Bilder aus der Zeit, in der die Gegenwart entstand

Der Berliner Martin-Gropius-Bau zeigt Barbara Klemms „Fotografien 1968 – 2013“. Zu besichtigen sind vier Dekaden Zeitgeschichte in Schwarz-Weiß

Von Klaus Grimberg

16.12.2013 – DER HAUPTSTADTBRIEF 119

Das Foto ist eine ikonische Momentaufnahme der deutschen Zeitgeschichte: Willy Brandt und Leonid Breschnew sitzen 1973 in Bonn zusammen. Es ist der erste Besuch eines sowjetischen Staatschefs im Westen Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg. Die beiden Politiker sind in konzentrierter Anspannung einander zugewandt, sie scheinen Nähe zu suchen und doch gleichzeitig Distanz zu wahren. Umringt sind sie von Ministern, Dolmetschern und Reportern, deren Körper und Gesten dieselbe gespannte Aufmerksamkeit ausdrücken. Ein Bild, das stellvertretend für eine ganze Ära steht: Die tastende Annäherung der politischen Blöcke von Ost und West.

Barbara Klemm

Bonn 1973, der Anfang: Leonid Breschnew bei Willy Brandt (oben). Brandt, geboren vor 100 Jahren am 18. Dezember 1913, sorgte mit seiner klugen Ostpolitik für erste Risse im Eisernen Vorhang. Ost-Berlin 1989, das Ende: Michail Gorbatschow am 7. Oktober zu Besuch in der Hauptstadt (unten). Der Eiserne Vorhang hatte schon ein Loch, die Mauer fiel 33 Tage später.

Festgehalten hat diesen Augenblick die Fotografin Barbara Klemm. Seit 1970 hat sie mehr als drei Jahrzehnte lang für die Frankfurter Allgemeine Zeitung Politik und Zeitgeschehen der Bundesrepublik mit der Kamera begleitet. Ihre großformatigen Aufnahmen haben die Wochenendbeilage und das Feuilleton der Zeitung nachhaltig geprägt: Wie keine Zweite versteht es Barbara Klemm, das eine, in sich schlüssige und aussagekräftige Foto zu suchen und zu finden.

Nun ehrt sie der Berliner Martin-Gropius-Bau mit einer großen Werkschau. Aus den unzähligen Fotos, die sich im Laufe der Zeit angesammelt haben, hat Klemm selbst 325 ausgesucht. Daraus erwachsen ist eine Ausstellung, die das wache Sehen und die präzise Beobachtung feiert. So unterschiedlich die Sujets, die Personen und die Situationen vor der Kamera, so sehr vermittelt jedes einzelne Foto den Eindruck, im richtigen Moment am richtigen Ort zur richtigen Zeit entstanden zu sein.

Berühmt sind Klemms Studien der Macht aus Bonn, Berlin und anderen Hauptstädten dieser Welt. Die Kanzler der Bundesrepublik etwa hat sie oft in scheinbar unbeobachteten Augenblicken abgelichtet, in Sekunden des Triumphs oder der Niederlage, impulsiv oder in sich gekehrt. Die vordergründige Inszenierung hat sie nicht interessiert, meist ist es der Blick aus einer seitlichen Perspektive, der die Szenerie und ihre Akteure entschlüsselt. Doch nie sind Klemms Aufnahmen verletzend oder bloßstellend – auch das ein Charakteristikum ihrer Arbeit.

Besonders augenfällig ist diese Qualität in der langen Reihe der Künstlerportraits. Es ist offensichtlich, dass Barbara Klemm zu all den Prominenten aus Kunst, Literatur und Schauspiel einen individuellen Zugang gesucht hat. Mitunter wirkt es so, als müsse man auf der gedruckten Zeitungsseite (viele Originale sind in die Ausstellung integriert) den Text gar nicht mehr lesen – denn im Bild ist bereits alles ausgedrückt. Das gilt auch für die ungezählten Reisen, auf denen Klemm rund um die Welt unterwegs gewesen ist. In Osteuropa und Lateinamerika, in Afrika und Asien hat sie politische Umwälzungen, vor allem aber den Alltag beobachtet.

Bis heute ist Barbara Klemm zwei Grundsätzen treu geblieben: Sie fotografiert schwarz-weiß und analog. Die Abzüge für die Berliner Ausstellung hat sie alle eigenhändig in der Dunkelkammer abgezogen. Auch das verrät viel über ihre Arbeit. In der Konzentration auf das eine Foto, in dem die eine Aussage verdichtet ist, verweigert sich Klemm der Bilderflut des digitalen Zeitalters, in der alles geknipst, aber wenig festgehalten und noch weniger erzählt wird.

Klaus Grimberg ist Kulturjournalist. Als Redakteur der Atlantic Times verantwortet er deren Life-Seiten. Er berichtet für Tageszeitungen in ganz Deutschland über das kulturelle Geschehen in Berlin. Sein besonders Interesse gilt Themen, in denen sich Kunst und Zeitgeschichte begegnen. Da verstand sich eine Inaugenscheinnahme der Fotografien von Barbara Klemm von selbst.

Barbara Klemm. Fotografien 1968 – 2013. Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7, 10963 Berlin. Bis 9. März 2014, Mi bis Mo 10 bis 19 Uhr; Eintritt 9, ermäßigt 6 Euro, bis 16 Jahre frei; Katalog 29 Euro. www.gropiusbau.de