Zypern oder Das Ende der Europhorie

dieter hanitzsch

Zypern könnte eine Wendemarke sein: Es zeigt, dass die Krise des Euro keineswegs beruhigt ist. Vielmehr ist es der Beginn einer Auflösungsdebatte, weil Wut und Ärger aller längst die Glücksgefühle der Europhorie überlagern

Von Roland Tichy – DER HAUPTSTADTBRIEF 114

20.03.2013 – DER HAUPTSTADTBRIEF 114

Und wieder rettet Europa, diesmal Zypern. Und wieder ist es eine Rettung, die nur Ärger und Wut, statt Erleichterung und Dankbarkeit hinterlässt.

Ärger bei den Rettern; denn erneut ist es eine Mischung aus Gier, Versagen und Unverschämtheit, die Zypern erst zu einem Hafen für Schwarzgeld und Steuerhinterziehung gemacht hat, der sich jetzt mit rund 14 000 Euro pro Kopf der 760 000 Einwohner gnädig retten lässt.

Wut bei der zypriotischen Bevölkerung, die einen Anteil am Hilfspaket schultern muss; erstmals werden bekanntlich Bankkunden mit einer Einmalsteuer belastet. Sie beträgt 6,75 Prozent der Einlagensumme bei unter 100 000 Euro Guthaben und 9,9 Prozent bei Beträgen jenseits dieser Grenze.

Gerechtigkeit hängt ja bekanntlich vom Standpunkt des Betrachters ab. Man könnte es ja auch so sehen, dass Europa die Einlagen der zypriotischen Sparer, aber auch der Fluchtgeldanleger aus Griechenland und Deutschland, die Anlagen britischer Hedgefonds und russischer Oligarchen gerettet hat, denn immerhin ist es die Überschuldung der zypriotischen Banken, die die Hilfsaktion erst ausgelöst hat.

Ohne die Hilfe Europas wären diese Banken bankrott, die Einlagen aller Beteiligten wie die Aktien der Banken und ihre Anleihen also weitgehend verloren gewesen. Man kann das erleichterte Aufatmen russischer Oligarchen geradezu hören – ihre Wette ist aufgegangen. Europa hat nach einer kurzen Zitterpartie wieder getan, was beispielsweise der für seine Gier und Skrupellosigkeit hoch gerühmte Hedgefonds-Spekulant George Soros immer wieder fordert: Europa muss die Finanzsysteme der Krisenländer stabilisieren, koste es, was es wolle. Aber die stille Freude der Oligarchen und der Investoren vom Schlage Soros teilt sich nicht öffentlich mit; sichtbar wird nur die hilflose Wut der Kleinsparer vor den blockierten Geldautomaten.

Damit ist das kleine Zypern ein großes Lehrstück der Euro-Retterei. Dem letzten wird klar, dass mit der Euro-Einführung und den Rettungsaktionen die wirtschaftliche Verantwortung abgewälzt wurde. Nicht mehr die jeweiligen Schuldenmacher sind es, sondern der Euro und insbesondere die vermeintlichen Ratgeber dahinter, die Deutschen. Es ist das Ende einer euphorischen Phase, in der der Euro allein durch seine Einführung eine Wohlstandsillusion auslöste, die vorübergehend auch Wirklichkeit wurde – durch kreditfinanzierten Staatskonsum in Griechenland, mit Hilfe einer Kreditblase in Irland, Spanien und Zypern.

In allen Fällen wurde der Euro nach seiner Einführung als das große Wohlstandsversprechen verstanden, und dieses Versprechen wurde mit überbordender Verschuldung eingelöst – in Italien erleichterten die fallenden Zinsen zumindest die Fortführung der Schuldenstrategie. Was jetzt passiert, ist nichts anderes, als dass wenigstens ein Teil der Schulden der Vergangenheit bezahlt werden muss und dass in Zukunft Lebensstandard und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit wieder angepasst werden müssen – das goldene Jahrzehnt der Europhorie ist vorbei. Das ist übrigens keine Aufgabenstellung für Volkswirtschaftsprofessoren – es reicht das Kücheneinmaleins dafür aus, um zu erkennen, dass die letzten prosperierenden Staaten der Eurozone nicht in der Lage sind, den auf den Hoffnungswerten der Europhorie beruhenden Lebensstandard zu finanzieren. Sie sind es nicht.

Die eigentliche Frage ist, was in den Staaten des europäischen Armutsgürtels geschieht. Wenn aber der Euro nicht der Wohlstandsmotor mit Automatikgetriebe ist, für den er gehalten wurde, vielmehr für die schwächeren Staaten sogar eine Verarmungsmaschine ist, was dann?

Und eine Verarmungsmaschine ist er, wenn man bedenkt, dass die früheren nationalen Währungen durch Inflationierung und Abwertung des Außenwertes gleichermaßen unmerklich die Schulden reduziert wie auch die Exportfähigkeit der im globalen Maßstab schwachen Industrien wieder gestärkt haben. Der Euro verliert seinen Charme; statt höheren Wohlstand zu verteilen, fällt den Regierungen nur die undankbare Aufgabe zu, die Haushalte zu konsolidieren und Arbeitslosigkeit zu verwalten oder ebenso unbeliebte Reformen durchzusetzen.

Bei kleineren Ländern fällt die Antwort anders aus als bei großen: Zypern, Portugal und Griechenland wissen, dass das Volumen der Eurohilfen aus dem Europäischen Stabilitätsmechanismus, ESM, und anderen Töpfen groß genug ist, um stattliche Rettungspakete in diese Länder fließen zu lassen. Große Länder wie Italien machen die Rechnung anders auf: Sie sind zu groß, um gerettet zu werden. Den Nachteilen des Euro, wie es sich ihnen in Form der schleichenden Deindustrialisierung darstellt, stehen nach dem Ende der Europhorie somit kaum Vorteile in Form von Rettungspaketen gegenüber.

Zypern könnte damit eine Wendemarke sein: Es zeigt, dass die Krise des Euro keineswegs beruhigt ist, wie manche Glauben machen wollen. Vielmehr ist es der Beginn einer Auflösungsdebatte, weil Wut und Ärger aller längst die vorübergehenden Glücksgefühle der Europhorie überlagern.

Roland Tichy ist Chefredakteur des Magazins Wirtschaftswoche. Der studierte Volkswirt war in den 1980-er Jahren Mitarbeiter im Planungsstab des Bundeskanzleramtes, 2008 erhielt er den Ludwig-Erhard-Preis für Wirtschaftspublizistik. Für den HAUPTSTADTBRIEF analysiert er die Umstände und Auswirkungen die Zypern-Rettung.