Aus der Krise lernen heißt, das Bankwesen zu verstehen – und zu verändern

Bankkunden glauben, das Geld auf ihren Konten gehöre ihnen. Rechtlich gehört es aber der Bank. Es ist fatal, dass die Kunden das nicht wissen

Von Philipp Bagus – DER HAUPTSTADTBRIEF 115

08.05.2013

Der Fall Zypern sorgte für Wellen der Empörung. Kontoinhaber in der Eurozone zeigten sich irritiert. Wie ist der Zypern-Deal einzuordnen – und wie sieht eine „ideale Bankenrettung“ aus? Das ist eine wichtige Frage; denn viele Peripheriebanken treiben nur noch dank Liquiditätszufuhr durch die Europäische Zentralbank (EZB) an der Oberfläche. Gleichzeitig sind die Banken so hoch verschuldet, dass etwaige Rekapitalisierungen kaum von den Steuerzahlern zu schultern sind (siehe HAUPTSTADTBRIEF 112, Seite 4).

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Viele Bankkunden glauben, das Geld auf ihren Konten gehöre ihnen. Rechtlich gehört das Geld aber der Bank, es ist ein Kredit. Deshalb sind Sichteinlagen nicht sicher, und Geld lässt sich nicht immer abheben.

Wenn die Verbindlichkeiten einer Bank ihre Vermögenswerte übersteigen, ist sie insolvent. Eine insolvente Bank möchte niemand finanzieren. Ohne EZB-Hilfe muss sie ihre Zahlungen einstellen. In Zypern hatten die Banken Investoren mit hohen Verzinsungen gelockt und das Geld unter anderem in hochriskante griechische Staatsanleihen investiert. Spätestens seit dem griechischen Schuldenschnitt im März 2012 waren Zyperns Banken insolvent.

Bei Bankinsolvenzen gibt es grundsätzlich drei Optionen.

  • Erstens kann der Steuerzahler in einem „Bail-out“ die Bank retten; so geschehen in Spanien, wo der Staat mit Hilfsgeldern vom Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) Banken rekapitalisiert. Als Folge erhöht sich die spanische Staatsschuld um bis zu 100 Milliarden Euro. Wer diese Schuldenlast am Ende trägt, ist noch offen. Durch Schuldenschnitt oder Inflation wird es wohl auch die Deutschen treffen.

    Die Privatisierung der Bankgewinne und Sozialisierung ihrer Verluste durch „Bail-outs“ hat mit Marktwirtschaft wenig zu tun. In Boomzeiten fließen die Gewinne in die Taschen der Banken. In der von der Bankenkreditexpansion verursachten Krise kommen diese jedoch mit einem blauen Auge davon – der (europäische) Steuerzahler zahlt. Wer sich nicht für sein Handeln zu verantworten hat, handelt verantwortungslos. Das Finanzsystem verkommt zum Kasino.
  • Zweitens kann man die Bank liquidieren. Der Konkursverwalter verkauft die Bankaktiva und schüttet die Erlöse an die Gläubiger nach der Insolvenzquote aus. Dieses Modell bietet sich vor allem für Banken an, deren Geschäftsmodell langfristig nicht tragfähig ist. Der Nachteil liegt darin, dass man die Aktiva möglicherweise in einen deprimierten Markt hinein verkauft und nur sehr geringe Preise erzielt. Die Verluste für Bankgläubiger können enorm sein. Die Aktionäre gehen leer aus.
  • Als dritte Möglichkeit bietet sich eine Gläubigerbeteiligung an. Hier wird die Bank nicht durch auswärtige Steuerzahler, sondern von Bankgläubigern gerettet, die zu Aktionären werden; daher wird diese Option auch als „Bail-in“ bezeichnet. In der realen Privatwirtschaft werden durch Gläubigerbeteiligungen häufig überschuldete Unternehmen gerettet, was bei tragfähigen Geschäftsmodellen Sinn macht. Daher einigen sich Gläubiger und Eigentümer oft freiwillig auf einen solchen Schritt. Indem Schulden in Eigenkapital umgewandelt werden, schrumpft die Schuldenlast und wächst im Gleichschritt das Eigenkapital. Ohne einen Euro vom Steuerzahler rekapitalisiert sich das Unternehmen.

Was im Nichtfinanzsektor freiwillig geschieht und gang und gäbe ist, ist für Finanzinstitute praktisch ausgeschlossen. Denn unser teilgedecktes Bankensystem ist inhärent illiquide. Es verschuldet sich kurzfristig, um langfristig zu investieren. Wird eine Gläubigerbeteiligung verhandelt oder nur angekündigt, ist ein Bankenansturm nicht weit. Die Gläubiger würden massenhaft Gelder aus der Bank abziehen. Praktisch ist somit eine Gläubigerbeteiligung in unserem Finanzsystem nur möglich, wenn sie der Staat durch einen Handstreich durchsetzt – wie in Zypern geschehen.

Wie sieht nun eine solche Gläubigerbeteiligung im Detail aus? Zunächst verlieren die Alt-Aktionäre alles. Ihr Unternehmen ist schließlich pleite. Als erste erhalten dann die nachrangigen Anleiheninhaber für ihre Anleihen Aktien. Nachrangige Anleihen sind im Falle einer Insolvenz des Schuldners gegenüber anderen Gläubigern benachteiligt. Sie sind dafür in der Regel höher verzinst. Inhaber nachrangiger Anleihen haben langfristig in die Bank investiert und tragen jetzt eine Teillast der Verluste. Nach den nachrangigen Anleihen werden auch die erstrangigen Anleihen in Aktien umgewandelt.

Reicht das immer noch nicht aus, um die Bank zu rekapitalisieren, trifft es dann die Eigentümer von Termineinlagen, die der Bank mittelfristig Geld geliehen haben. Generell wird nach Laufzeit unterschieden. Zunächst werden aus langfristigen, dann aus kurzfristigen Gläubigern Aktionäre. Im Normalfall sollten ein Totalverlust für Alt-Aktionäre und die Umwandlung von Anleihen und Termineinlagen in Aktien die Bank rekapitalisieren. Nur wenn all das nicht reicht, erst dann wären die Eigentümer von Sichteinlagen als letzte an der Reihe. Denn die Einleger wollen ja nicht in die Bank investieren und ihr einen Kredit geben, sondern lediglich ihr Geld sicher aufbewahrt wissen.

Der Zyperndeal enthält Komponenten aller drei Optionen:

  • Es fließen 10 Milliarden Euro an europäischen Hilfsgeldern nach Zypern, also Mittel, für die deutsche und andere Steuerzahler aus der Eurozone gerade stehen, um die Folgen der Bankenrestrukturierung abzufedern.
  • Die Laikibank, die marodere der beiden Großbanken, wird abgewickelt, ihre Vermögenswerte werden verkauft und die Erlöse an die Gläubiger ausbezahlt, die mit hohen Verlusten zu rechnen haben.
  • Bei der Bank of Cyprus werden die Gläubiger zur Rekapitalisierung herangezogen. Einleger bis 100 000 Euro werden gerettet.

Der Plan ist für vieles kritisierbar. Er beinhaltet einen Teilbailout, Kapitalkontrollen und weicht in vielen Details von dem obigen Idealschema ab. Kurioserweise ist der Plan oft für seine gute Komponente kritisiert worden: die Gläubigerbeteiligung.

Die Gläubigerbeteiligung rekapitalisiert Banken, ohne die Steuerzahler einen einzigen Euro zu kosten. Banken müssen nicht gerettet werden, sondern das marktwirtschaftliche Haftungsprinzip wird eingeführt: Verluste werden privatisiert. Banken werden sich in Zukunft vermehrt durch Eigen- und Quasieigenkapital sowie durch Pfandbriefe finanzieren müssen. Investoren werden genauer auf die Geschäft der Banken schauen, denen sie ihr Geld leihen. Um Kunden anzulocken, werden Banken vorsichtiger investieren müssen. Sie können seit Zypern nicht mehr damit rechnen, von den Steuerzahlern gerettet zu werden. Wer, haben die Bankkunden in Zypern eigentlich gedacht, garantiere ihre Einlagen unbegrenzt? Die Deutschen?

Der langfristig größte Vorteil des Zypern-Debakels ist, dass es den Blick auf das größte Wirtschaftsproblem unserer Zeit lenkt. Banken müssen das Geld, das Kunden bei ihnen einzahlen, nicht aufbewahren. Sie müssen nur eine Teildeckung auf Sichteinlagen als Reserve vorhalten. Sie können Geld aus dem Nichts schaffen, indem sie neue Kredite vergeben und im Computer auf Konten gutschreiben. Künstliche Aufschwünge, Fehlinvestitionen, Blasen und überdehnte Wohlfahrtsstaaten sind die Folge.

Die zügellose Geldexpansion bedeutet normalerweise auch eine Umverteilung von der Unter- und Mittelschicht zu den Superreichen. Die Bankkunden sind sich des Missbrauchs ihres Geldes größtenteils nicht bewusst. Eine Umfrage des Cobden Centre ergab, dass 74 Prozent der Briten glauben, das Geld auf ihren Konten gehöre ihnen. Rechtlich gehört das Geld aber der Bank, es ist ein Kredit. Es ist fatal, dass die Bankkunden das nicht wissen. Es ist naiv, dass sie glauben, ihre Sichteinlagen seien sicher und sie könnten ihr Geld immer abheben. Bei einer Teildeckung ist das niemals gegeben. Das System beruht auf diesem blinden Vertrauen in Banken und Regierungen. Zypern war ein Weckruf, bei dem sich Europas Kontoinhaber die Augen rieben. Diese Erfahrung könnte zu einem Anstoß werden, um das Urproblem unseres Bankensystems zu beheben.

Prof. Dr. Philipp Bagus lehrt Volkswirtschaft an der Universidad Rey Juan Carlos in Madrid. Der Geld- und Konjunkturtheoretiker ist Autor der Studie Die Tragödie des Euro. Ein System zerstört sich selbst (FinanzBuch Verlag). Für den HAUPTSTADTBRIEF zieht er Lehren aus dem Zypern-Debakel.