Nicht Wirtschaftswachstum ist ungerecht, es ist das Wachstum der Papiergeldmenge

Dass die Reichen immer reicher werden und ein Facharbeiter kein Haus mehr finanzieren kann, liegt nicht an der Marktwirtschaft – es liegt am Geldwesen

Von Philipp Bagus und Andreas Marquart

11.09.2014 – DER HAUPTSTADTBRIEF 124

Preisschwankungen gehören zur Marktwirtschaft. Das Warenangebot selbst unterliegt Schwankungen, ständig kommen neue Produkte auf den Markt, die Nachfrage und die Geschmäcker ändern sich. Auch saisonale Gegebenheiten und witterungsbedingte Schwankungen beeinflussen, vor allem im Nahrungsmittelbereich, die Preise. Verbilligung und Teuerung wechseln sich in der Regel ab – bei einer Tendenz der allmählichen Verteuerung insgesamt. Aber es kann auch – wie derzeit auf dem Technologiesektor – aufgrund stetiger Produktivitätsfortschritte zu längeren Abschnitten der ununterbrochenen Verbilligung kommen.

Warum eine länger anhaltende Phase der Verbilligung oder Preisdeflation allerdings beinahe ausschließlich im Technologiebereich – und nur saisonbedingt bei bestimmten Lebensmitteln – zu beobachten ist, ist vor dem Hintergrund der enormen Produktivitätsfortschritte bei zahlreichen Branchen in den vergangenen Jahrzehnten eine interessante Frage. Denn die technologischen Neuerungen gelangen ja durchaus nicht nur in der IT-Branche selbst zum Einsatz. Internet, Computer und Softwareapplikationen finden auch in zahlreichen anderen Sektoren der Wirtschaft Verwendung und erhöhen dort zum Teil maßgeblich die Produktivität.

Hinzu kommt, dass seit Anfang der 1990er-Jahre mehrere Milliarden Menschen mehr als zuvor, vor allem in Asien – in China, Indien, Bangladesch – zusätzliche Waren und Dienstleistungen für den internationalen Markt produzieren. Eine starke Verbilligung der meisten Güter hätte die Folge sein müssen. Stattdessen aber ist Verteuerung die Regel – die Verbraucher haben im Durchschnitt immer mehr zu zahlen.

Diese Preisinflation ist kein Naturgesetz. Die steigenden Preise sind vielmehr Symptom einer tieferliegenden Ursache: des stetigen Geldmengenwachstums im Rahmen des staatlichen Geldmonopols – hervorgerufen durch billige Kredite und die Geldschöpfung der Zentralbanken. Jede Erhöhung der im Umlauf befindlichen Geldmenge führt zu Preisen, die höher sind, als sie ohne das zusätzliche Geld gewesen wären. Es liegt am enormen Geldmengenwachstum, dass trotz der beträchtlichen Produktivitätsfortschritte der letzten zwanzig bis dreißig Jahre – sei es durch technologischen Fortschritt oder vermehrte Arbeitsteilung – die Güterpreise nicht fielen, sondern stattdessen sogar stiegen.

Als Verbraucher sieht man sinkende Preise üblicherweise als Grund zur Freude. Dennoch ist es gängig, Schreckensszenarien für den Fall einer Deflation – also eines fallenden Preisniveaus – zu verbreiten. Das hat inzwischen dazu geführt, dass kaum noch jemand allen Ernstes erwartet, die Waren und Dienstleistungen des täglichen Bedarfs könnten flächendeckend billiger werden. Im Gegenteil: Man hat sich an stetig steigende Preise gewöhnt und sieht den allgemeinen Preisanstieg als nicht zu verhindernde Normalität an.

Dabei gab es in der Geschichte lange Zeiträume mit erstaunlicher Preisstabilität bei einem gleichzeitig stark ansteigenden Wohlstandsniveau für breite Bevölkerungsschichten. So waren Währungen wie der französische Franc, der holländische Gulden, das englische Pfund und der Schweizer Franken im gesamten 19. Jahrhundert praktisch stabil. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts fielen in den USA sogar jahrzehntelang fallende Preise und ein aus heutiger Sicht berauschendes Wirtschaftswachstum zusammen. Der Grund: Es herrschte der Goldstandard, der eine beliebige Ausweitung der Geldmengen, wie wir sie heute erleben, gar nicht zuließ.

Diese Ausweitung der Geldmenge, die fallende Preise verhindert und Teuerung erzeugt, ist darüber hinaus ein Prozess mit weitreichenden Auswirkungen, denn die stetige Geldmengenerhöhung schafft privilegierte Profiteure und benachteiligte Verlierer. Jene Marktteilnehmer, die als erste an das zusätzliche Geld kommen, werden deutlich begünstigt: Sie können noch zu relativ unveränderten Preisen kaufen, bauen und investieren. Jene, die das nun nicht mehr wirklich neue Geld zuletzt erreicht, gehören zu den Verlierern: Sie müssen nun die gestiegenen Preise bezahlen.

Jede Ausweitung der Geldmenge geht damit notwendigerweise mit einer Umverteilung einher: zugunsten der Erstempfänger des neuen Geldes – ihr Einkommen steigt tendenziell schneller, als es die Preise tun – und zulasten der Spätempfänger – ihr Einkommen steigt tendenziell langsamer als die Preise steigen. Diese Umverteilung findet auch statt bei einer Ausweitung der Geldmenge in einer Phase, in der das Preisniveau andernfalls gesunken wäre. Die Konsumenten kommen nicht in den Genuss der niedrigeren Preise, die sich sonst eingestellt hätten. Beim Ausmaß der Umverteilung kommt es also nicht auf die letztliche Bewegung des Preisniveaus an, sondern auf die Menge neu hinzugekommenen Geldes, das einige früher als andere in den Händen halten.

Steigen die Preise beispielsweise zwanzig Jahre lang um 2 Prozent jährlich – und damit in der Rate, bei der die Europäische Zentralbank (EZB) Preisstabilität noch als gegeben ansieht – dann steigt der Preisindex um knapp 50 Prozent. Die reale Umverteilung durch Geldmengenerhöhung kann jedoch noch deutlich höher liegen, wenn die Preise ohne sie gefallen wären, denn dann hätte das Geld an Kaufkraft gewonnen.

Neues Geld entsteht im derzeitigen Papiergeldsystem nicht nur durch Schaffung zusätzlichen Geldes durch Geldschöpfung der Zentralbanken, sondern auf breiter Front auch durch die Kreditvergabe der Geschäftsbanken. Die Banken müssen heute die ihnen anvertrauten Einlagen nur zu einem minimalen Teil von 1 Prozent als Reserve zurückhalten. So können Kredite vergeben werden, ohne dass jemand dafür zeitweilig auf Konsum verzichten oder Ersparnisse zurücklegen musste – neues Geld entsteht quasi aus dem Nichts.

Wer sind nun jene, die gute Chance haben, recht früh an das neue Geld zu kommen? Wer hat leichten Zugang zu den vom Bankensystem geschaffenen billigen Krediten? Grundsätzlich hilft es, bereits reich zu sein, wenn man problemlos an Kredite kommen will. Jene Marktteilnehmer, die bereits über ein bestimmtes Vermögen verfügen, profitieren doppelt: Der Wert ihrer Aktiendepots oder Immobilien wird bei Inflation tendenziell ansteigen. Wer kein Vermögen hat, läuft indessen den durch die Geldproduktion angeheizten Preisen hinterher.

Wer bereits vermögend ist, kann seine Vermögensgüter als Sicherheit einsetzen und so leichter weitere Kreditmittel aufnehmen, um noch mehr Vermögensgüter wie Immobilien zu erwerben. Steigen die Preise für Vermögensgüter an, wird es vor allem für Bezieher niedriger Einkommen auf der anderen Seite immer schwieriger oder gar unmöglich, durch Ansparen Vermögen zu erwerben, denn das Einkommen reicht ja kaum noch, um die ständig im Preis steigenden Lebenshaltungskosten zu bezahlen.

Dass Vermögenswerte wie Aktien oder Immobilien gut als Sicherheiten für neue Kredite geeignet sind, macht sie enorm attraktiv – sie erleichtern den frühen Zugang zu neuem Geld. Die Preise von Immobilien und Aktien steigen daher ungleich mehr als Preise anderer Güter und Dienstleistungen – vor allem aber im Vergleich zu den Löhnen und Gehältern. Dies erklärt, warum es beispielsweise immer schwieriger wird, durch Ansparen eines Teils des monatlichen Einkommens ein Einfamilienhaus kaufen oder bauen zu können. Es ist zunehmend unmöglich, mit einem Durchschnittseinkommen ein Durchschnittsvermögen zu erwerben. Dies macht die Vermögensverhältnisse quer durch die Gesellschaft starrer und den Aufstieg in eine einkommensstärkere Schicht unwahrscheinlicher und mühseliger.

An erster Stelle profitieren die Banken von der Geldschöpfung. Sie selbst sind es schließlich, die zusätzliches Geld erzeugen. Als nächste in der Rangordnung der Profiteure folgen der Staat, Großunternehmen und Besitzer von Großvermögen als die Erstempfänger des neuen Geldes. Am entgegengesetzten Ende des Spektrums stehen die Spätempfänger, deren Einkommen nicht oder nur langsam steigen, während sie zusehen müssen, wie die Teuerung ihre Kaufkraft auffrisst.

Was tun? Reiche stärker besteuern, die staatliche Umverteilungsmaschinerie noch hochtouriger laufen lassen? Nein. Das wäre kontraproduktiv – es würde die Symptome, nicht aber die Ursache bekämpfen. Denn nicht unser Wirtschaftssystem ist ungerecht, sondern das Geldsystem. Wer durch unternehmerische Leistung, durch Herstellung und Vertrieb von Produkten und Dienstleistungen, die ihr Geld wert sind und zufriedene Abnehmer finden, zu Wohlstand kommt, gehört dafür nicht vom Staat bestraft. Auf diese Weise erworbener Reichtum ist nicht ungerecht. Ungerecht wird es, wenn der Erwerb von Reichtum auf einer privilegierten Stellung bei der monopolistischen Geldproduktion beruht.

Soll die wohlstandsschaffende Gerechtigkeit, die der Marktwirtschaft eigentlich innewohnt, zum Zuge kommen, dann muss das Geldsystem, in dem Wenige Geld aus dem Nichts schaffen können, reformiert werden. Eine Reform des Geldsystems ist umso dringender, als derzeit die reale Ungerechtigkeit weiter zunimmt. Die Niedrigzinspolitik und monetäre Finanzierung der Staatsverschuldung beschleunigen die Umverteilung noch – sogar zwischen Bürgern verschiedener EU-Staaten mit gefährlichen Konsequenzen für das harmonische Zusammenleben in Europa. Zur Beendigung dieser sozialen Ungerechtigkeit ist es an der Zeit, das staatliche Geldmonopol in Frage zu stellen.

Prof. Dr. Philipp Bagus lehrt Volkswirtschaft an der Universidad Rey Juan Carlos in Madrid. Andreas Marquart ist Vorstand des Ludwig von Mises Instituts Deutschland und seit Jahren in der Finanzberatung tätig. Sie sind Autoren des Buches „Warum andere auf Ihre Kosten immer reicher werden“. Für den HAUPTSTADTBRIEF geben sie auf das Warum eine Antwort.

Die Verfasser des vorstehenden Essays sind Autoren eines Sachbuchs, das im Mai 2014 auf Anhieb auf Platz 1 der Amazon-Verkaufsrubrik „Börse und Geld“ gelangte: „Warum andere auf Ihre Kosten immer reicher werden ... und welche Rolle der Staat und unser Papiergeld dabei spielen.“ Von Philipp Bagus und Andreas Marquart. FinanzBuch Verlag, München 2014. 192 Seiten, 16,99 Euro Softcover, 12,99 Euro Kindle Edition.