Manipulation ist wie ein Tintenfleck, sie breitet sich aus

Der EZB-Rat greift zur Zinskontrollpolitik, um Geld und Schulden zu entwerten. Damit wird sie den Schaden nur noch mehre

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Wie ein Tintenfleck breitet sich Zins­manipulation über den gesamten Markt aus.

Von Thorsten Polleit

06.09.2012 – DER HAUPTSTADTBRIEF 110

Der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) will die (kurzfristigen) Zinsen von strauchelnden Euro-Schuldenstaaten durch Anleihekäufe innerhalb vorab festgelegter Bandbreiten halten. Das kommt einer Zinskontrollpolitik für ausgewählte Staatsanleihen gleich.

Der EZB-Rat wird immer dann, wenn der Preis für Staatsanleihen, der Bondpreis, unter ein bestimmtes Niveau fällt (was gleichbedeutend ist mit einem Anstieg der Rendite über ein bestimmtes Niveau), solange Bonds nachfragen, bis deren Preis wieder dem gewünschten Kurs beziehungsweise der gewünschten Rendite entspricht.

Kein Investor wird seine Bonds und kein Staat wird seine Neuemissionen zu einem Preis verkaufen, der unterhalb des vom EZB-Rat fixierten Mindestpreises liegt; schließlich können sie ja zu diesem Preis an den EZB-Rat verkaufen. Der Marktpreis wird daher stets auf das vom EZB-Rat fixierte Niveau konvergieren.

Eine Zinskontrollpolitik ist eine Form der „finanziellen Repression“, also einer bewusst erzwungenen Wertminderung der Kaufkraft des Geldes und der Ersparnisse. Im Zuge einer solchen Politik geht es nämlich nicht „nur“ darum, die Zinsen möglichst niedrig zu halten, sondern vor allem darum, den realen, das heißt den inflationsbereinigten Zins negativ werden zu lassen. Auf diese Weise werden Kreditnehmer auf Kosten der Sparer entlastet.

So etwas wurde zum Beispiel in den Vereinigten Staaten von Amerika zur Finanzierung der Kriegsausgaben im Zweiten Weltkrieg und in der Zeit danach betrieben. Um die Zinskosten niedrig zu halten, erhielt die amerikanische Notenbank (Fed) im Jahr 1942 von der US-Administration den Auftrag, die Zinsen für Staatspapiere mit kurzer Laufzeit bei 0,38 Prozent, die für lang laufende Staatsanleihen bei 2,5 Prozent zu fixieren.

Die Fed sorgte dafür, dass die Schuldpapiere mit diesen niedrigen Renditen Käufer fanden. Weil sie dafür aber immer mehr Geld drucken musste, stieg die Inflation, und zwar auf Raten, die deutlich höher waren als die Zinsen. Durch die Politik der Zinskontrolle, die erst im März 1951 aufgehoben wurde („Treasury-Fed Accord“), entschuldete sich der amerikanische Staat auf Kosten der Geldhalter und Besitzer von festverzinslichen Papieren.

In der Zeit 1942 bis Anfang der 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts büßte der US-Dollar etwa 50 Prozent seiner Kaufkraft ein! Mit anderen Worten: Mit einem US-Dollar ließ sich 1942 ein Apfel kaufen, 1951 bekam man nur noch einen halben Apfel für einen US-Dollar.

Bei einer Zinskontrollpolitik gibt die EZB die Kontrolle über die Geldmenge auf – und zwar nicht nur die Kontrolle über die Basisgeldmenge, sondern auch die Kontrolle über die Geschäftsbankengeldmenge. Fortan bestimmt die Preisbildung auf den Bondmärkten die Geldmengenvermehrung: Jeder Kauf einer Anleihe durch die Zentralbank erhöht die (Basis)Geldmenge, weil die Zentralbank ja den Bondkauf mit sprichwörtlich „aus dem Nichts“ geschaffenem neuen (Basis)Geld bezahlt.

Wenn die Zentralbank Staatsanleihen von Geschäftsbanken kauft, kommt es „nur“ zu einer Erhöhung der Überschussreserven im Bankensektor. Und solange Banken diese Reserven nicht dazu verwenden, neue Kredite zu vergeben oder andere Vermögensgegenstände zu erwerben (Häuser, Aktien etc.), bleibt die Geschäftsbankengeldmenge unverändert.

Kauft die EZB jedoch die Wertpapiere von Nichtbanken (Versicherungen, Pensionsfonds etc.), so überweist sie den Kaufpreis direkt auf die Konten der Verkäufer, die bei Geschäftsbanken gehalten werden. Durch diese Überweisung steigen dann sowohl die Überschussreserven der Banken als auch die Geschäftsbankengeldmengen (M1, M2 und M3); und damit wäre die Geldentwertung programmiert.

Für strauchelnde Schuldner ist eine Zinskontrollpolitik verlockend: Sie können sich zu (noch) tief(er)en Zinsen neue Kredite beschaffen. Die Politik des niedrigen Zinses wird sich daher als Verschuldungs- und damit Geldmengenwachstumsbeschleuniger erweisen. Dass eine Zinskontrollpolitik nur gegen „Auflagen“ (oder in der Fachsprache: „Konditionalität“), also gegen Reformerfolge gewährt wird, dürfte sich in der Praxis – wie bisher alle Besserungsgelöbnisse – als leeres Versprechen erweisen.

Wenn Investoren fürchten (müssen), dass der EZB-Rat immer mehr Bonds kauft und dadurch immer mehr Geld in Umlauf bringt, sinkt natürlich auch der „Fair Value“ der noch ausstehenden Bonds. Investoren werden dann ihre Bonds verkaufen wollen. Dadurch nimmt das Angebot auf dem Bondmarkt zu, die Kurse sinken und die EZB ist gezwungen, noch mehr Bonds aufzukaufen und noch mehr Geld in Umlauf zu bringen.

Die Durchsetzung der Zinskontrollpolitik in einigen Bondmarktsegmenten (wie den Märkten für spanische und italienische Bonds) wird Verwerfungen in anderen Marktsegmenten auslösen. Sehen Investoren zum Beispiel die Gefahr, dass die Marktinterventionen der EZB Inflation heraufbeschwören, so werden sie sich gegen den drohenden Wertverlust schützen wollen. Dazu müssen sie Anleihen verkaufen, die noch der freien Preisbildung unterliegen. So könnte es bei deutschen und französischen Anleihen zu Verkaufsdruck und Zinsauftrieb kommen. Denkbar sind natürlich auch ein „Ausverkauf“ und ein Zinsauftrieb bei Bank- und Unternehmensanleihen.

Auch hier würde über kurz oder lang das politische Verlangen laut, diese Zinsen ebenfalls künstlich niedrig zu halten, um Wachstum und Beschäftigung zu fördern. Es käme zu einer Interventionsspirale: Wie ein Tintenfleck breitet sich die ursprüngliche Intervention auf andere Marktsegmente aus – bis der gesamte Zinsmarkt von der EZB manipuliert und kontrolliert wird.

Es kann so eine Dynamik entstehen, bei der die EZB entscheiden muss, mit den Bondkäufen aufzuhören (und damit die Pleite von Staaten hinzunehmen) oder aber weiterzukaufen, was sogar in eine Hyperinflation münden kann.

Die Manipulierung und Kontrolle der Marktzinsen zieht große volkswirtschaftliche Schäden nach sich. Die volkswirtschaftliche Produktions- und Beschäftigungsstruktur wird fehlgelenkt, Wirtschaftskrisen sind programmiert. Vor allem aber schädigen die negativen Renditen Sparen und Investieren und damit auch die Kapitalbildung, und das wird absehbar den künftigen Lebensstandard schmälern.

Eine Zinskontrollpolitik ist durch und durch destruktiv, sie schadet vielen und nützt nur wenigen. Sie wird die Finanz- und Wirtschaftskrise im Euroraum, die im Kern den Zerfall der Euro-Papiergeldunordnung markiert, auch nicht lösen. Der EZB-Rat wird mit einer Zinskontrollpolitik den Schaden nur noch weiter in die Höhe treiben: Er schickt der absehbaren Rezession-Depression nun noch die Geldwertzerstörung voraus.

Prof. Dr. Thorsten Polleit ist Chefökonom der Degussa und Honorarprofessor an der Frankfurt School of Finance. Er ist Adjunct Scholar am Ludwig von Mises Institute, Auburn, Alabama, und Mitglied der Friedrich August von Hayek Gesellschaft. In 2012 erhielt er den O.P. Alford III Prize in Libertarian Scholarship. Website: www.thorsten-polleit.com