Der Leitzins sinkt, die Inflation steigt

Das Anwerfen der elektronischen Notenpresse erscheint den Regierungen als die Politik des kleinsten Übels. Die Europäische Zentralbank senkt den Leitzins auf 0,5 Prozent. Der Preis dafür ist Geldentwertung

Von Thorsten Polleit – DER HAUPTSTADTBRIEF 115

08.05.2013

Die „Kreditkrise“ – die Sorge vor der Zahlungsunfähigkeit von Staaten und Banken – scheint beendet zu sein. Die Zentralbanken stellen sicher, dass kein großer Staats- und Bankschuldner mehr zahlungsunfähig wird. Diese Botschaft haben sie unmissverständlich an die Finanzmärkte übermittelt, und die Botschaft ist überzeugend: Schließlich haben Zentralbanken das Monopol der Geldproduktion. Sie können, wenn es politisch gewollt ist, die Geldmenge jederzeit in jeder beliebigen Menge ausweiten und jeden Schuldner durch neu geschaffenes Geld vor der Illiquidität bewahren. Zentralbanken können auch die Marktzinsen mehr oder weniger perfekt kontrollieren. Das ist auch der Grund, warum mittlerweile nicht nur die kurzfristigen, sondern auch die langfristigen Zinsen wieder auf Rekordtiefständen angelangt sind; und warum auch viele „schlechte“ Schuldner wieder problemlos Zugang zu billigem Kredit haben.

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Wie aus einem Füllhorn hat die Europäische Zentralbank billiges Geld ausgeschüttet. Tiefe Zinsen und ein Ausweiten der Geldmenge schädigen im Ergebnis Sparer und Versicherte durch Geldentwertung.

In allen weltweit bedeutenden Währungsräumen wird geldpolitisch so verfahren – ob in den Vereinigten Staaten von Amerika, in Europa, in der Schweiz und, wie sich nun abzeichnet, auch in Japan. Die Geldpolitiker bekämpfen die Überschuldungskrise von Staaten und Banken mit künstlich tiefen Zinsen und, wenn nötig, dem Anwerfen der elektronischen Notenpresse. Diese Politiken erscheinen Regierungen und ihren Wählern als die Politik des kleinsten Übels – im Vergleich zu Zahlungsausfällen, Schuldenschnitten oder Schuldenrestrukturierungen. Auch die Europäische Zentralbank (EZB) hat sich spätestens unter der Präsidentschaft des Italieners Mario Draghi diesem internationalen „Politikkonsens“ angeschlossen; die Deutsche Bundesbank, die das Ziel der Bewahrung des Geldwertes vermutlich noch vor regierungstreuem Handeln gesetzt hätte, hat ihren Einfluss verloren.

Künstlich tiefe Zinsen und ein Subventionieren strauchelnder Schuldner mit neu geschaffenem Geld werden das Wirtschaftswachstum nicht beleben und die Volkswirtschaften nicht rascher aus ihren Problemen herauswachsen lassen. Im Gegenteil, diese Politiken zementieren und vergrößern aufgelaufene Fehlentwicklungen, sie verhindern marktgerechte Strukturreformen im Unternehmens-, Finanz- und Staatssektor. Das ist umso problematischer, weil es einen „Ausstieg“ aus dieser Geldpolitik auf absehbare Zeit wohl nicht geben wird. Die Volkswirtschaften haben sich längst auf eine Politik der Konkursverschleppung durch tiefe Zinsen und ein Ausweiten der Geldmenge eingerichtet. Würden die aktuellen Politiken beendet und die Zinsen „normalisiert“, so stünde die nächste, noch größere Kreditkrise vor der Tür.

Wenngleich es auch von vielen Ökonomen und Marktkommentatoren verneint wird: Geldentwertung wird die Folge dieser Geldpolitiken sein. Die Geldentwertung kann dabei auf verschiedenen Wegen in Erscheinung treten. Die nominal niedrigen, in inflationsbereinigter Rechnung sogar vielfach negativen Realzinsen könnten früher oder später eine zunehmende Umschichtung von Geld und Geldvermögen in Realkapital – wie Häuser, Grundstücke, Rohstoffe und vor allem Aktien – auslösen und deren Preise ansteigen lassen, also eine „Vermögenspreisinflation“ verursachen, die dann nachfolgend auch die Preise der Lebenshaltung in die Höhe treibt. Die Konsumentenpreise könnten auch direkt ansteigen, indem zum Beispiel Produzenten steigende Inputkosten (vor allem Energie- und Nahrungsmittelkosten) auf die Konsumenten überwälzen. Die späten 70er- und frühen 80er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts – die Jahre der „Stagflation“ – geben reichhaltiges Anschauungsmaterial, wie eine steigende Geldmenge trotz schrumpfender Wirtschaft und steigender Arbeitslosigkeit zu steigender Inflation führte.

Für den Euroraum wäre eine steigende Inflation ganz besonders problematisch. Zum einen verschlechtert Inflation die Allokationsfunktion der Preise, fördert Fehlinvestitionen und schädigt das ohnehin schon schwache Wachstum. Zum anderen begünstigt sie tendenziell wirtschaftlich wenig leistungsfähige Nationen mit relativ geringen Ersparnissen (also die „Peripherie“) gegenüber leistungsfähigen Nationen, die Ersparnisse in der Erwartung des „guten“ Geldes aufgebaut haben (hierzu zählt die Bundesrepublik Deutschland). Inflation würde vermutlich zusätzliche Widerstandskräfte gegen die europäische Integration freisetzen. Dennoch scheint die EZB den Weg in die Inflation beschreiten zu wollen – nicht nur, weil sie den Lockrufen der Regierungen und der Bankwirtschaft Folge leistet, also denjenigen, die von Inflation am meisten profitieren –, sondern vor allem auch, weil die Öffentlichkeit in einer Geldpolitik, die letztlich zur Inflation führt, den leichtesten Weg zur Bewältigung der aktuellen Schwierigkeiten erblickt.

Prof. Dr. Thorsten Polleit ist Chefvolkswirt der Degussa und Honorarprofessor der Frankfurt School of Finance & Management. Er ist auch Präsident des Ludwig von Mises Instituts Deutschland (www.misesde.org). Für den  HAUPTSTADTBRIEF legt er dar, warum Politik und Finanzsektor gleicherweise scharf auf billiges Geld sind.