Vorhang auf für die Berliner Liste

Berlins älteste Kunstmesse ist groß, bunt, interessant, publikumsfreundlich und unabhängig – letzteres allerdings nicht ganz freiwillig

Von Peter Funken

11.09.2014 – DER HAUPTSTADTBRIEF 124

In diesem Jahr findet die Berliner Liste, die älteste und größte Kunstmesse der Hauptstadt, zum elften Mal statt. Gleichzeitig mit der Berlin Art Week öffnet sie am 17. September ihre Tore. Dann zeigen fast 120 Aussteller – Galerien, Betreiber von Projekträumen, Institutionen sowie Künstler aus 24 Ländern – im alten Postbahnhof zeitgenössische Kunst aller Sparten und Ausdrucksformen. Bisher war die Berliner Liste im Kraftwerk Berlin zuhause. Der neue Veranstaltungsort mit seiner historischen, in die Kurve eines Viadukts gebauten Gründerzeitarchitektur an der Straße der Pariser Kommune vis à vis vom Ostbahnhof und in unmittelbarer Nähe zu Spree und East Side Gallery verspricht, der Schau internationaler Gegenwartskunst zusätzlich Stimmung zu verleihen.

Die Besucher erwartet ein Messestandort mit architektonischen Finessen – etwa den stählernen Pfeilern oder einem eisernen Bodenbelag im Untergeschoss. Hier werden Künstler und Projekträume ausstellen, während im lichtdurchfluteten Obergeschoss Galeristen Arbeiten der Gegenwartskunst anbieten – vom Ölbild bis zur Holz- und Bronzeskulptur, von der Fotografie bis zum Objekt oder dem Auflagedruck. Die Messe bietet auf 1800 Quadratmetern für jedes Interessengebiet etwas Geeignetes.

Thomas Rosenthal

Publikumsmagnet: ein Blick in die Berliner Liste 2013 – da noch am alten Standort Kraftwerk Berlin.

Doch anders als bei den hochpreisigen Kunstmessen in Basel, Miami oder Köln ist bei der Berliner Liste auch Gegenwartskunst für den kleineren Geldbeutel dabei – Originale gibt es bereits ab 750 Euro. Die Berliner Liste steht für eine Auswahl, die das Schöne ebenso wie das Beunruhigende und Gefahrvolle unserer Zeit beinhaltet. Sie richtet sich an Entdeckernaturen und jene, die ihren Augen und sich selbst trauen, ihren eigenen Geschmack haben oder dabei sind, ihre Kunstvorlieben zu entdecken.

Seit 2012 steht Jörgen Golz der Messe als Direktor vor. Er erwarb die Berliner Liste von Wolfram Völcker, der sie 2004 gegründet hatte. Es handelt sich um ein privatwirtschaftliches Unternehmen, das kein Bestandteil der gleichzeitig stattfindenden Art Week ist – wenn auch nicht aus eigenem Entschluss; denn die Berliner Liste hat sich um die offizielle Teilnahme bemüht, sieht sich vom Berliner Senat jedoch bedauerlicherweise ausgebremst. Ich selbst bin seit zwei Jahren als Kurator für die künstlerische Zusammensetzung der Berliner Liste verantwortlich.

Unsere Aussteller kommen nicht nur aus Deutschland und Europa, sondern auch aus den USA, China, Israel, Japan, Korea, Nigeria und Kolumbien. Wir setzen nicht vorrangig auf bekannte, am Markt durchgesetzte Künstler. Die Galeristen der Berliner Liste legen ihren Schwerpunkt auch nicht auf den Handel mit der sogenannte „Arte Preziosa“, also mit extrem hochpreisigen Werken für eine kleine Schicht von Höchstverdienern, sondern auf Kunst von heute für Menschen von heute – für eine Interessenten- und Käufergruppe, die es vorzieht, ästhetisch Neues und Spannungsvolles aus eigenem Gutdünken für sich zu bestimmen.

Im Programm sind in diesem Jahr wieder eine Abteilung für Fotografie, eine Sektion für Editionen, also Auflage- und Buchobjekte, und ein Performance Festival, das Richard Rabensaat, ein Kenner der Szene, zusammengestellt hat. Zum ersten Mal vergibt die Berliner Liste 2014 ihren eigenen Kunstpreis. Die Wahl fiel auf den 1975 geborenen Fotografen Torsten Schumann – wegen seiner Fähigkeit, Wirklichkeitsmomente, gesellschaftliche Situationen und scheinbar private Ereignisse in verblüffender Weise fotografisch festzuhalten. In seiner Arbeit begegnen sich Ironie und tiefere Bedeutung, Witz und Wahrheit. Ein weiterer Preis wird während der Berliner Liste 2014 überreicht werden: Die Peter-Christian-Schlüschen-Stiftung vergibt ihren seit 2005 ausgelobten Fotopreis für Sportfotografie, dotiert mit 10 000 Euro.

Die Berliner Liste und die Hauptstadt gehören zwar zusammen – die Ideen und Pläne von Jörgen Golz und seinem Team reichen nach über einem Jahrzehnt der Ortsbindung inzwischen aber über Berlin hinaus. Im März 2014 organisierten wir erstmals die Kölner Liste, gleichzeitig mit der renommierten Art Cologne. Das Experiment gelang und wird 2015 wiederholt werden. Im Unterschied zur Berliner Liste nehmen in Köln allerdings ausschließlich Galerien teil. Und es gibt Überlegungen, das Format Liste von Berlin aus in andere europäische Städte zu exportieren – zuerst wohl nach Warschau. In Polen gibt es mittlerweile ein kaufkräftiges Publikum für Kunst, jedoch bislang keine Kunstmessen.

Dr. Peter Funken ist Kurator der Kunstmesse Berliner Liste, die vom 17. bis 21. September 2014 zum elften Mal stattfinden wird. Im HAUPTSTADTBRIEF gibt er vorab einen Einblick in den Veranstaltungsort der Schau, das gezeigte Kunstspektrum und die weiteren Pläne der Veranstalter.

Berliner Liste. Vom 18. bis 21. September 2014 im Postbahnhof am Ostbahnhof, Straße der Pariser Kommune 8, 10243 Berlin. Donnerstag bis Sonnabend 13 bis 21 Uhr, Sonntag 13 bis 19 Uhr. Eröffnung am 17. September ab 18 Uhr im Postbahnhof mit anschließender Eröffnungsparty ab 22 Uhr im Fritz Club, ebenfalls Straße der Pariser Kommune 8. Tagesticket 13 Euro, ermäßigt 9 Euro, beides einschließlich Katalog. Tickets online erhältlich unter www.berliner-liste.org/tickets – eine komplette Liste der Aussteller gibt es unter www.berliner-liste.org/aussteller

Informationen zur gleichzeitig mit der Berliner Liste stattfindenden Berlin Art Week, in deren Rahmen vom 16. bis zum 21. September über 70 Veranstaltungen zur Gegenwartskunst zu erleben sind, gibt es unter www.berlinartweek.de