Wie aus Gold Papiergold wird

Jeder Versuch deutscher Bundestagsabgeordneter, jede Anfrage von Journalisten, auch nur eine Spur von Gold zu erhaschen, wird von Bundesregierung und Bundesbank vereitelt. Die deutsche Goldreserve gibt es wohl nur noch auf dem Papier

Von Stefan Aust

25.06.2012 – DER HAUPTSTADTBRIEF 109

Das Gold der Welt passt in einen Würfel von gerade mal 20 Metern Kantenlänge; er brächte einiges an Gewicht mit sich – rund 160 000 Tonnen. Und einiges an Wert: Rund 6,5 Billionen Euro nach heutigem Goldpreis. Soviel wurde in den Jahrtausenden der Menschheitsgeschichte aus Sand und Steinen, aus Goldadern und Flüssen ans Tageslicht befördert. Und die Gier nach Gold wächst, auch durch den neuen Reichtum in Indien und China. Jedes Jahr kommen rund 2 500 neu geförderte Tonnen dazu, dank des technischen Fortschritts und des hohen Goldpreises, die auch die Ausbeutung weniger ergiebiger Goldadern ermöglichen. Würde man aus dieser Menge einen Würfel bilden, hätte dieser eine Kantenlänge von etwa fünf Metern. Anders ausgedrückt: Die jährliche Fördermenge würde in zwei Doppelgaragen passen.

„Gold ist das Allervortrefflichste“, hatte schon Christoph Kolumbus erkannt, der auf der Suche nach dem Goldland Indien die Neue Welt entdeckte. „Wer es besitzt, kann alles, was er auf der Welt wünscht, sich verschaffen.“ Die Menschheit hat sich darauf geeinigt, dass Gold goldwert ist. Es ist knapp und lässt sich nicht beliebig vermehren. Man kann es sich als Kette um den Hals hängen, im Tresor aufbewahren oder als Währungsreserve in gut gesicherten Bunkern hinterlegen. Eine Währung, mit der auch in schlechtesten Zeiten zumindest ein paar Säcke Kartoffeln oder Reis zu kaufen sind.

Für schlechte Zeiten verfügt auch die Bundesrepublik Deutschland über eine goldene Reserve. Es ist mit 3 396,3 Tonnen der zweitgrößte Goldschatz, nach den USA mit 8 133,5 Tonnen. Jedenfalls theoretisch. So recht hat niemand mehr nachgesehen in den letzten Jahren, ob das Gold auch tatsächlich noch da ist – und den Deutschen auch noch gehört. Nur ein vergleichsweise geringer Teil dieser goldenen Währungsreserven liegt nämlich in den Tresoren der Bundesbank in Frankfurt und Mainz. Der Rest verteilt sich auf Banken in westlichen Ländern. Das meiste, etwa 66 Prozent, liegt in den unterirdischen Bunkern der Federal Reserve Bank (Fed) an der Südspitze Manhattans. Das hat Tradition.

Im Kalten Krieg sollte so der Schatz der Bundesrepublik vor einem sowjetischen Überfall sicher sein. Doch auch nach dem Ende des Ost-West Konfliktes blieb das deutsche Gold in den USA. Immer wiederkehrende Forderungen, das Gold heim ins Reich des Wirtschaftswunders zu holen, wurden von Bundesbank und Bundesregierung zurückgewiesen. Schließlich will man nicht zurück zur Goldwährung. Seit mehreren Jahren wird nicht einmal mehr genau nachgezählt und nachgeprüft, ob die etwa 200 000 ziegelsteingroßen Barren tatsächlich noch da sind – und vor allem noch der Bundesbank gehören und jederzeit vom rechtmäßigen Eigentümer abgeholt werden könnten. Ein jüngst vom CSU-Politiker Peter Gauweiler geäußerter Verdacht, der von offizieller Seite wie immer als Verschwörungstheorie ohne realen Hintergrund abgetan wurde. In Wirklichkeit ist der Fall komplizierter.

Schon seit Menschengedenken versuchten Magister und Magier, das begehrteste aller Metalle künstlich herzustellen. Alchemie nannte sich die geheimnisumwitterte Mischung aus elementarer Chemie, Naturexperiment und Metaphysik, mit der das Kunststück bewerkstelligt werden sollte. Auftraggeber waren zumeist Fürsten, die ihre klammen Staatskassen durch die künstliche Erschaffung von Gold füllen wollten. Es hat nie funktioniert, trotz zahlloser Versuche in ganz Europa. Das eine Mal kam Schwarzpulver dabei heraus, das andere mal Porzellan.
Die wundersame Goldvermehrung ist erst den Finanz-Alchemisten des 21. Jahrhunderts gelungen. Das Kunststück findet jedoch nicht im Chemielabor statt, sondern in der Bank, die das Gold eigentlich nur sicher aufbewahren sollte. Und die Zaubermittel der modernen Alchemie heißen nicht mehr Holzkohle, Schwefel und Quecksilber, sondern Gold-Future (Optionshandel), Gold-ETF (Exchange Trade Funds) oder Gold-Leasing. Und auch die Staatsbanken mischen wie weiland die fürstlichen Kämmerer der Schuldenstaaten kräftig mit.

Inzwischen handeln Bankhäuser mit Goldschätzen, die noch gar nicht gefördert wurden, sie handeln mit „Papiergold“. Das macht den Goldpreis immer volatiler. Schon mehr als 90 Prozent des preisbestimmenden Handels entfallen nach Schätzung von Experten nicht mehr auf „physisches“ Gold, sondern auf goldbasierte, handelbare Wertpapiere und Derivate – Schuldscheine auf all jene berüchtigten Produkte, wie man sie aus der jüngsten Immobilien- und Bankenkrise kennt, allerdings ohne den magischen Zusatz „Gold“.

„Auf ziegelgroßen goldenen Barren“, schrieb der Spiegel 1968, „ruht das Handelsreich des Westens. Mit ihnen gleichen die Nationen die Salden ihrer Lieferkonten aus. Mit Gold verglichen, ist jede Währung wie Papier – bis auf den Dollar.“ Das war einmal. Damals waren die Währungen des freien Westens im Wesentlichen durch Gold gedeckt, und dessen Preis war festgeschrieben: 35 Dollar je Feinunze.

Mit der Aufgabe der Goldbindung des Dollars und der Aufkündigung des Bretton-Woods-Systems der festen Wechselkurse im Jahr 1973 wurde der Startschuss zu einer märchenhaften Papiergeldvermehrung gegeben. Und seit der Goldpreis mal steigen und mal fallen kann, wurde auch das Gold zum Spekulationsobjekt, das sich mehr und mehr von der realen Welt abkoppelte. Nach der Papiergeldvermehrung erlebt die Welt jetzt die wundersame Goldvermehrung.

Im Termingeschäft („Futures“) werden Goldbestände inzwischen gehandelt wie Rohstoffderivate, wobei es überhaupt nicht mehr darauf ankommt, ob sie tatsächlich vorhanden sind oder nicht. An der New York Mercantile Exchange, der Nymex, werden Luftgeschäfte mit dem „schwarzen Gold“, dem Erdöl, abgewickelt. Pro Tag verbraucht die Welt rund 100 Millionen Barrel Öl, doch das globale Handelsvolumen ist fünfzehnmal so hoch. Und so wie virtuelles Öl gewinnbringend hin und her verkauft wird, wechselt auch das Papiergold permanent den Besitzer. Die wenigsten Kontrakte im Bereich der Futures werden durch einen tatsächlichen, realen Kauf erfüllt.

Wie viel Gold auf dem Markt hin und her verkauft wird, ohne dass es physisch vorhanden ist, darüber kann man nur spekulieren. Sicher aber ist: Wenn jeder, der einen Optionsschein hat, sein Gold auch mit nach Hause nehmen wollte, wären die Vorräte bald erschöpft. Die Vorstellung, eine Schuldverschreibung auf Gold sei sicherer als eine griechische Staatsanleihe, gilt nur so lange, wie sie nicht massenhaft gezogen wird.

So taugt das Papiergold noch viel mehr zum Spekulationsobjekt als das echte. Die Folge sind mächtig (und manchmal unerklärlich) schwankende Goldpreise. Und die Finanz-Alchemisten haben einen Weg gefunden, wie man auf Gold sogar Zinsen bekommen kann. Man muss es nur verborgen. Diese Goldleihgeschäfte werden als Gold-Leasing bezeichnet.

Der Goldbesitzer übergibt dem Gold-Leasingnehmer zum Beispiel einen 400-Unzen-Barren. Das ist die Standardgröße in den Tresoren der Banken, Minen und Goldgroßhändler. Der Gold-Leasingnehmer zahlt eine festgelegte Leasingrate und gibt den Goldbarren nach dem vereinbarten Zeitraum zurück. Aber was machen die Leasingnehmer mit den 400-Unzen-Barren? In den vergangenen Jahren war das einfach zu beantworten: Das Gold wurde sofort verkauft. Der Gold-Leasingnehmer konnte dann die erlösten Beträge gewinnbringend anlegen. Das funktionierte aber nur, so lange die Zinsen höher waren als die Leasing-Raten für das gepumpte Gold.

Zwei Jahrzehnte lang war das ein attraktives Geschäft für die Banken; denn es gab lukrative Anleihezinsen, während der Goldpreis annähernd stabil war. Großbanken leasten Gold bei Notenbanken, großen Fonds und anderen Goldbesitzern, und verkauften es sofort. Vom Verkaufserlös kauften sie etwa langlaufende US-Staatsanleihen, die Anfang der 1980-er Jahre mit 12 Prozent verzinst wurden. Ein Jahrzehnt später gab es noch über acht Prozent Zinsen. Als die Zinsen der Staatsanleihen Ende der 90-er Jahre sanken, wurde Gold-Leasing zunehmend unattraktiv.

Zu den größten Goldleasing-Gebern gehörten die Notenbanken. Durch Leasing gelangte Notenbank-Gold auf den Markt, ohne dass in den Bilanzen der Notenbanken auch nur ein Barren verschwand. Die Goldreserven blieben formal unangetastet, während sie irgendwo in der Welt der Finanz-Alchemisten herumgeisterten. Und wohl genau deshalb veränderten Notenbanken in den 1990-er Jahren ihre Bilanzierungsregeln: Gold- und Goldforderungen wurden in einer Position zusammengefasst. Allerdings wird eine Grundregel in der Buchführung verletzt, wenn in der Bilanz Bargeld und Forderungen gegen Dritte einfach zusammengefasst werden.

In der Bilanz der Deutschen Bundesbank werden die Goldbestände der Bundesrepublik Deutschland seit 1998 in der Position „Gold und Goldforderungen“ aufgeführt. Derzeit sind es 3 396,3 Tonnen (Stand Juni 2012), die einen Wert von rund 140 Milliarden Euro darstellen. Eine Differenzierung, wie viel davon echtes Gold und wie viel Forderungen sind, also verliehenes Gold, erfolgt nicht. Eine Praxis, die der Bundesrechnungshof inzwischen als gegen geltendes Bilanzierungsrecht verstoßend kritisiert hat.

Im April 2010 machte die Bundesbank erstmals offizielle Angaben über den Anteil sogenannter Goldforderungen an den deutschen Goldbeständen. „Die Rechnungslegung der Deutschen Bundesbank erfolgt unter der Berücksichtigung der Bundesbank als Bestandteil des Europäischen Systems der Zentralbanken“, teilten die deutschen Währungshüter mit. „Gemäß der Rechnungslegungsgrundsätze des Europäischen Systems der Zentralbanken werden physisches Gold als auch nicht physisches Gold wie Goldforderungen gemeinsam in der Bilanzposition Aktiva 1 ausgewiesen. Die Goldforderungen umfassen insbesondere verliehene Goldbestände sowie Sichtguthaben bei Geschäftspartnern. Der Anteil an Goldforderungen liegt hierbei höchstens im einstelligen Prozentbereich.“

Bei einem Wert für die Goldbestände von rund 140 Milliarden Euro kommt man bei einem „einstelligen Prozentbereich“ für Goldforderungen immerhin auf eine Summe zwischen 1,4 Milliarden Euro (1 Prozent) und 12,6 Milliarden Euro (9 Prozent). Die Frage ist nur, ob die Bundesbank wirklich weiß, was mit ihrem Gold in den Kellern der New Yorker Fed tatsächlich geschieht. Jahrzehntelang hat sich in der Öffentlichkeit niemand so recht für den deutschen Goldschatz im Ausland interessiert.

Inzwischen ist um das Gold der Deutschen eine heftige Debatte entbrannt: Wo liegt es, und wie viel davon ist noch übrig? Ende 2010 hatte der CSU-Bundestagsabgeordnete Peter Gauweiler die Debatte mit mehreren schriftlichen Anfragen an die Bundesregierung in Gang gebracht. „In welchen Abständen werden die Bestände der Deutschen Bundesbank bei der Federal Reserve Bank tatsächlich körperlich in Augenschein genommen, und wann ist dies zuletzt geschehen?“, wollte er am 13. Dezember 2010 wissen. Die damalige Antwort der Bundesregierung enthüllte, dass Bundesbankmitarbeiter offenbar letztmalig am 11. Juni 2007, also noch vor der Bankenkrise, „in Begleitung von zwei für die Schlüsselführung verantwortlichen Mitarbeitern der Federal Reserve Bank, New York (Fed NY), sowie dem Vertreter des Leiters der Internen Revision und der für die Prüfung von Goldbeständen verantwortlichen Mitarbeiterin der Revision die Tresoranlagen betreten und besichtigt“ hätten. Die Bundesbank reagierte jetzt auf die Anfrage, wann ihre Mitarbeiter letztmalig die deutschen Goldreserven besichtigt hätten, deutlich knapper: „In Abstimmung mit den betroffenen Lagerstellen“, teilte Bundesbank-Sprecherin Susanne Kreutzer mit, „gibt die Bundesbank hierzu keine Auskunft.“

Offenbar führten die Bundesbankmitarbeiter noch nie einen detaillierten Abgleich durch eine Prüfung der Barren-Nummern mit den Bestandsverzeichnissen der Bundesbank durch. In einer weiteren Antwort an Gauweiler verweist die Bundesregierung darauf, dass sich Mitarbeiter der deutschen Bundesbank vor Ort lediglich die getroffenen Maßnahmen zur Sicherung der Bestände erklären ließen und stichprobenweise Bestandsprüfungen durchgeführt hätten. „Die Frage ist“, so Gauweiler, „ob ein Großteil der physischen Goldreserven nur noch aus bloßen Goldforderungen besteht. Ob also ein wesentlicher Teil verliehen wurde.“ (Siehe HAUPTSTADTBRIEF 108.)

Die Frage ist auch, warum die Deutsche Bundesbank seit Jahren alle verifizierbaren Auskünfte zur deutschen Goldreserve verweigert, gegenüber Journalisten und Parlamentariern gleichermaßen, und warum das Finanzministerium diese Praxis deckt. Dort erklärt man sich für nicht zuständig: „Nach § 26 Absatz 3 Bundesbankgesetz“, erklärte der Sprecher des Bundesfinanzministeriums, Johannes Blankenheim, auf Anfrage, „wird der Jahresabschluss der Deutschen Bundesbank von im Einvernehmen mit dem Bundesrechnungshof bestellten Wirtschaftsprüfern geprüft. Der vertrauliche BRH-Bericht an die Bundesbank ist dem Bundesministerium der Finanzen nicht übermittelt worden.“

Inzwischen ist nicht einmal mehr klar, ob die der Bundesbank gehörenden Goldbarren gekennzeichnet sind, oder ob die Deutschen lediglich einen Anspruch auf eine bestimmte Menge Gold haben – das würde dem Spiel auf dem Goldmarkt Tür und Tor öffnen. Wer wollte noch feststellen können, ob das „deutsche“ Gold nicht längst verleast, verkauft oder als Bürgschaft für amerikanische Schulden eingesetzt wird. Es wäre noch nicht einmal feststellbar, ob die der Bundesbank gehörenden Barren überhaupt noch in Manhattan lagern – oder vielleicht längst in Peking. Einen gewissen Bestand an Goldbarren, dekoriert mit einem schwarz-rotgoldenen Fähnchen könnte die Fed noch jeden Tag vorführen. Mit der Aufgabe der genauen Kontrolle konkret verzeichneter und nummerierter, also real existierender Goldbarren ist der Schritt vom physischen zum metaphysischen Wert des Goldes getan. Papier für Gold. Im Ersten Weltkrieg hieß die Devise, „Gold gab ich für Eisen“, als der Kaiser die Wertsachen patriotischer Deutscher einsammeln ließ. „Gold gaben wir für Papier“, könnte das Motto der Bundesbanker in Frankfurt sein, die gar nicht mehr genau wissen wollen, was ihnen eigentlich gehört.

„Aus guten Gründen“, erklärt Bundesbank-Sprecherin Kreutzer, lasse das Institut Teile der Goldreserven seit Jahrzehnten bei Notenbanken im westlichen Ausland lagern, und weiter: „Von diesen Notenbanken erhält die Deutsche Bundesbank jährlich Bestandsbestätigungen an Feinunzen Gold als Grundlage für die Bilanzierung. An der Integrität und der Reputation dieser ausländischen Lagerstellen gibt es keinen Zweifel. Das Eigentum an den Barren bleibt durch die Verwahrung bei den Partnernotenbanken unberührt und begründet ein insolvenzsicheres Recht.“

Auf zentrale Fragen gibt es also weiterhin keine befriedigenden Antworten:

  • Warum prüft die Bundesbank nicht bei der Fed physisch, durch Inaugenscheinnahme und Abgleichung der Barrennummern mit den Barrenlisten, die Existenz der deutschen Goldbarren, sondern verlässt sich lediglich auf eine Bestandsbetätigung der Fed, dass die deutschen Goldbarren vorhanden seien?
  • Warum verweigert die Bundesbank Einblick in die (hoffentlich) vorhandenen Barrenlisten, in welchen die Zuordnung der im Ausland gelagerten Barren nachzuweisen sind?

Als Antwort begnügt sich die Bundesbank lediglich mit einem allgemeinen Hinweis: „Die seit vielen Jahren angewandte Buchinventur und die ergänzenden Bestätigungen der Verwahrstellen entsprechen den gesetzlichen Vorschriften und den Grundsätzen ordnungsmäßiger Buchführung.“

Experten wie der Münsteraner Professor Jörg Baetge sind da anderer Meinung: In einem Gutachten für Gauweiler stellte der Wirtschaftswissenschaftler fest, die Bundesbank verletze beim Gold die Grundsätze ordnungsgemäßer Inventur und Buchführung. Die derzeitige Praxis hält Baetge für Rechtsbruch: „Mindestens alle drei Jahre müssen Kontrollzählungen der Barren vorgenommen werden.“ Das ist offenbar nicht passiert.

Die physische Bestandskontrolle ist noch nicht einmal besonders kompliziert. Das deutsche Gold in Manhattan besteht aus knapp 200 000 sogenannten Standardbarren zu je 400 Unzen Feingold, jeder etwa 12,5 Kilogramm schwer. Gestapelt etwa soviel, wie in drei Doppelgaragen passt – eine Zählung wäre weniger aufwendig als die jährliche Inventur in einem mittelgroßen Supermarkt.

Fest steht: Die Bundesbank muss der US-Notenbank, bei der das meiste Gold gelagert wird, Lagerungs- und Versicherungskosten zahlen. Und deshalb verleasen auch die deutschen Bundesbanker einen Teil des deutschen Goldes, um mit den Einnahmen die Lagerkosten zu decken. „Die Bundesbank hat solche Geschäfte in geringem Umfang bis zum Jahr 2008 betrieben“, erklärte das Institut jetzt auf Anfrage. „Eine Wiederaufnahme der Geschäfte ist nicht beabsichtigt.“ Bei der Bundesbank selbst nicht, aber was ist mit den Partnernotenbanken, bei denen das deutsche Gold lagert?

Das Leasing ist eine der wenigen Möglichkeiten für die Notenbanken, mit ihren Goldschätzen zu „arbeiten“. Kunden für das Leasing-Gold könnten zum Beispiel Banken in Frankreich und Italien sein, die sich derzeit laut Financial Times aktiv Gold leihen, um sich im Austausch in US-Dollar zu refinanzieren.

Seit die Schuldenländer der Eurozone und damit auch der Euro unter Druck geraten sind, ist das vermeintlich sichere Gold wieder Gold wert. Die solventen Staaten horten das Gold geradezu. Die ehemalige Sowjetrepublik Kasachstan, reich an Erdöl und Erdgas, hat im Juni 2012 angekündigt, den Anteil der Goldbestände an den Währungsreserven durch den Kauf von 22 Tonnen Gold aufzustocken. Venezuela, auch einer der großen Gewinner des weltweiten Ölbooms, meldete im Januar 2012, man habe die letzten im Ausland – vor allem in Europa – gelagerten Goldreserven nach Hause geholt.

Auch in China hat der Run aufs Gold eingesetzt. In den vergangenen Jahren stieg das Reich der Mitte zum weltweit größten Goldproduzenten und -konsumenten auf. Allein Chinas Nachfrage nach Goldschmuck ist erheblich. Derzeit entfallen nach Angaben des Minenverbandes World Gold Council (WGC) über 30 Prozent der weltweiten Nachfrage auf China. Neben den privaten Verbrauchern legen auch viele chinesische Investoren verstärkt in Gold an, da die Landeswährung Yuan aktuell hohe Inflationsraten aufweist und dadurch an Kaufkraft verliert.

Seit langem bestehen Spekulationen, dass die staatlichen Goldreserven Chinas deutlich niedriger angegeben werden, als sie es tatsächlich sind. Die offiziellen Währungsreserven der chinesischen Zentralbank betrugen im Juni 2012 nach Angaben des WGC rund 1 054 Tonnen Gold. Zwar verfügt China über fast 3 Billionen US-Dollar an Devisenreserven, aber nur rund 1,7 Prozent davon sind in Form von Gold angelegt. Dieses Verhältnis fordert nach Ansicht von Experten fast zwangsläufig eine Erhöhung des Goldanteils an den Fremdwährungsreserven, um die Abhängigkeit vom Dollar deutlich zu veringern. So dürfte das chinesische Motto heute lauten: „Dollars geben wir für Gold“. Und davon lagern in den USA eben gewaltige Bestände – eigene wie fremde. Und die sind kaum noch auseinander zu halten, wenn die Eigentümer sie nicht mehr identifizieren wollen und können. So werden die Schätze immer mehr vernebelt.

Als die deutschen Wirtschaftsweisen im Herbst 2011 vorschlugen, und auch Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen laut darüber nachdachte, von verschuldeten Euro-Ländern deren Goldreserven als Sicherheit für Kredite zu verlangen, wurde die Kanzlerin auffallend störrisch. In einer Sondersitzung der Unionsfraktion zu Euro-Rettung und Schuldenkrise im August 2011 sagte sie zu von der Leyens Vorschlag nach Angaben von Teilnehmern knapp: „Ich rate, diesen Weg nicht weiter zu beschreiten.“ Vielleicht weiß die Kanzlerin mehr? Wie sollten Staaten Goldreserven als Sicherheit bieten, wenn sie gar nicht mehr darüber verfügen?

Theoretisch kann jede Notenbank ihr in den USA gehortetes Gold jederzeit abrufen. Doch wenn es zu viele tun? Schon einmal war das Gold knapp in den USA. Damals wussten sich die verantwortlichen Politiker zu helfen, wie der Spiegel in seiner Ausgabe 4/1968 berichtete. Um die riesigen Defizite in der amerikanischen Handelsbilanz auszugleichen, hatten die USA Ende der 1950-er Jahre Gold im Wert von umgerechnet 34 Milliarden D-Mark (rund 17 Milliarden Euro) verkaufen müssen. Die US-Goldvorräte, damals noch in Fort Knox gehortet, schmolzen damit auf nur noch 48 Milliarden Mark, von denen allein 42 Milliarden durch die damals vorgeschriebene Vierteldeckung des Banknotenumlaufs gebunden waren. „Wenn beispielsweise Deutschlands Bundesbank-Präsident Karl Blessing seine Dollarreserven im Wert von neun Milliarden Mark zum Umtausch vorlegen würde“, so der Spiegel 1968, „wäre Fort Knox in Kentucky pleite, und Präsident Johnson müßte den Goldwert des Dollar sofort drastisch kürzen.“

Eine Abwertung des Dollar gegenüber dem Gold hätte in den 1960-er Jahren aber das Ende der US-Finanzherrschaft in der westlichen Welt bedeutet, und deshalb, so der Spiegel, habe schon 1960 der damalige Präsident Dwight D. Eisenhower über seinen Finanzminister Robert B. Anderson den westeuropäischen Notenbankiers ein Gentlemen’s Agreement abgezwungen: „Sie sollten den amerikanischen Goldschatz schonen und die überschüssigen Dollar statt in Barrengold in Schuldscheine des amerikanischen Schatzamts umtauschen. Für dieses Entgegenkommen sei, so Anderson, die US-Regierung bereit, jährlich drei bis fünf Cent auf jeden Dollar zu zahlen, der in diese US-Staatstitel angelegt würde. Dem stimmten die Regierungen in Bonn, Brüssel, Den Haag, London und Rom zu und hielten still.“ So wurde aus echtem Gold stillschweigend Papiergeld mit Rabatt.

Alles deutet darauf hin, dass es auch heute wieder ein solches Gentlemen’s Agreement gilt: Im Austausch gegen physisch vorhandene, durchnummerierte und in Bestandslisten aufgeführte Goldbarren gibt es schriftlich fixierte Goldforderungen. So wird aus Gold Papiergold.

Mitarbeit: Thomas Ammann

Stefan Aust ist Journalist. Von 1994 bis 2008 war er Chefredakteur des Nachrichtenmagazins Der Spiegel. Für den HAUPTSTADTBRIEF hat er nun ermittelt, was an dem Verdacht dran ist, die deutsche Goldreserve im Nominalwert von 140 Milliarden Euro existiere nur noch virtuell.