Die Amerika-Gedenkbibliothek lässt sich an Ort und Stelle verdoppeln

Warum der Standort in der Stadtmitte so wichtig ist und wie wir für die Erweiterung des AGB-Gebäudes vorgesorgt haben

Von Fritz Moser

08.05.2013 – DER HAUPTSTADTBRIEF 115

Seit der Spaltung Berlins entbehrte der freie Teil der Stadt der großen, umfassenden Büchersammlungen. Mit dem ihm innewohnenden Instinkt hatte Ernst Reuter erfasst, dass es mit dem Vorschlag einer Bibliothek etwas Neues zu schaffen galt. Gegen Ende des Jahres 1950 wurde dem damaligen amerikanischen Stadtkommandanten der Vorschlag des Oberbürgermeisters überreicht. Dieser bereits spezifizierte Plan sah vor, dass die Stadt ein ihr gehörendes Grundstück am Halleschen Tor bereitstellte. Die Wahl war auf dieses Gelände gefallen, weil es Erweiterungsmöglichkeiten für die Zukunft bot und vor allem, weil es am südlichen Scheitelpunkt der alten Innenstadt ganz in der Nähe des Ostsektors lag.

zlb – zentral- und landesbibliothek

Die Amerika-Gedenkbibliothek ist Berlins letztes Symbol der deutsch-amerikanischen Freundschaft.

Vom Standpunkt des Städtebauers musste dieser Platz den vorgenannten Bedingungen am besten entsprechen, denn ein Gebäude, das sich hier markant erhob, vermochte den bislang akzentlos auslaufenden Zug der Friedrichstraße am südlichen Scheitelpunkt aufzufangen und damit den Abschluss der City, der alten Friedrichstadt, zu betonen. Diese ausgezeichnete Lage hatte schon vor dem Kriege zu Entwürfen für ein neues Rathaus des Bezirks Kreuzberg an dieser Stelle geführt, die dann jedoch zurückgestellt wurden.

Das Gelände war ausgedehnt genug, um nicht nur künftige Erweiterungen des Gebäudes zuzulassen, sondern auch durch landschaftliche Gestaltung des Platzes eine Atmosphäre zu schaffen, die zum Verweilen einlud. Eine kleine im Nordosten gelegene Geländespitze von 4280 Quadratmetern war noch hinzu zu erwerben und außerdem mussten, wie sich später erwies, verschiedene Restitutionsansprüche geregelt werden. Verkehrstechnisch sprach für diesen Ort, dass er zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung der gespaltenen Stadthälften der künftigen Zentralbibliothek einen von allen Seiten gut erreichbaren Platz verlieh, was vor allem durch den Achsenschnittpunkt des hier in nord-südlicher und ost-westlicher Richtung sich kreuzenden Untergrund- und Hochbahnsystems mit der unmittelbar benachbarten Station „Hallesches Tor“ begünstigt wurde.

Unter dem kulturellen und soziologischen Aspekt bedeutete die Wahl dieses Standortes auch eine deutliche Entscheidung zugunsten der breiten Bevölkerungskreise, denen der Zugang bequem gemacht wurde. Es konnte kaum zweifelhaft sein, dass der eigentliche Heimatbezirk Kreuzberg, der mit 210 400 Einwohnern trotz starker Kriegszerstörungen eine hohe Besiedelungsdichte aufwies, einen erheblichen Nutzen aus dieser Bildungsquelle ziehen würde. Bedingt durch zahlreiche kleine und mittlere Handwerks- und Industriebetriebe, geben die Arbeiterschaft und die große Masse des Mittelstandes der sozialen Struktur das Gepräge, während sich Reste eines früheren gehobenen Bürgerstandes nur noch in vereinzelten Wohnvierteln behaupten. Nicht sehr verschieden hiervon verhält es sich in den Nachbarbezirken Neukölln, Tempelhof und Schöneberg. Als besonders wichtiges Moment kam hinzu, dass das geplante Institut mit seinen liberal gehandhabten Einrichtungen eine starke Anziehungskraft auf die in dem nur 1300 Meter entfernten Ostsektor lebende Bevölkerung auszuüben versprach.

Aus all diesen Erwägungen entschloss sich der Magistrat, dem amerikanischen Stadtkommandanten das Terrain am Halleschen Tor als Bauplatz anzubieten. Es lohnt sich, einen kurzen Blick auf die wichtigsten Grundzüge dieser ersten Planung zu werfen, die den Ausgangspunkt der Überlegungen darstellt und für spätere Betrachtungen manchen aufschlussreichen Vergleich bietet. Da die Spendensumme mit 5 Millionen DM beziffert und ein Baukostenindex von rund 120 DM pro Kubikmeter zugrunde gelegt worden war, ergab sich eine Baumasse von rund 45 000 Kubikmetern. Man kam jedoch bald zu der Erkenntnis, dass das beste Gebäude wenig nützte, wenn es nicht mit einer von Anfang an ausreichenden Zahl von Büchern ausgestattet sein würde. So zweigte man 1 Million DM für Buchanschaffungen ab, was zur Folge hatte, dass der umbaute Raum auf 34 000 Kubikmeter reduziert werden musste.

Das Hauptcharakteristikum des Entwurfs bestand in einem zwölfgeschossigen Magazinturm, der mit seiner schmal aufragenden Front axial genau in der Blickrichtung der Friedrichstraße stand, so dass er schon von der Straße „Unter den Linden“ zu sehen sein musste. In klarer Dreigliederung schlossen sich nach Osten, Westen und Süden niedrigere Flachbauteile an, die eine große Freihandbücherei und eine Gruppe von Lesesälen beherbergen sollten. Die Freihandausleihe war auf 50 000 Bände berechnet und stellte schon damit für den Plan einer deutschen Zentralbibliothek ein Novum dar.

Der Fassungsraum der Büchermagazine war auf 1 Million Bände veranschlagt. Da die genannte Bausumme nur eine teilweise Verwirklichung der Wünsche zuließ, war an eine spätere Aufstockung des Turms und damit des Magazinraumes um 15 000 Kubikmeter sowie einen dreigeschossigen Ausbau der Flügel nach Osten und Süden gedacht. Ohne das zunächst im Rücken gelegene Friedhofsgelände zu berühren, ließ sich eine Vergrößerung des Baues auf insgesamt 70 000 Kubikmeter – also das Doppelte! – erreichen. Der Entwurf wurde von Oberbaurat Ernst Grimmek und Baurat Dipl. Ing. Horst Müller unter Mitwirkung von Bibl.-Rat Carl Löffler und des Verfassers angefertigt.

Bei kritischer Betrachtung muss auffallen, dass die „Anleitungen“ für den Architekten Schwerpunkte enthielten. Der Gedanke der räumlichen Veränderbarkeit (flexibility) kam schon in der Anregung zum Ausdruck: „Da eine Bibliothek wie kaum ein zweites Bauwerk ein lebendiger Organismus ist, muss schon in seiner ersten Gestalt die Möglichkeit späterer Veränderungen und Erweiterungen mitgedacht sein. Die Benutzungs- und Verwaltungsräume sind deshalb möglichst stützenfrei auszubilden, so dass Wandversetzungen und andere räumliche Umgruppierungen jederzeit durchführbar sind. Auch für den Magazinbau ist anzuraten, die Pfosten der Repositorien nicht als Konstruktionselemente zu verwenden, um notwendig werdende Änderungen in der Aufstellung der Gestellreihen zu ermöglichen.“

Mit den auf den vorstehenden Seiten in sehr begrenzter Auswahl behandelten Entwürfen ist der Kreis der wesentlichsten Gedankengänge abgeschritten. So manches, was an Überlegungen darin zum Ausdruck kam, darf auch bei rückschauender Betrachtung ein mehr als nur zeitbedingtes Interesse für sich in Anspruch nehmen.

Die Abwicklung Amerikas in der Berliner Erinnerung

Der Berliner Senat hat sich vorgenommen, die Amerika-Gedenkbibliothek (AGB) zu schließen und an ihrer Stelle für 250 bis 300 Millionen Euro ein neues Gebäude unter einem neuen Namen an einem neuen Standort zu bauen – im Nirgendwo auf dem Tempelhof Feld. Diese Brache war einmal Berlins Flughafen, der die Luftbrücke ermöglichte, mit der Amerikaner und Briten die sowjetische Blockade überwanden. 2008 wurde er abgewickelt, mit ihm verschwanden die legendären Rosinenbomber. Wie vorher schon das Amerika-Haus und die Kongresshalle, der amerikanische Beitrag zur „Interbau“ von 1957, aus der Erinnerungslandschaft der Stadt gelöscht worden waren. DER HAUPTSTADTBRIEF berichtete in den Ausgaben 109, 110 und 112.

Die offizielle Begründung für die Abwicklung der AGB lautet: das Gebäude sei zu klein und ließe sich an dieser Stelle nicht erweitern. Das ist unzutreffend; denn dass das Gebäude bald zu klein sein würde, war den Gründern der AGB von Anfang an klar. Mit der Wahl des Geländes und der Struktur des Gebäudes hatten sie Vorsorge für eine Erweiterung getroffen. Gründungsdirektor Fritz Moser erläutert die Pläne.

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Fritz Moser (Bildmitte) war geistiger Vater und langjähriger Leiter der AGB. Hier zeigt er im Rahmen einer Führung das Modell der Amerika-Gedenkbibliothek.

Der erste Direktor der Amerika-Gedenkbibliothek

Fritz Moser wurde am 18. Januar 1908 in Berlin geboren. Nach dem Abitur 1926 an der Oberrealschule in Berlin-Steglitz studierte er in Berlin und München, konnte jedoch wegen politischer Schwierigkeiten erst 1940 zum Doktor der Philosophie promovieren. Die nationalsozialistische Reichsregierung hatte ihm obendrein Schreibverbot erteilt (das er unter dem Decknamen Harry Scolen umging, um sich mit Hörspielen Geld zu verdienen), ehe sie ihn im Laufe des Krieges aus rassischen Gründen in einer Berliner Fabrik zur Zwangsarbeit verpflichtete.

Nach dem Krieg, im Februar 1946, ernannte ihn der Magistrat von Groß-Berlin zum Leiter des Dezernats Literatur-, Archiv-, Buch- und Büchereiwesen der Abteilung Volksbildung. Später übte er die gleiche Funktion in der Senatsverwaltung für Volksbildung aus. 1950 forderte Moser die Errichtung einer umfassenden Zentralbibliothek und bestärkte den damaligen Oberbürgermeisters Ernst Reuter, das Projekt einer großen Bibliothek nach dem Vorbild angelsächsischer public libraries in Angriff zu nehmen. Eine großzügige Spende der amerikanischen Regierung zum Gedenken an die mit den Berlinern gemeinsam überstandene Blockadezeit ermöglichte dessen Umsetzung.

Moser reiste in die USA, um sich über das amerikanische System der öffentlichen Bibliotheken zu informieren. Im Herbst 1952 begann nach seinen Vorgaben der Bau des Gebäudes, im Dezember 1952 ernannte der Senat ihn zum Direktor der neuen Bibliothek. Sie öffnete im September 1954 unter dem Namen Amerika-Gedenkbibliothek/Berliner Zentralbibliothek und war die modernste Einrichtung dieser Art auf dem europäischen Kontinent. Fritz Moser übte sein Amt bis zur Pensionierung im Januar 1973 aus. Er starb am 21. November 1988 in Bad Krozingen.

Quelle: AGB/Munzinger Archiv

Dr. Fritz Moser war von Dezember 1952 bis Januar 1973 Direktor der Amerika-Gedenkbibliothek (AGB). DER HAUPTSTADTBRIEF dokumentiert die Gedanken des Gründungsdirektors zur Wahl des Standortes der AGB und die Pläne, das Gebäude an diesem zentralen Ort künftig zu erweitern.

Der Beitrag von Fritz Moser stammt aus dem Jahr 1964 und setzt sich aus diesen Quellen zusammen:

Absatz eins aus der Broschüre Ein Denkmal freiheitlichen Geistes, Seite 6, die zum zehnten Geburtstag der AGB am 17. September 1964 erschien. Gedruckt mit Unterstützung des Senators für Schulwesen, Berlin 1964. Text Dr. Fritz Moser – hier wie in anderen Quellen sind Auslassungen nicht ausgewiesen, Rechtschreibung modernisiert.

Absätze zwei und drei aus Fritz Mosers Buch Die Amerika-Gedenkbibliothek Berlin. Entstehung, Gestalt und Wirken einer öffentlichen Zentralbibliothek, Seite 11. Erschienen in der Reihe Beiträge zum Buch- und Bibliothekswesen, Band 13, bei Otto Harrassowitz, Wiesbaden 1964.

Absatz vier ebenda, Seite 11/12. Absätze fünf und sechs ebenda, Seite 12. Absatz sieben ebenda, Seite 13, einschließlich Fußnote Nummer 17. Absatz acht ebenda, Seite 15/16. Schlussabsatz ebenda, Seite 21.