Die Welt blickt auf Brasilien – sieht aber nur die Hälfte

Brasilien ist ein Land mit zwei Gesichtern. Karneval, Fußball und Copacabana sind das eine – Stagnation, Korruption und wirtschaftsbremsender Populismus das andere

Von Antony P. Mueller

23.05.2014 – DER HAUPTSTADTBRIEF 122

Noch vor kurzem galt Brasilien als ein Land auf dem sicheren Weg in die Zukunft eines entwickelten Industrielandes – eine solide Demokratie mit unendlichen Vorräten an Bodenschätzen und gewaltigen Ölvorkommen entlang seiner abertausende Kilometer langen Atlantikküste. Unter der Präsidentschaft des ehemaligen Gewerkschaftsführers Luiz Inácio Lula da Silva, populär stets nur Lula genannt, schien das Land seit 2003 in eine Ära der Prosperität einzutreten. Die Wachstumsraten des brasilianischen Sozialprodukts begannen zu steigen, während die Inflation zurückging und die Arbeitslosenrate fiel. Der brasilianische Börsenindex Bovespa bekam Flügel und kannte bis zur internationalen Finanzkrise des Jahres 2008 nur noch einen Weg: den nach oben. Und selbst danach erholte sich die Börse schnell und näherte sich 2010 zum Ende der Amtszeit da Silvas wieder den alten Höchstständen – Brasilien galt als Primus unter den Schwellenländern.

Den Zuschlag, die Fußballweltmeisterschaft 2014 auszutragen, erhielt Brasilien im Oktober 2007. Zwei Jahre später wurde Rio de Janeiro vor Chicago, Madrid und Tokio zum Austragungsort für die Olympischen Sommerspiele 2016 gekürt. Diese Erfolge schienen Brasiliens unaufhaltsamen Zukunftskurs zu bestätigen, ja geradezu den Beleg dafür zu liefern, dass – so ein geflügeltes Wort in Brasilien – Gott selbst Brasilianer sei.

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Die Welt bewundert an Brasilien seinen lebenssprühenden Karneval, seine Fußballnationalmannschaft (hier 2002 nach dem 5. WM-Triumph) und seine traum­haften Strände (im Bild die Copacabana). Doch Brasilien ist nicht nur das – es ist auch ein Land, das trotz seines großen wirtschaftlichen Potentials in die Stagnation driftet.

Nun, nur wenige Jahre später, sieht vieles ganz anders aus. Brasilien steckt in einer wirtschaftlichen Stagnation, während die Inflation wieder steigt. Schon bald nach dem Ende der Amtszeit Lulas kam es 2012 zu massiven Protesten gegen die neue Regierung unter der von ihm selbst zur Nachfolge auserkorenen Präsidentin Dilma Rousseff. Zu den Zündfunken, die eine regelrechte Massenwut unter der Bevölkerung entzündeten, gehörten nicht zuletzt die explodierenden Kosten für den Aus-, Um- und Neubau von Stadien. Massenstreiks und Blockierungen von Straßen und Stadionzugängen legten das öffentliche Leben lahm, das Land drohte regelrecht in Anarchie abzugleiten. Seither hat sich die Lage etwas beruhigt, doch eine latente Spannung bleibt, und die Gefahr erneuter Massenproteste ist greifbar.

Die Zeiten hoher Wachstumsraten sind vorerst wohl vorbei. Sie währten nur wenige Jahre. Vor allem zwei auslösende Faktoren hatten die Hochkonjunktur begünstigt: ein weltweiter Ressourcen- und Agrarboom, der fast exakt mit der Amtsübernahme von Lula einsetzte, und die enorme Nachfrage aus China für brasilianische Rohstoffe und Agrarprodukte zu diesem Zeitpunkt. Inzwischen sind die Wachstumsraten des Sozialprodukts der brasilianischen Wirtschaft jedoch wieder deutlich gefallen und liegen derzeit sogar unter dem langfristigen mittleren Niveau von moderaten 3 Prozent.

Das wirft die Frage auf, was es denn nun tatsächlich auf sich hat mit diesem Land, das Gott selbst zu seinen Bürgern zählt. Die einfache Wahrheit ist, dass Brasilien in der Außenwahrnehmung ein ganz anderes Gesicht zeigt, als es der Realität des Landes entspricht. Von außen her, oder bei einem kurzen Besuch des Landes, beindrucken die landschaftlichen Schönheiten, die scheinbare Heiterkeit des Lebens und die Freundlichkeit der Menschen. Zwar hat man von der hohen Kriminalität gehört, aber die meisten Besucher stellen schnell erleichtert fest, dass die beunruhigenden Mordraten sehr überwiegend auf das Konto von Gewalt in den Armenvierteln zurückgehen und weder die Touristen noch die heimische Mittelklasse nennenswert einschränken, sofern sie sich von den sogenannten Favelas fernhalten. Und auch die Armut fällt kaum ins Auge, wenn man sich als Tourist oder in Geschäften im Lande bewegt, in guten Hotels unterkommt oder bei Geschäftspartnern zu Gast ist und sich ansonsten auf den Besuch von reiseführerempfohlenen Gegenden und Sehenswürdigkeiten beschränkt.

Was der Gast selten erlebt, ist das brasilianische Alltagsleben: das tagtägliche Verkehrschaos und die allgegenwärtigen Reibereien mit kafkaesk-bürokratischen Regelungen und Gesetzen, die Bürger und Unternehmen zu bestehen haben. Der Alltag in Brasilien ist von der Nähe betrachtet ein Alptraum. Immense Anstrengungen sind nötig, um die kleinsten Alltagsdinge zu erledigen. Schlange stehen ist die Regel, in Supermärkten und Bankfilialen und erst recht, wenn es um Behördengänge geht. Die Kosten dieser weitverbreiteten Fehlorganisation sind enorm. Die reale Produktivität im Industriesektor ist niedrig, bei den Dienstleistungen noch schlechter – und unsäglich mangelhaft im öffentlichen Dienst. Man fragt sich: Wie kann ein Land so überleben? Die Erklärung liegt im gigantischen Reichtum an natürlichen Ressourcen, der die Wirtschaft des Landes trotz allem am Laufen hält.

Der natürliche Reichtum des Landes befördert jedoch seit Jahrhunderten die Existenz von nutznießenden Eliten. Wer kann in Brasilien, macht sich daran, auszubeuten was und wen er kann, und so weit wie er kann. Die Folge ist, dass praktisch jeder jeden ausbeutet – und es am Ende allen schlechter geht. Der große Traum einer Mehrzahl der Brasilianer ist es, im Staatsdienst Unterschlupf zu finden. Im öffentlichen Sektor können hier in einem Ausmaß Pfründe geschöpft werden, dass es jegliches Vorstellungsvermögen von Außenstehenden übersteigt. Provinzrichter und Staatsanwälte verdienen Mega-Gehälter, die sie binnen kurzem zu Millionären machen und die zudem gewaltige Pensionsleistungen nach sich ziehen, in deren Genuss später auch noch die Hinterbliebenen kommen.

Politiker, von dörflichen Gemeinderäten aufwärts, beziehen Einkommen, die einen leitenden Angestellten bei einem Privatunternehmen in einer der Metropolen arm aussehen lassen. Korruption auf allen Ebenen ist nicht die Ausnahme, sondern die allgegenwärtige Regel. Ein Unrechtsbewusstsein existiert dabei kaum, und jeder schaut weg, wenn die öffentlichen Kassen geplündert werden. In der letzten PISA-Rangliste der Leistungen von Schülern in Mathematik, Lesen und Naturwissenschaft von 2013 dagegen findet sich Brasilien wie gewohnt in der Gruppe der letzten Plätze. In der Weltbankliste zur Geschäftstätigkeit steht Brasilien auf dem 116. Platz. Im Index of Economic Freedom von 2014, dem aktuellen Ranking zur Wirtschaftsfreiheit, fiel es auf den 114. Platz zurück. Nachdem das Land 2008 von Ratingagenturen den sogenannten Investmentstatus für seine Regierungsanleihen erhalten hatte, ist es seit 2013 bereits wieder abgestuft.

Was jedoch am meisten verwundert ist, dass die brasilianische Regierung dem nicht nur tatenlos, sondern offensichtlich auch interesselos zusieht. Auch eine öffentliche Diskussion über das Dilemma findet so gut wie nicht statt. Wenn Besorgnis und Kritik aus dem Ausland von der gegenwärtigen Regierung überhaupt wahrgenommen wird, werden sie bestenfalls mit hochmütiger Zurückweisung beantwortet. Die derzeitige Präsidentin zieht es vor, dem Ausland ungefragt den Rat zu geben, es möge sich an Brasilien ein Beispiel nehmen. Und hier liegt der Kern des brasilianischen Dilemmas: Eine Kritik am öffentlichen Vorgehen, wie sie in Deutschland zur Tagesordnung gehört, findet in Brasilien kaum statt. Man klagt und lamentiert in Brasilien im privaten Umfeld über die Situation, aber staatliche Inkompetenz wird letztlich als unvermeidlich hingenommen – was dazu führt, dass sich kaum etwas zum Positiven hin bewegt.

Auch die ansässigen ausländischen Firmen haben gelernt, wie es in Brasilien läuft, und dass daran wenig zu ändern ist. Die zahlreich präsenten multinationalen Unternehmen spielen mit den brasilianischen und mit den öffentlichen und politischen Eliten zusammen das ewige Spiel des Ausbeutens dessen, was irgend auszubeuten geht. Wie lange das so weitergehen kann, weiß niemand zu sagen. Vielleicht platzt der Bevölkerung bereits im Umfeld der anstehenden Fußball-Weltmeisterschaft der Kragen, vielleicht angesichts der Olympiade 2016. Ob es danach besser würde, ist indessen stark zu bezweifeln. Die brasilianische Mentalität ist zutiefst von Staatsgläubigkeit geprägt und die Gefahr, dass sich das Land einem autoritären Sozialismus à la Venezuela zuwendet, nicht auszuschließen.

Springt das Wachstum nicht bald wieder an, wird auch der gegenwärtig noch anhaltende brasilianische Immobilienboom platzen, und die Arbeitslosigkeit wird steigen. Derzeit wächst in Brasilien eine Generation heran, für die sozialer Aufstieg und Wohlstand enorm wichtig sind. Vielen dieser jungen Leute fehlt allerdings die Einsicht, dass diese Ziele nicht mit mehr Staat, sondern mit mehr wirtschaftlicher Freiheit zu erreichen sind. Noch hält die Regierung den Unmut in der Bevölkerung in Schach, etwa durch das Programm einer Art Familienrente, „bolsa família“ genannt, die rund 14 Million Familien beziehen. Ein politisches System des Populismus mit irrationalen Versprechungen an die Bevölkerung, der weisgemacht wird, auch sie könne, wie es ihr die Eliten seit Jahrhunderten vormachen, ohne eigene Produktionsleistung auskömmlich leben – und wie es schon viele Länder Lateinamerikas ruiniert hat – breitet sich auch in Brasilien immer mehr aus. Wie in anderen Schwellenländern, so erweisen sich auch in Brasilien Staat und Politik letztlich als Bremser des wirtschaftlichen Fortschritts.

Prof. Dr. Antony Mueller lehrt Volkswirtschaft an der brasilianischen Bundesuniversität Universidade Federal de Sergipe (UFS). Er lebt seit zehn Jahren in Brasilien und ist Mitglied der Ludwig von Mises Institute USA und Brasilien sowie Präsident von The Continental Economics Institute (www.continentaleconomics.com). Für den HAUPTSTADTBRIEF beleuchtet er die wirtschaftliche und politische Situation seines Gastlandes jenseits des sportlichen Glamours.