Energiewende? Nur ein Prozent der Deutschen verbindet damit Positives

So viel Entfremdung war nie: Seit der „Energiewende“ kletterte der Anteil der mit der Politik Unzufriedenen auf die neue Rekordmarke von 35 Prozent

Von Manfred Güllner

20.03.2013 – DER HAUPTSTADTBRIEF 114

Die nach dem Reaktorunfall von Fukushima von der Bundesregierung vollzogene und von allen Parteien befürwortete abrupte Kehrtwende in der Energiepolitik wurde nicht zuletzt damit begründet, dass dies der unbedingte Wille des „Volkes“ sei.

fotolia/vrd

Grün ist der Glaube, rau die Realität: 74 Prozent aller Bürger halten es für sehr wichtig, dass Energie für alle bezahlbar bleibt. 64 Prozent halten für sehr wichtig, dass die Politik für eine sichere und zuverlässige Versorgung mit Energie sorgt. Dass die Energie umweltschonend erzeugt werden soll, halten nur 44 Prozent für sehr wichtig.

Nun ist zwar richtig, dass – allerdings nicht erst seit Fukushima, sondern schon seit dem Reaktorunglück von Tschernobyl vor fast drei Jahrzehnten – eine Mehrheit der Deutschen auf die Kernenergie generell verzichten wollte und Wind und Sonne als Energieart eine hohe Akzeptanz hatten. Doch ein wirklich drängendes Problem war der Atomausstieg für die große Mehrheit der Menschen nie – auch nicht unmittelbar nach Fukushima. (Das zudem von den Menschen – anders als von Politik und Medien dargestellt – nicht als isolierter Reaktorunfall, sondern als Folge der großen Naturkatastrophe in Japan gesehen wurde.)

Heute hält nur ein einziges Prozent aller Bürger den schnellen Ausstieg aus der Kernenergie für wichtig. Und dass der Energiebedarf in Deutschland alleine durch die erneuerbaren Energien gedeckt werden könne, glaubte selbst unmittelbar nach Fukushima nur eine Minderheit von 39 Prozent aller Bundesbürger. Zwei Jahre nach der beschlossenen Energiewende ist dieser Anteil auf ganze 9 Prozent geschrumpft.

Die Energiewende ist schon im Frühjahr 2011 von der Mehrheit der Bürger in Deutschland als in dieser Form nicht notwendig erachtet worden. Schließlich glaubten trotz der von den Medien verbreiteten Horror-Szenarien nach Fukushima mehr als 60 Prozent, dass die deutschen Kernkraftwerke sicher und nicht gefährdet seien. Die Energiewende wurde insofern als eher unüberlegte und hysterische Reaktion gewertet und überdies als wenig glaubhaft und – vor dem Hintergrund der anstehenden Landtagswahlen – opportunistisch gebrandmarkt.

Insofern ging auch die Hoffnung mancher politischer Akteure nicht auf, die vollzogene Kehrtwende in der Energiepolitik würde von den Menschen mit Wohlwollen bedacht. Das Gegenteil traf ein: Die CDU verlor nicht nur die Landtagswahl in Baden-Württemberg (und ermöglichte damit einem Vertreter der grünen Bewegung, das Amt eines Ministerpräsidenten zu übernehmen), sondern büßte auch bundesweit erheblich an Vertrauen ein. Der CDU/CSU-Präferenzwert fiel nach der beschlossenen Energiewende von 36 um 6 Prozentpunkte auf 30 Prozent. Selbst die Kanzlerin büßte in erheblichem Maße ihre Glaubwürdigkeit ein und fiel bei der Kanzlerpräferenz zum ersten Mal seit Amtsübernahme 2005 unter die 40-Prozent-Marke. Generell kletterte der Anteil der mit der Politik Unzufriedenen, der 1994 nur bei 10 Prozent gelegen hatte, auf eine neue Rekordmarke von 35 Prozent.

Zwei Jahre nach der vollzogenen abrupten Kehrtwende in der Energiepolitik wird der Begriff „Energiewende“ – anders als von Politik und vielen Medien – von der überwiegenden Mehrheit der Bürger nicht als etwas Positives gesehen. Fragt man heute die Menschen in Deutschland, was ihnen zum Begriff „Energiewende“ einfalle, dann hat nur ein Prozent (!) irgendwelche positiven Assoziationen. Negative Assoziationen aber verknüpft fast die Hälfte aller Deutschen mit diesem Begriff (der Rest denkt bei Energiewende lediglich wertfrei an erneuerbare Energien ganz allgemein).

Die Mehrheit der Bürger teilt auch nicht die euphorischen Erwartungen von Politik und Medien an die Energiewende. Nur ein Viertel aller Bundesbürger glaubt an das Versprechen, durch die Energiewende würden mehr Arbeitsplätze als heute geschaffen. Drei Viertel aber rechnen nicht damit und glauben auch nicht, dass von der Energiewende neue ökonomische Wachstumsimpulse ausgehen. Und nur noch knapp die Hälfte aller Bürger hält die Förderung von Sonnen- und Windenergie für gerechtfertigt.

Diese eher kritische Einschätzung aller Bürger entspricht im übrigen auch der der deutschen Unternehmer, von denen die Mehrheit (62 Prozent) die vollzogene Wende für zu schnell, zu unüberlegt und nicht notwendig hält. 66 Prozent der deutschen Unternehmer glauben auch nicht an ein Gelingen der Energiewende. Mit höheren Kosten für ihr Unternehmen rechnen hingegen alle Unternehmer in Deutschland (80 Prozent sogar mit stark steigenden Kosten).

Was die Menschen in Deutschland wirklich umtreibt, ist die Frage, ob es auch in Zukunft genug und bezahlbare Energie für die Haushalte und die Wirtschaft gibt. 74 Prozent aller Bürger halten es für sehr wichtig, dass Energie für alle bezahlbar bleibt. 64 Prozent halten für sehr wichtig, dass die Politik für eine sichere und zuverlässige Versorgung mit Energie garantiert. Dass die Energie umweltschonend erzeugt werden soll, halten dagegen lediglich 44 Prozent für sehr wichtig.

Prof. Manfred Güllner ist Gründer und Geschäftsführer des Meinungsforschungsinstituts forsa, aus dessen Dienst „Aktuelle Parteipräferenzen“ der HAUPTSTADTBRIEF regelmäßig zitiert. Ende 2012 erschien sein Buch „Die Grünen. Höhenflug oder Abstieg?“ Für den HAUPTSTADTBRIEF 114 analysiert er aktuelle Umfragewerte für die „Energiewende“.