dietrich Genscher, 1989 im Halbdunkel auf dem Balkon der deutschen Botschaft in Prag, was auch einen Beginn der Wende in Deutschland markierte. Willy Brandts Kniefall am Denkmal für die ermordeten Juden in Warschau fasste szenisch die Person und die Leistungen des ersten SPD-Bundeskanzlers zusammen. Joschka Fischer, auf einem Parteitag vom Farbbeutel getroffen, kennzeichnete die Geschichte der Grünen. Angela Merkel mit einem jungen Mann, ein Selfie aufnehmend, wurde zum Ausdruck ihrer Flüchtlingspolitik. Das Bild von Erfurt war von dieser Dimension. Vieles hat sich in dem Foto manifestiert: Tricksereien, Versagen, Schuld. Ein Schnappschuss, der Merkel beim Zuziehen von Gardinen zeigte, aufgenommen vor einem Treffen mit der SPD im Kanzleramt, fügte sich nahtlos ein. Der Vorhang ist gefallen.