„Ich mache keine Bürgermeisterfotos“

Der Fotograf Jacques H. Sehy hat Berliner Köpfe aus dem Kulturbetrieb bestechend anders porträtiert. Die Gründe nennt er im Gespräch mit Irena Nalepa

12.02.2015 – DER HAUPTSTADTBRIEF 127

Irena Nalepa ist im Kunsthandel tätig. Sie war Gründerin der Galerie Nalepa und Geschäftsführerin der Galerie Schoen+Nalepa in Berlin. Für den HAUPTSTADTBRIEF hat sie sich die Ausstellung „Berliner Köpfe – 100 Lichtzeichnungen“ im Haus am Lützowplatz angesehen und mit dem Künstler Jacques H. Sehy gesprochen.

NALEPA: Herr Sehy, Sie haben von 1965 bis 1975 in Berlin gelebt, heute sind Sie in Hamburg ansässig. Nun zeigen Sie in Berlin Ihr Ausstellungsprojekt „Berliner Köpfe – 100 Lichtzeichnungen“. Dargestellt sind ausschließlich Personen aus der Berliner Kulturszene wie Christina Weiss, Klaus Staeck oder Hanns Zischler. Wie ist diese Idee entstanden?

SEHY: Zwischen meiner Berliner Zeit und heute sehe ich große Veränderungen. Die Stadt ist schnelllebig und hektisch geworden. Meine alten Helden sind beispielsweise die Galeristen Renée Block und Michael Wewerka und der Historiker und Publizist Michael S. Cullen, die viel bewirkt haben und die ich schon damals verehrte. Die gibt es noch, die Jungs. Sie sind noch aktiv. Das hat mich gefreut. Darüber hinaus möchte ich auch Intendanten und Kuratoren ehren. Sie alle sind kulturelle Weichensteller, sie haben den Kulturhumus dieser Stadt hervorgebracht. Berlin ist sehr kommunikativ: Es hat bestens geklappt, 100 Persönlichkeiten aus der Kunstszene zu finden – das wäre sicherlich in Hamburg nicht zu realisieren gewesen.

sehy; heidi kübler

Der Schauspieler, Autor und Fotograf Hanns Zischler ist ebenfalls einer der Porträtierten (links). Bei der Vernissage der Ausstellung hielt er die Eröffnungsrede (rechts im Anschluss daran mit Jacques H. Sehy).

„100 Berliner Köpfe“ beinhaltet nicht nur Fotos, es ist auch eine Installation, indem die Situation ihrer Entstehung integriert ist: ein alter Drehhocker vor schwarzem Tuchhintergrund sowie eine selbst konstruierte Stablichtlampe. Gehört dieses puristische Ambiente zu Ihrer Arbeitsweise, die sich ja noch der analogen Fototechnik in Schwarz-Weiß bedient?

Das ist richtig. Da ich seit über 40 Jahren als Berufsfotograf tätig war, unter anderem als Modefotograf und Business-Porträtfotograf bei Consulting-Firmen, konnte ich viel experimentieren. Es hat sich jedoch bei mir der Wunsch entwickelt, weg zu kommen vom großen Studiobetrieb. Ich suchte neue Inhalte – und das ging nur über Reduktion. So kam auf die Idee, das Wort „Fotographie“ wörtlich zu nehmen und gewissermaßen mit Licht zu schreiben.

Wie sind die Berliner Köpfe konkret entstanden?

Das war ein intuitives Arbeiten ohne große Regieanweisungen. Die Protagonisten sitzen aufrecht 15 Sekunden auf dem unbequemen Drehhocker im abgedunkelten Raum. Kein Schmuck, keine Brillen, alle mit freier Schulter und Reden verboten. Die Leute machen ein neutrales Gesicht ohne Gestik und Mimik. Es geht nur um den Blick in die Kamera und um die Intensität. Ich versuche, die Persönlichkeit einzufangen und setze die Licht-Form drauf. Nur durch diesen spontan gesetzten Lichtpinsel kommen die unterschiedlichsten Charaktere der Person im Licht-und-Schattenspiel heraus. Wie beispielsweise bei Vladimir Malakhov, dem ehemaligen Ballett-Intendanten des Staatsballetts Berlin, der unvergesslich die eigentliche Frauenrolle des „Sterbenden Schwan“ getanzt hat – und der in der Aufnahme einen Schwan in seinem Gesicht entdeckte.

Ihre Lichtzeichnungen strahlen etwas Über-Zeitlichkeit aus. Die Gesichter scheinen wie vom Lichtblitz getroffen.

Ja, diese Arbeiten sind absolut zeitlos und keiner Mode unterworfen. Heute wird alles mit Photoshop überarbeitet, geschönt, glatt gemacht. Ich aber möchte noch die alte Handschrift beibehalten. Da bin ich altmodisch – das ist auch einer Privileg meiner Generation.

Die Installation lässt zunächst an eine asiatisch anmutende Reihung von Gesichts-Kalligrafien denken. Erst bei näherer Betrachtung erkennt man die Gesichter, durch das Licht- und Schattenspiel wie magisch seziert.

Ja, das ist auch meine Absicht. Der Grundgedanke war, 100 Köpfe zu porträtieren. Das hat sich dann aber zu einer dreiteiligen Arbeit weiter entwickelt: Der erste Raum steht für das Individuum. Deshalb sind die Bilder auch bewusst separat und alphabetisch gehängt. Im zweiten Raum wird das Individuum in eine Ordnung gebracht: in die Systematik der vermeintlichen Schriftrollen, die sich im Raum fortsetzen. Der dritte Raum schließlich steht für den Kosmos und dessen Auflösung bis in den Mikrokosmos. Hier sind über 2000 Köpfe versammelt – und das sind alles Berliner! Das sind Leute, die denken, die haben Power und wirkliche Energie. Das wollte ich geballt in dem Raum stattfinden lassen.

Üblicherweise sieht man sich die Kunstwerke an. Bei ihren „Köpfen“ fühlt man sich selbst intensiv angeschaut.

Das ist ein absolutes Muss. Ich möchte die Kontaktnahme zum Betrachter und nicht die Verweigerung. Das hat Präsenz und Stärke. Die Besonderheit der Köpfe wird durch die magische Inszenierung der hellen Lichtzeichnungen auf den Gesichtern erreicht – und genau dadurch erziele ich den gewünschten Kontakt zum Betrachter, die Qualität der Konfrontation mit meinen lichtgeschriebenen Köpfe. Ich mache keine Bürgermeisterfotos.

Jacques H. Sehy: Berliner Köpfe – 100 Lichtzeichnungen. Haus am Lützowplatz, Lützowplatz 9, 10785 Berlin. Bis 1. März 2015, geöffnet Dienstag bis Sonntag 11 bis 18 Uhr. Eintritt bis auf Sonderveranstaltungen frei. www.hal-berlin.de

Die Galerie Tammen & Partner zeigt parallel bis 14. März 2015 figürliche und abstrakte „Lichtzeichnungen“ von Jacques H. Sehy in der Hedemannstraße 14, 10969 Berlin. www.galerie-tammen-partner.de

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