Familienunternehmen stehen Niedrigzins und Schuldenmachen kritisch gegenüber

Eine Politik niedriger Zinsen bestimmt den Markt. Sie setzt falsche Anreize. Solides Wirtschaften wird dadurch erschwert

Von Rainer Kirchdörfer

23.05.2014 – DER HAUPTSTADTBRIEF 122

Wir richten diese Konferenz aus, um zur Orientierung in ökonomischen Zukunftsfragen beizutragen. Mit besonderer Aufmerksamkeit legen wir unser Augenmerk dabei auf die Qualität unserer staatlichen und wirtschaftlichen Strukturen in Europa und insbesondere auch auf die Mutter jeglicher moderner Handelsbeziehungen, nämlich unsere Währung.

Wo stehen wir heute? Ich möchte nur einige Eckpunkte erwähnen: Noch nie war es für viele deutsche Unternehmen so einfach, an Bankkredite zu kommen, stellte das ifo Institut für Wirtschaftsforschung fest: „Nur 18,2 Prozent der Firmen in der gewerblichen Wirtschaft gaben bei der ifo-Umfrage im April an, Schwierigkeiten zu haben. Das ist der niedrigste Wert seit Beginn der Erhebungen im Jahr 2003.“ Mehr und mehr wird uns allen klar, dass der Niedrigzins in der Eurozone nicht nur eine vorübergehende Phase ist, sondern sich vielmehr eher in Richtung einer dauerhaften Ära entwickelt. Was 2009 aus der Not heraus begann, dominiert 2014 noch immer den Markt. Die Politik niedriger Zinsen wirft neue Probleme auf, auf die wir nicht mit noch mehr billigem Geld und einem schlichten „Weiter-So“ reagieren können.

Stiftung Familienunternehmen

Rainer Kirchdörfer, Vorstand der Stiftung Familienunternehmen, stellt in seiner Begrüßungsrede zur WELT-Währungskonferenz heraus: „Viele Familienunternehmer sehen ganz klar klar, dass ein Niedrigzins zu unrentablen Investitionen verführt und dass er die Sparer unseres Landes wütend macht und schleichend enteignet.“

In den Krisenländern der Eurozone kommen die niedrigen Zinsen – jedenfalls im Privatsektor – offensichtlich nicht an. Dafür spricht auch, dass beispielsweise in Spanien die Neukreditvergabe laut Angaben der europäischen Zentralbank (EZB) um 20 Prozent im Vergleich zu einem schon schwachen Vorjahr zurückging. Offenbar ist für viele Banken der Eurozone der Kauf von Staatsanleihen auch von „Problemländern“ seit dem „Draghi-Put“ interessanter als die Kreditvergabe an Unternehmen. Dies sieht nach einer Art „free lunch“ aus, obwohl die Ökonomie spätestens seit Milton Friedman weiß: „There is no such thing as a free lunch“. Andererseits reichen Wachstumsraten von knapp 0,6 Prozent, wie etwa 2014 für Italien prognostiziert, naturgemäß kaum aus, um die unerträglich hohe Jugendarbeitslosigkeit von über 40 Prozent zu reduzieren.

Wir sehen aber sehr wohl, wo das billige Geld der EZB landet: Es landet bei den Finanzministern Griechenlands, Italiens und Spaniens. Dank der Garantien der Zentralbank sowie der Staatengemeinschaft sind etwa die Renditen zehnjähriger italienischer und spanischer Staatsanleihen auf Rekordtief gefallen – eine mit Blick auf die Wirtschaftsdaten dieser Länder geradezu widersinnige Entwicklung. Solange die Erholung nicht im Privatsektor fußt, ist die nächste Schuldenkrise schon programmiert.

Für deutsche Unternehmen stellen die niedrigen Zinsen zweifellos zunächst einen Vorteil bei ihrer Finanzierung dar. Dennoch sehen die meisten Familienunternehmer, mit denen wir im Gespräch sind, den Niedrigzins nicht unkritisch. Sie wissen, there is no free lunch. Und sie sehen, dass ein Niedrigzins zu unrentablen Investitionen verführt und dass er die Sparer unseres Landes, welche für die Unternehmensfinanzierung der Zukunft sorgen sollen, wütend macht und schleichend enteignet. Ebenso ist ihnen bewusst, dass er die Altersvorsorge, sei es durch klassisches Kapitalsparen oder in Form von Lebensversicherungen, bedroht.

Ginge es nach den Zielen, welche sich viele große Familienunternehmen in ihre Familienverfassungen geschrieben haben, dann sollte es nach Möglichkeit ohnehin kaum Fremdkapital im Unternehmen geben. Fremdkapital – und damit auch ein Niedrigzins – ist für solche Firmen ohnehin nur die zweitbeste Lösung. Sie wollen von externen Geldgebern möglichst unabhängig sein. Auf Leverage-Effekte legen sie kaum Wert und nehmen lieber eine geringere Eigenkapitalverzinsung in Kauf, wenn dies die Unabhängigkeit des Unternehmens von Dritten und das langfristige Überleben des Unternehmens in Familienhand sichert. Dies ergab eine breit angelegte Studie, welche die Stiftung Familienunternehmen beim Institut für Mittelstandsforschung der Universität Mannheim in Auftrag gegeben hat. Geringste Gewinnentnahmen und hohe Eigenkapitalquoten sind deshalb im Familienunternehmen keine Seltenheit. Gerade die Kombination aus solider Bilanzstruktur und langfristiger nachhaltiger Denkweise hat es unseren großen Betrieben ermöglicht, die Wirtschafts- und Finanzkrise der letzten Jahre besser als anderswo zu überstehen.

Solches – ich möchte sagen: solides – Wirtschaften wird uns aber immer öfter erschwert. Dass die Kreditfinanzierung, jedenfalls bei ökonomisch kurzfristiger Denkweise, vom Unternehmer bevorzugt werden muss, mag systembedingt und sogar steuerbedingt angelegt sein, sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Stabilität unserer Volkswirtschaft und unserer Unternehmensstruktur, um welche uns die ganze Welt beneidet, stark darauf basiert, dass Familienunternehmer eben keine schlichten kurzfristigen Nutzenmaximierer sind.

Das Bundesverfassungsgericht berät derzeit über eine Vorlage des Bundesfinanzhofs, die in Deutschland geltende Verschonung von Betriebsvermögen im Erbfall abzuschaffen. Würde das Gericht die Verschonung von Betriebsvermögen bei der Erbschaftsteuer kippen, dann würden gerade die Unternehmen bestraft, die sich aus eigener Kraft finanzieren und Liquidität für Krisen und Konjunkturabschwünge vorhalten. Wenn der Fiskus mit der Erbschaftsteuer künftig wieder voll zuschlägt, dann werden gerade unsere größeren Familienunternehmen im Wettbewerb verlieren.

Ihnen gegenüber hat der in Deutschland schuldenfinanzierte Wettbewerber aus dem Ausland ebenso einen Vorteil wie der chinesische Staatskonzern, der sich nicht um die Erbschaftsteuer kümmern muss. Und auch im Vergleich zum großen deutschen börsennotierten Publikumskonzern gerät das Familienunternehmen in einen Wettbewerbsnachteil: Kein börsennotiertes Publikums-Unternehmen muss reagieren, wenn ein Aktionär Erbschaftsteuern bezahlen muss. Kein Aktionär wird deshalb eine höhere Ausschüttung bekommen, weil er Aktien innerhalb der Familie vererbt. Ganz anders im Familienunternehmen – dort muss die Erbschaftsteuer letztendlich immer aus dem Unternehmen entnommen werden.

In die Kategorie „Freie Fahrt für Schuldenmacher“ fällt auch die Behandlung von Staatsanleihen bei den Banken. Sie gelten, anders als Ausleihungen an Unternehmen, als risikolos und müssen deswegen heute wie auch künftig nach den Basel-Kriterien nicht mit Eigenkapital unterlegt werden. „Eine zentrale Ursache für die Verstrickung zwischen dem Staat und dem Bankensektor liegt gerade in dieser künstlich verstärkten Bevorzugung des Staates als Schuldner auf dem Kapitalmarkt.“ Diese Worte finden sich in einem aktuellen Gutachten des wissenschaftlichen Beirats beim Bundesfinanzministerium. Die Folge ist fatal: Den politischen Entscheidern bleiben die wahren Kosten ihrer Schuldenpolitik weiterhin verborgen. Gerade weniger stabile Staaten neigen daher verstärkt zu einer riskanten Finanzpolitik. Fast ein „Déjà Vu“-Erlebnis – waren nicht schon die Euro-Einführung und das damit für viele Staaten zu billige Geld der eigentliche Grund für deren hohe Staatsverschuldung?

Bei der Kreditvergabe hat – wie schon oben angedeutet – der Privatsektor gegenüber dem Staat das Nachsehen und zahlt ungerechtfertigt höhere Zinsen. Aus unserer Sicht bedarf dies dringend der Korrektur – sicher nicht auf einen Schlag, auf jeden Fall aber in Stufen. Staatliches und privates Kreditrisiko muss gleich behandelt werden, um die auch ökonomisch nicht begründbare Verstrickung zwischen Staat und Banken bei der Kreditvergabe aufzubrechen.

Prof. Rainer Kirchdörfer ist Vorstand der Stiftung Familienunternehmen. DER HAUPTSTADTBRIEF veröffentlicht seine Begrüßungsrede zur WELT-Währungskonferenz in Berlin im Auszug.

WELT-Währungskonferenz
Die Zukunft der gemeinsamen Währung

Bereits zum vierten Mal fand am 14. Mai 2014 im Berliner Hochhaus des Axel Springer Verlags die WELT-Währungskonferenz statt. Sie wird von der Stiftung Familienunternehmen und der Tageszeitung DIE WELT gemeinsam veranstaltet und bringt Politiker, Banker, Wirtschaftswissenschaftler und Unternehmer zusammen, um die Probleme unserer Währung besser zu verstehen und Lösungen zu erörtern.

DER HAUPTSTADTBRIEF hält einige Höhepunkte dieses Hauptstadt-Ereignisses auf den folgenden Seiten in Wort und Bild fest: von den Reden und Statements die überzeugendsten Argumente, von den Diskussionsrunden die aussagekräftigsten Fotos.