Die Bürger sind hungrig nach Informationen zur Euro-Rettungspolitik

Die meisten Menschen fühlen, dass sie mit ihren Familien und Kindern die Rechnung für die Eurokrise bezahlen müssen

Von Claudia Mast

13.09.2013 – DER HAUPTSTADTBRIEF 117

Obwohl im Wahlkampf weitgehend verschwiegen, hat die Eurokrise für die Wähler derzeit oberste Priorität. Das ist das Ergebnis unserer aktuellen Umfragen. Die Bürger sind hungrig nach Informationen zur Euro-Rettungspolitik. Sie wollen wissen, ob ihr Geld stabil bleibt und ob ihre Altersvorsorge sicher ist. Erschreckende 91 Prozent befürchten, dass uns die Eurokrise noch lange beschäftigen wird. Wenn die Politiker das Thema der Eurokrise weiterhin ausblenden, besteht die Gefahr, dass sich immer mehr Bürger von den Parteien missachtet fühlen und zu Wahlverweigerern werden.

Die meisten Menschen fühlen, dass sie mit ihren Familien und Kindern für die Eurokrise die Rechnung bezahlen müssen. Denn sie wird von 82 Prozent vor allem als soziales Problem wahrgenommen. Zudem befürchten 49 Prozent, dass sie den Wohlstand gefährdet. Das ist ein Alarmzeichen für die Politik.

Schnell wächst z. B. die Angst vor Altersarmut durch die andauernde Niedrigzinspolitik. Viele sorgen sich, dass die Krise letztlich die Werte gefährdet, die unsere Gesellschaft zusammenhalten, z. B. die Verlässlichkeit von Regeln, die für alle gelten und eingehalten werden sollten.

Nahezu jeder Dritte befürchtet eine Beschädigung der  Demokratie durch das intransparente politische Krisenmanagement und die EU-Politik. Deshalb hat derjenige, der die Menschen bei der Eurokrise unterschätzt, schon verloren. Denn dieses Megathema überlagert alle anderen Themen. Eine ehrliche Diskussion über die Folgen der jetzigen Politik und alternative Wege werden unausweichlich.

Kein Wunder, dass die Bürger mit der Kommunikation aller Parteien unzufrieden sind. 89 Prozent sind überzeugt, dass die Politiker ihnen bei der Eurokrise nicht die Wahrheit sagen. Zudem glauben 71 Prozent der Befragten nicht, dass die gewählten Volksvertreter sich für die Interessen der Bürger einsetzen. Das ist die Note „ungenügend“ für die demokratische Legitimation bei der aktuell wichtigsten Zukunftsfrage.

Das Ausblenden eines unbequemen Themas, Nebelsprech oder Hinweise auf eine angebliche „Alternativlosigkeit“ sind Strategien, die einer Kommunikationsverweigerung gleich kommen. Auf diese Weise verbreitert sich die Kluft zwischen der politischen Kaste und der Bevölkerung, die mit zunehmender Wahlverweigerung reagiert.

Professorin Dr. Claudia Mast leitet das Fachgebiet Kommunikations­wissenschaft und Journalistik der Universität Hohenheim in Stuttgart. Für den HAUPTSTADTBRIEF erläutert sie die Ergebnisse der von ihr geleiteten Gemeinschaftsstudie der Universität Hohenheim und der Direktbank ING DiBa über die Kommunikation in der Eurokrise.