Kleine Länder, kleine Sorgen

Der „Länderindex Familienunternehmen“ ist ein Kompass für Investitionsentscheidungen, die das Entstehen neuer Arbeitsplätze begünstigen. Die Sieger überraschen

Von Brun-Hagen Hennerkes

31.01.2013 – DER HAUPTSTADTBRIEF 113

Wer den „Länderindex Familienunternehmen“ in seiner ersten Auflage 2006 aufmerksam studiert hat, der hätte gewarnt sein müssen: Südeuropa ist für Familienunternehmen ein schwieriges Umfeld. Italien und Spanien rangierten damals im hinteren Feld der 18 untersuchten Länder, heute sind beide klare Schlusslichter, was ihre Attraktivität für Investitionen angeht. Nicht wenige Unternehmer haben sich daher von dort zurückgezogen. Die größten Schwächen dieser Region sind Überregulierung, mangelnder Gläubigerschutz und schwaches Rating. Das sind aber keinesfalls alle Schwächen.

Mit dem Länderindex bietet die Stiftung Familienunternehmen schon zum vierten Mal einen Kompass für den Unternehmer. Welche Standorte in Europa und den USA bieten besonders gute Voraussetzungen, und wo lohnt es sich, neue Arbeitsplätze aufzubauen? Damit bietet der Index auch den Regierungen eine wichtige Messlatte für industriepolitische Entscheidungen. Gleichzeitig dokumentiert die 300-seitige Untersuchung eine Vielzahl relevanter Detailinformationen und unterstützt damit global agierende Familienunternehmen bei ihren Investitionsentscheidungen.

An Anziehungskraft deutlich verloren hat das einst viel gepriesene angelsächsische Modell. Gegenüber 2006 ist Großbritannien, damals noch Spitzenreiter, um drei Plätze zurückgefallen, die USA sogar um vier. Familienunternehmen engagieren sich im Ausland in aller Regel unter einer Langfrist-Perspektive. Unter diesem Aspekt bieten derzeit überraschenderweise die Schweiz sowie Dänemark und Finnland die besten Bedingungen. Gerade die Schweiz! Ein Hochlohn- und Hochpreisland, noch nicht einmal Mitglied in EU und Eurozone. Das straft alle Propheten Lügen, die für das „Immer Größer“ und „Immer Gleicher“ werben.

Alle drei Länder haben jeweils weniger als acht Millionen Einwohner. Damit spielen sie im europäischen Größenvergleich eher in der Regionalliga. Und darin liegt genau ihre Stärke. Sie sind, soweit es um die Voraussetzungen für wirtschaftliches Wachstum geht, eben wendiger als andere und bieten den Unternehmen nicht nur bessere Voraussetzungen für Kapital- und Gewinnzuwachs, sondern auch – und das ist sehr wichtig – größeren Raum für freie Gestaltung und Entwicklung.

Vor dem Erscheinen der ersten Ausgabe des Index im Jahre 2006 wurde eine Vielzahl von Familienunternehmen danach befragt, welchen Aspekten sie für ihre Investitionsentscheidung ein besonderes Gewicht zumessen. Fünf Bereiche wurden genannt: „Steuern“, „Arbeitskosten, Produktivität, Humankapital“, „Regulierung“, „Finanzierung“ und „Öffentliche Infrastruktur“. So schneidet Deutschland im Vergleich zu Finnland in allen fünf Bereichen schlechter ab. Gegenüber Dänemark weist es immerhin in zwei Punkten, nämlich bei Steuern und Finanzierung, ein vergleichbares Niveau auf. Beim Faktor Energie wiederum punkten alle, Deutschland ebenso wie auch die Gruppenbesten, ähnlich schwach.

Um Missverständnisse zu vermeiden: Deutschland ist nach dem Ergebnis der Studie kein schlechter Standort, es gilt in der Öffentlichkeit zu Recht als Konjunkturlokomotive des Kontinents. Dazu haben viele große deutsche Familienunternehmen maßgeblich beigetragen, sie haben ihren Umsatz gesteigert und neue Arbeitsplätze geschaffen. Aus der Perspektive der Familienunternehmen gibt es keinen Anlass zur Selbstzufriedenheit. Der Länderindex bewertet, wie sehr sich Investitionen lohnen, und gibt damit auch einen Ausblick auf künftige Entwicklungen. Im Kontrast zu anderen Ländern erweist sich die ökonomische Robustheit Deutschlands, die viele so bewundern, oft nur als „gefühlte Stärke“.

Nach der Studie kann Deutschland sich gerade noch im Mittelfeld platzieren. Es ist damit einer Reihe von konkurrierenden EU-Ländern klar unterlegen. Weil der Länderindex nicht auf bloßen Einschätzungen und Vermutungen, sondern auf geprüften Zahlen beruht, müssen wir dies ernst nehmen.

Dabei sind Defizite des Standorts Deutschland im Einzelnen deutlich: Besonders negativ fallen die Regulierungsdichte sowie die vergleichsweise hohen Arbeitskosten ins Gewicht. Auch das komplexe Steuersystem belastet die Unternehmen. So benötigt ein Familienunternehmen mittlerer Größe zur Bearbeitung seiner steuerlichen Angelegenheiten hierzulande jährlich etwa 221 Arbeitsstunden – den Aufwand des externen Steuerberaters nicht mitgerechnet. Und diese Situation wird leider keinesfalls besser. Vor zwei Jahren waren es nur knapp 200 Stunden. In der Schweiz (Beispielkanton Zürich), dem Sieger-Land des Länderindex, kommt man mit 63 Stunden aus.

Der Standort Deutschland hat sich seit dem ersten Länderindex von vor sechs Jahren kaum verbessert. Die Nachbarstaaten haben uns zum Beispiel auf dem wichtigen Feld der Steuern weit überholt. Nur wenige verlangen von ihren Unternehmen mehr als wir: Die Belastung in Deutschland ist trotz der Unternehmenssteuerreform 2008 kontinuierlich gestiegen. So wurden etwa die durchschnittlichen Hebesätze für die Gewerbe- und die Grundsteuer vielfach massiv angehoben. Als Fazit rangiert Deutschland im Bereich Steuern nur auf Platz 13 von 18 untersuchten Ländern.

Auch die Erbschaftsteuerbelastung erweist sich bei uns im internationalen Vergleich betrachtet als überdurchschnittlich hoch. Sieben Länder – Luxemburg, Österreich, Schweden, Schweiz, die Slowakische Republik und die Tschechische Republik – verzichten ganz darauf. Andere gewähren weitgehende Steuerfreiheit für nahe Verwandte wie z. B. die Ehegatten oder die Kinder.

Damit bleibt die Erbschaftsteuer für das deutsche Familienunternehmen ein gravierender Standortnachteil: Seit der Bundesfinanzhof in einer Vorlage an das Bundesverfassungsgericht die Verschonung des Betriebsvermögens in Frage stellt, hat dieses Problem an Dramatik zugenommen. Da mit einer Entscheidung aus Karlsruhe wohl nicht vor 2015 zu rechnen ist, besteht bis dahin eine große Unsicherheit, die eine schnelle Übergabe des Unternehmens an die nächste Generation gefährdet.

Neu aufgekommene politische Forderungen nach einer Verschärfung der Erbschaftsteuer und einer Wiederbelebung der Vermögensteuer treffen derzeit in der Öffentlichkeit auf offene Ohren. Der Länderindex zeigt, wie sehr solche Belastungen Deutschland als Industriestandort nach unten ziehen würden. So rutschte Spanien um fünf Plätze im Gesamtranking ab, nachdem dort eine Vermögensabgabe eingeführt worden war. Auch Irland verlor im Vergleich zu 2010 im Ranking fünf Plätze. Das von der Finanz- und Bankenkrise geschüttelte Land hatte einen Zuschlag auf die Einkommensteuer erhoben und gleichzeitig die Abgeltungsteuer auf Zinsen sowie die Erbschaftsteuer drastisch erhöht.

Konzerne im anonymen Streubesitz können solche Entwicklungen in aller Ruhe von der Zuschauertribüne aus verfolgen, betroffen sind nicht sie selbst, sondern nur ihre Anteilseigner. Beim Familienunternehmen dagegen geht es sofort um eine Verminderung des Eigenkapitals sowie des für Investitionen zur Verfügung stehenden Gewinns und damit um einen Verlust an Wettbewerbsfähigkeit.

Prof. Dr. Dr. h.c. Brun-Hagen Hennerkes ist Gründer und Vorstand der Stiftung Familienunternehmen. Für den HAUPTSTATDBRIEF stellt er die Ergebnisse der Studie „Länderindex Familienunternehmen“ vor, die das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim zum vierten Mal für die Stiftung erarbeitet hat.