Gemeinsam für Freiheit und Wachstum

Unternehmen diesseits und jenseits des Atlantik müssen heute bereit sein für die Zukunft, bevor sie begonnen hat

Von John B. Emerson

03.07.2014 – DER HAUPTSTADTBRIEF 123

Der mittelständischen Wirtschaft fühle ich mich in besonderer Weise verbunden, denn ich war selbst sechzehn Jahre lang für ein amerikanisches Familienunternehmen tätig: die Capital Group Companies, eine Investmentgesellschaft, die im Verlauf ihres nunmehr 85-jährigen Bestehens zur größten eigenständigen, unabhängig betriebenen Firma dieser Art weltweit geworden ist – indem man erfolgreich war und gewachsen ist mit dem Ziel, diesen Erfolg langfristig zu sichern. Indem man Profite in die Firma zurückinvestiert und an der privaten Eigentümerstruktur festgehalten hat.

Ich glaube also fest an die große wirtschaftliche Bedeutung von Familienunternehmen, und ich habe den größten Respekt für die Leistungen, die in diesen Unternehmen, diesseits und jenseits des Atlantiks, erbracht werden. Für mich kann es keinen Zweifel daran geben, dass Familienunternehmen auch darum besonders erfolgreich sind, weil sie ihr geschäftliches Handeln bewusst auf die Basis von erprobten Zielen und Werten stellen – durch starke, verlässliche Bindungen, getragen von einem Gefühl der Verantwortung und des Gemeinsinns, an ihre Mitarbeiter, ihre Kunden und Zulieferer ebenso wie an ihr gesellschaftliches Umfeld. Diese Unternehmer wissen, dass es möglich ist, am eigenen Wohlergehen zu arbeiten und gleichermaßen dem Wohle aller förderlich zu handeln.

ullstein bild/Folesky

Mehr als dreißig Orte in den USA heißen Berlin – und erinnern noch heute an die große Zahl deutscher Siedler, die in Amerika einen neuen Anfang wagten, Ideen von Freiheit und Demokratie im Gepäck, die in der alten Heimat nicht gelebt werden konnten. Im Bild Berlin in New Hampshire mit einem hölzernen Elch am Ortseingang.

Die USA feiern in diesen Tagen einen bedeutenden Jahrestag: Zum 238. Mal gedenken wir am 4. Juli des Beginns der amerikanischen Unabhängigkeit. Amerika ist noch heute stolz darauf, dieses Land auf dem Fundament von Freiheit und Demokratie errichtet zu haben – auf einer Vision, die mit den ersten Siedlern aus Europa gekommen ist. 65 Millionen Amerikaner – und dazu gehören auch meine Frau und ich – besitzen deutsche Wurzeln. Durch Jahrhunderte der Unterdrückung und der Auflehnung dagegen hat sich eine Vision geformt, die fest darauf fußt, dass jede und jeder von uns das Recht hat, auf Grundlage der eigenen freien und bewussten Entscheidung nach den eigenen Vorstellungen zu leben.

Dazu gehört auch die Überzeugung, dass Regierungsmacht allein aus der Zustimmung der Regierten zu erwachsen hat, und dass Gesetze und Institutionen so auszugestalten sind, dass sie dies ermöglichen und schützen. Dazu gehören Versammlungsfreiheit, Pressefreiheit, Rechtsstaatlichkeit und freie Wahlen. Die Geschichte Amerikas, Europas und der Welt hat indessen immer wieder gezeigt, dass es harter Arbeit und nicht nachlassender Entschlossenheit bedarf – auf Seiten der Regierenden wie der Bürgerinnen und Bürger – um dafür zu sorgen, dass diese Vision Realität wird und bleibt. Die Idee der Freiheit hatte zahllose Herausforderungen zu bestehen, und hat es auch heute – in der Ukraine, in Afghanistan, im Nahen Osten, um nur drei zu nennen.

Amerika und Europa haben seit der Beendigung des Zweiten Weltkriegs beständig gemeinsam am Aufbau einer internationalen Struktur zur Förderung der Prinzipien einer demokratischen und freien Marktwirtschaft gearbeitet. Gemeinsam sind wir der Überzeugung, dass Staaten den Bedürfnissen ihrer Bürger am besten durch freien Handel und offene Märkte gerecht werden können – ebenso wie durch ein Netz der sozialen Sicherheit und dem respektvollen Miteinander über Glaubens- und Herkunftsgrenzen hinweg. Das macht uns zu Freunden, die nicht nur gemeinsame Interessen, sondern auch gemeinsame Werte verbindet.

Es ist von großer Wichtigkeit, dass auch die nach uns kommenden Generationen diesseits und jenseits des Atlantiks dieses Erbe noch schätzen werden und die Werte und Prinzipen nachvollziehen können, die unseren Gesellschaftsmodellen zugrunde liegen. Was junge Amerikaner und Europäer heute für die Fortführung starker transatlantischer Bindungen einnimmt, ist ihr zukünftiger Nutzen. Was für sie zählt, sind Arbeitsplätze, ist gesichertes wirtschaftliches Wachstum – aber auch demokratische Werte, friedliches Miteinander über Andersartigkeit und Gegensätze hinweg, Freiheit zur Verfolgung des eigenen Lebensentwurfs. Wirtschaftliche Chancen und Möglichkeiten gemeinsam in Freiheit nutzen zu können – das ist es, was für künftige Generationen vor allem zählt.

Sowohl in den USA wie in Deutschland bilden mittelständische, bilden familiengeführte Unternehmen das Rückgrat der Wirtschaft und einen Grundpfeiler zukünftiger Prosperität. In den USA stellt der Mittelstand rund 50 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) und rund 60 Prozent der Arbeitsplätze. Nicht wenige heute kleine und mittelständische Unternehmen mögen morgen oder übermorgen unter den jährlich als „Fortune 500“ gelisteten amerikanischen Topfirmen stehen, und nicht wenige heute erfolgreiche deutsche Unternehmen mögen gestern oder vorgestern noch Start-ups gewesen sein. Privatunternehmen sind das Herz und die Seele unserer Wirtschaft. Aber: Wir leben in einer schnelllebigen Welt, in der gilt „if you are not moving forward, you are falling behind“ – wer nicht beständig in Bewegung bleibt, fällt zurück.

Junge Unternehmen ebenso wie solche, die seit Generationen erfolgreich wirtschaften, müssen sich heute der Zukunft gewachsen zeigen, bevor diese begonnen hat. Der Einfallsreichtum, die Kompetenz und Anpassungsfähigkeit von Mittelstandunternehmern tragen ganz wesentlich dazu bei, dass zukünftiges Wirtschaftswachstum möglich sein wird – ohne das es keine guten Arbeitsplätze geben kann und kein solides Gemeinwesen, in dem es sich zu leben lohnt. Dies ist ein Faktor, der gar nicht hoch genug bewertet werden kann, denn die unberechenbarste Gefahr für die Sicherheit weltweit, der wir heute zu begegnen haben, geht von jungen Männern aus – von wütenden jungen Männern mit zu geringen Zukunftschancen, die auf die Straße gehen.

Die Vereinigten Staaten und Europa arbeiten seit langem gemeinsam daran, dass sowohl auf unseren beiden Kontinenten wie anderswo in der Welt die Bedingungen dafür gegeben sind, damit die Menschen in Freiheit und Würde leben und arbeiten und die Unternehmen in Freiheit wirtschaften können. Dies ist auch einer der Gründe, warum das Transatlantische Freihandelsabkommen (TTIP), über das wir derzeit verhandeln, so wichtig ist. Das TTIP wird Handels- und Zollschranken beseitigen. Es wird den bürokratischen Aufwand für Betriebe, der heute noch Innovationen erschwert, aus dem Weg räumen.

Eine gängige Fehleinschätzung über das TTIP lautet, dass es vornehmlich zum Nutzen von multinationalen Unternehmen sein wird. Tatsache ist aber: Es sind gerade die kleinen und mittleren Unternehmen und die Start-ups, die profitieren werden. Indem wir Handelsschranken beseitigen, schaffen wir gleichere Bedingungen für alle. Wir öffnen Geschäftsfelder für neue Mitbewerber, in denen bis heute Großunternehmen dominieren, die über ausreichend finanzielle Mittel verfügen, um beispielsweise die unterschiedlichen Sicherheitsnormen auf den jeweiligen Märkten zu bedienen. Das TTIP soll diese Unterschiede beseitigen, durch Harmonisierung ebenso wie durch Vereinbarungen zur gegenseitigen Anerkennung der Standards – keinesfalls aber durch ein Absenken von Standards.

Unsere beiden Kontinente verbinden dauerhaft gemeinsame Werte und gemeinsame wirtschaftliche Interessen – fußend auf Rechtsstaatlichkeit, Verbrauchersicherheit und dem Schutz des Eigentums. Das TTIP wird dazu beitragen, strategische politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen zu schaffen, die diese gemeinsamen Werte widerspiegeln – zum Wohle aller Beteiligten.

John B. Emerson ist der Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika in Deutschland. Beim Tag des deutschen Familienunternehmens sprach er über die deutsch-amerikanische Wertegemeinschaft und über die wirtschaftliche Bedeutung mittelständischer Unternehmen diesseits und jenseits des Atlantiks. DER HAUPTSTADTBRIEF dokumentiert seine Rede im Auszug.