Es liegt nicht am Kapitalismus – das Grundübel unserer Zeit ist staatlicher Interventionismus

Thomas Piketty hat in Amerika einen Bestseller über die Konzentration der Vermögen gelandet. Nun bläst seine Gefolgschaft in Deutschland zur Jagd auf „die Reichen“. Das ist ungerecht

Von Jörg Guido Hülsmann

23.05.2014 – DER HAUPTSTADTBRIEF 122

Der Pariser Statistiker Thomas Piketty ist schon seit vielen Jahren ein Liebling der französischen Linken. Nun ist ihm mit der amerikanischen Ausgabe seines Buches „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ ein großer Publikumserfolg gelungen. In diesem Werk fasst er seine Studien zur Einkommens- und Vermögensverteilung in den kapitalistischen Ländern zu einer epischen, mit vielen Tabellen und Schaubildern gespickten Erzählung der Wirtschaftsgeschichte der letzten zweihundert Jahre zusammen. Auf dieser Grundlage rechtfertigt er

  • eine stark progressive Einkommenssteuer,
  • eine höhere Besteuerung der Kapitalgewinne und der Vermögen sowie
  • eine entschiedene staatliche Reglementierung der Märkte, besonders der Finanzmärkte.

Wie kommt er zu diesem Schluss? Piketty ist zwar Professor für Volkswirtschaftslehre (an der Paris School of Economics), aber sein Interesse an ökonomischer Theorie ist recht gering ausgeprägt. Anders als frühere Kapitalismusgegner hält sich Piketty nicht lange mit irgendwelchen logischen Deduktionen auf. Er scheint vornehmlich der Beweiskraft von Zahlen zu vertrauen. So stellt er fest, dass die Einkommens- und Vermögensverteilung in Frankreich, in Deutschland, im Vereinigten Königreich und in den USA eine U-förmige Entwicklung durchlaufen hat.

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Auf freiem Markt sind wachsende Ungleichheiten bei der Einkommens- und Vermögensentwicklung eine vorübergehende Ausnahme. Die Schere öffnet und schließt sich. Ungleichheiten bei der Einkommens- und Vermögensentwicklung verstetigen sich unter dem Einfluss des Grundübels unserer Zeit, dem staatlichen Interventionismus. Gleich sechs Arten von Eingriffen lassen sich anführen.

Seit dem frühen 18. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg seien die privaten Vermögen etwa sechs- bis siebenmal so groß wie das jährliche Volkseinkommen gewesen. Dieser Wert sank dann nachweislich im Verlauf des Krieges dramatisch ab, auf etwa den dreifachen Wert des Volkseinkommens. Bis zu den 1970er Jahren blieb er dann auf diesem relativ niedrigen Niveau. Aber seitdem hat sich die Lage gewandelt. Die Privatvermögen erreichen heute in Frankreich und im Vereinigten Königreich das fünf- bis sechsfache des jährlichen Volkseinkommens, und auch in Deutschland war das private Vermögen 2010 bereits viermal so groß wie das Volkseinkommen.

Die Jahre zwischen dem Ersten Weltkrieg und den 1980er Jahren bilden also nach Piketty eine historische Ausnahme. Seit dreißig Jahren seien wir in den entwickelten kapitalistischen Ländern zurück zur Normalität des 18. und 19. Jahrhunderts. Diese Entwicklung berge sozialen und politischen Sprengstoff.

Es ist sicherlich nicht außergewöhnlich, dass der Geldwert des von vielen Generationen angehäuften Vermögens ein Vielfaches des Geldwerts der jährlichen Produktion ist. Je weiter beide Werte auseinanderklaffen, desto länger dauert es eben, ein durchschnittliches Vermögen aus einem durchschnittlichen Einkommen anzusparen. Wenn der Gesamtwert der privaten Vermögen sechsmal so groß wie das jährliche Sozialprodukt ist, so müsste ein Haushalt mit durchschnittlichem Einkommen dreißig Jahre lang zwanzig Prozent seines Einkommens sparen, um ein durchschnittliches Vermögen anzuhäufen. In einem Wort, je größer die Schere zwischen Einkommen und Vermögen, desto geringer die soziale Mobilität und desto größer die Bedeutung ererbten Vermögens.

Ähnliche Tendenzen erkennt Piketty bei der Entwicklung der Einkommensverteilung. Hier verweist er besonders auf den amerikanischen Fall. Nach dem Zweiten Weltkrieg stiegen die Einkommen der einkommensstärksten Haushalte etwa vierzig Jahre lang weniger stark als die Einkommen aller anderen. Aber seit den 1980er-Jahren hat sich die Tendenz umgekehrt. Das oberste Prozent der Haushalte hat seitdem sein Einkommen mehr als verdoppeln können, während die Einkommen der anderen stagnierten.
Alle diese Beobachtungen und Feststellungen sind ohne Zweifel sehr interessant, und sie scheinen sogar einen sofortigen Handlungsbedarf nahezulegen. Das ist sicherlich der Grund, aus dem Piketty aufmerksames Gehör beim amerikanischen Präsidenten gefunden hat. Nachdem die bisherigen Versuche zur Belebung der Wirtschaft beinahe spurlos im Sande verlaufen sind, ist nun die Versuchung groß, wenigstens das drohende Spreizen der Einkommens- und Vermögensschere durch höhere Steuern zu schließen; zumal dabei praktischerweise auch die staatlichen Kassen gefüllt werden. In Frankreich wurde das vor zwei Jahren beim Amtsantritt von François Hollande bereits versucht, übrigens mit katastrophalen Folgen.

Man kommt an der Frage nach den Ursachen des sich Öffnens der Einkommens- und Vermögensschere nicht vorbei. Denn nur im Lichte der Ursachen lässt sich entscheiden, ob überhaupt ein politischer Handlungsbedarf besteht und welche Maßnahmen gegebenenfalls zu ergreifen wären. Das Hauptproblem von Pikettys Werk besteht genau darin, dass er der analytischen Durchdringung seiner Daten fast vollkommen aus dem Weg geht.

Thomas Piketty behauptet, dass die von ihm festgestellten Tendenzen daraus entspringen, dass die Kapitalerträge ständig höher als das Wachstum der jährlichen Produktion seien. Der reiche Rentier erhält oder vermehrt seinen Reichtum daher wie von selbst, während der Spross einer armen Familie niemals zu ihm aufschließen kann. Dies entspricht der (marxistischen) These, dass es bei freier Wirtschaft notwendig zur Konzentration von Firmen, Einkommen und Vermögen kommt. Solchen Tendenzen könne nur durch vermehrtes staatliches Eingreifen begegnet werden.

Diese Sichtweise ist heute weit verbreitet. Sie hat auch nach dem schmählichen Untergang des Sowjetreiches nur wenige Anhänger verloren. Daher rennt Thomas Piketty mit seinen statistischen Untersuchungen überall offene Türen ein. Das ändert aber nichts daran, dass er sich bei der Ursachenanalyse der Vermögens- und Einkommensunterschiede gründlich irrt.

Zum einen gibt die momentane Datenlage keinen genauen Aufschluss über die soziale Mobilität. Statistiker gliedern die Bevölkerung in Einkommens- und Vermögensgruppen, häufig in zehn Zehntel („Dezile“) oder in vier Viertel („Quartile“). Das führt zu interessanten Momentaufnahmen, aber die Aussagekraft solcher Statistiken ist auf die betreffende Periode begrenzt. Diejenigen Haushalte, die im ersten Viertaljahr 2014 zum ersten Einkommensdezil gehören (d. h. zur Gruppe der 10 Prozent höchsten Einkommen) sind typischerweise nicht dieselben, die sich in zehn oder zwanzig Jahren in der gleichen Gruppe finden. Gleiches gilt führt die unteren Einkommensdezile. Als Berufsanfänger haben wir typischerweise ein relativ geringes Einkommen, erst kurz vor der Rente erreichen wir in der Regel das Maximum.

Zum anderen ist es völlig normal, dass die Kapitalerträge prozentual höher sind als das Wirtschaftswachstum, und daraus folgen an und für sich auch keine Konzentrationstendenzen bei den Einkommen und Vermögen.

In einer freien Wirtschaft gibt es keinen automatischen Erhalt eines einmal angesammelten Vermögens. Die statistisch festgestellten Kapitalerträge sind nur durchschnittliche Erträge. Aber in der Praxis gibt es keine „durchschnittliche Investition“. Es gibt immer nur konkrete Geldanlagen, und dabei kommt es immer wieder zu Fehlern. Die Marktwirtschaft ist eben keine reine Gewinnwirtschaft, sondern eine Gewinn- und Verlustwirtschaft.

Fragen Sie einen beliebigen seriösen Vermögensverwalter. Er wird Ihnen bestätigen, dass selbst der bloße Kapitalerhalt (wir sprechen hier gar nicht von Zuwächsen) äußerst schwierig ist. Nur wer klug, vorausschauend und umsichtig investiert, darf hoffen, genügend hohe Umsätze zu erzielen. Häufig ist auch eine gute Portion Glück erforderlich, denn die Umsätze stellen sich selbst bei bester Leistung nicht von allein an, sondern hängen von schwer vorhersehbaren Einflüssen wie dem Wetter, der politischen Lage, dem Verhalten der Wettbewerber und auch von verschiedenen Moden ab. Der Kunde ist zuweilen ein launischer König.

Auch der Geldwert von Grundeigentum erhält sich keineswegs von selbst. Thomas Piketty zitiert sehr gerne die englische Schriftstellerin Jane Austen, aus deren Zeitzeugnis er entnimmt, dass die vermögenden Briten des ausgehenden 18. Jahrhunderts es als selbstverständlich ansahen, dass die Grundrente für alle Zeiten etwa 5 Prozent betragen würde. Piketty scheint daraus schließen zu dürfen, dass auch der Wert des Grundeigentums sich wie von selbst erhält. Aber das ist durchaus nicht der Fall. Wenn Menschen aus Görlitz nach Berlin umziehen, erhöhen sich tendenziell die Mieten und der Kapitalwert der Wohnungen in Berlin, während beide Größen in Görlitz sinken. Der Miethauseigentümer in der sächsischen Provinz verdient dann vielleicht immer noch die gleiche Kapitalertragsrate wie zuvor, und doch ist sein Vermögen geschrumpft.

Den von Piketty unterstellten Verarmungs- oder umgekehrt Bereicherungsmechanismus gibt es nicht. Aber das heißt natürlich nicht, dass es nicht auch andere Mechanismen gäbe, die zu einer wachsenden Kluft zwischen den Einkommen und den Vermögen führen. In der Tat sind solche Mechanismen gut bekannt. Nur betreffen sie nicht die Funktionsweise einer freien kapitalistischen Wirtschaft, sondern sie entspringen dem staatlichen Interventionismus. Sechs Arten von Eingriffen lassen sich anführen.

Erstens schafft die staatliche Verschuldung eine Wertpapierklasse von besonders niedrigem Risiko, denn anders als alle anderen Schuldner kann der Staat sich zur Not auch per Gewalt und per Notenpresse die nötigen Mittel besorgen, um seine Gläubiger zu befriedigen. Das aber heißt nichts anderes, als dass er diesen Gläubigern die Vermögenserhaltung auf Kosten der Steuerzahler sehr stark vereinfacht.

Zweitens führt eine progressive Einkommenssteuer oder Gewinnsteuer auf direktem Wege zu geringerer sozialer Mobilität. Wer einen Großteil seiner Gewinne an den Staat abtreten muss, wird auch bei günstiger Geschäftslage sehr viel länger brauchen, um zu denen aufzuschließen, die bereits vermögend sind. Er wird übrigens auch in größerem Masse gezwungen sein, fremdes Kapital aufzunehmen, und auch das kommt jenen zugute, die bereits vermögend sind.

Drittens: Die gleiche Wirkung hat die staatliche Reglementierung der Unternehmen, die besonders die kleinen und mittleren Betriebe trifft, da der gleiche bürokratische Aufwand hier relativ größer ist als in größeren Firmen.

Viertens kommt es zu einer ständigen Umverteilung der Einkommen durch die staatliche Währungspolitik. Zentralbanken können unbegrenzt Geld schöpfen, und das neue Geld wird stets zugunsten der immer gleichen Gruppen (Banken, Staat, Finanzwirtschaft, Immobilienwirtschaft) geschöpft. Die ersten Verwender des neuen Geldes können es tauschen, solange seine Kaufkraft noch relativ groß ist. Nach und nach verbreiten sich die neuen Geldeinheiten dann auch im Rest der Wirtschaft und führen dabei zu steigenden Preisen. Das bedeutet aber, dass die späten Empfänger dieses neuen Geldes bereits höhere Preise zu entrichten haben, bevor ihr eigenes Einkommen steigt (Cantillon-Effekt). Auch dadurch öffnet sich also eine Einkommensschere.

Fünftens führt die Niedrigzinspolitik der Zentralbanken zur künstlichen Aufblähung der Vermögenswerte, besonders der Wertpapiere und der Immobilien. Dieser „Vermögens-Effekt“ ist unter Ökonomen gut bekannt und wird von den heutigen Zentralbanken geradezu angestrebt (um dadurch die privaten Konsumausgaben zu beflügeln). Übrigens ergibt sich aus diesem Zusammenhang auch ein weiterer Grund, aus dem die Piketty-These (Vermögensunterschiede entspringen dem Unterschied zwischen Kapitalerträgen und Wirtschaftswachstum) falsch ist. Gerade wenn die durchschnittlichen Kapitalerträge besonders gering sind, öffnet sich die Schere zwischen Vermögen und Einkommen besonders weit.

Sechstens schafft die staatliche Währungspolitik besondere Anreize zur Verschuldung, um per Hebelwirkung eine größere Verzinsung des Eigenkapitals zu erzielen. Auch dies begünstigt in erster Linie solche Haushalte, die bereits vermögend sind, da sie die Kreditbesicherung sehr viel leichter sicherstellen können.

Thomas Piketty hat der Wissenschaft womöglich einen Dienst erwiesen, indem er in Anschluss an Raymond Goldsmith und andere Forscher einige statistische Wissenslücken geschlossen hat. Aber die von ihm aufgedeckten Tendenzen lassen sich keineswegs in seinem Sinne erklären. Auf freiem Markt sind wachsende Ungleichheiten bei der Einkommens- und Vermögensentwicklung eine vorübergehende Ausnahme. Aber sie verstetigen sich unter dem Einfluss des Grundübels unserer Zeit, dem staatlichen Interventionismus.

Prof. Dr. Jörg Guido Hülsmann ist Ordinarius für Volkswirtschaftslehre an der Universität Angers, Frankreich, und Senior Fellow des Ludwig von Mises Instituts in Auburn, USA. Sein Buch „Krise der Inflationskultur“ erschien 2013 im FinanzBuch Verlag. Für den HAUPTSTADTBRIEF analysiert er Thomas Pikettys Bestseller „Capital in the Twenty-First Century“ – und kann keine neue Erklärung für die Ungerechtigkeit finden.

Die Inhaltsanalyse unseres Autors Jörg Guido Hülsmann bezieht sich auf das Buch „Capital in the Twenty-First Century“ von Thomas Piketty, das bisher nur auf Englisch (seit März 2014) und im Original auf Französisch („Le capital au XXIème siècle“, März 2013) vorliegt. „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ macht in den USA und jetzt in Deutschland Furore in den Feuilletons.

Jörg Guido Hülsmann hat in seinem letzten Buch gezeigt, wie und warum unsere marktwirtschaftliche Ordnung durch expansive Geldpolitik alle Werte inflationiert: „Krise der Inflationskultur. Geld, Finanzen und Staat in Zeiten der kollektiven Korruption“. Von Jörg Guido Hülsmann. FinanzBuch Verlag, Edition Lichtschlag, München 2013. 320 Seiten, 17,99 Euro.