Die erneuerbaren Energien werden Deutschland verändern – von Grund auf

Wasch mich, aber mach mir den Pelz nicht nass. Mit dieser Haltung wird die Energiewende nicht zu haben sein

Von Stephan Kohler

20.02.2014 – DER HAUPTSTADTBRIEF 120

Photovoltaikanlagen und Windkraftwerke stoßen bislang auf großen Zuspruch. Vor allem dann, wenn sie nicht in unmittelbarer Nachbarschaft gebaut werden. Beim Bau von neuen Stromtrassen ist die Meinung schon deutlich kritischer. Es mag sie keiner. Weder die Bevölkerung, noch die Politiker, wobei es zwischen diesen beiden Gruppen eine sich selbst verstärkende Wechselwirkung gibt. Die heftige Reaktion des bayrischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer auf die Ausbaupläne der HGÜ-Trassen verdeutlicht das hohe Konfliktpotential. HGÜ ist das Kürzel für Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung.

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Als erstes kommt der Bagger. Erneuerbare Energie heißt, dass wir Stromtrassen und viele Wind- und Photo­voltaikkraftwerke bauen müssen, die viel Flächen in Anspruch nehmen.

Der Ausbau und die Nutzung regenerativer Energieträger bedeutet, dass wir die Gewinnung von Energie in unsere Umgebung und Landschaft zurückholen. Bisher importieren wir rund 70 Prozent unserer Energie in Form von Uran, Steinkohle, Erdgas und Erdöl. Das sind Energieträger mit einer hohen Energiedichte, die speicher- und lagerfähig sind und bedarfsgerecht eingesetzt werden können. Die jährliche Nutzung der Atom- und Braunkohlekraftwerke betrug in Deutschland in der Vergangenheit über 7000 Stunden. Steinkohle- und Erdgaskraftwerke kamen auf über 4000 Stunden. Das bedeutet, dass mit einer installierten Leistungseinheit pro Jahr sehr viel Strom produziert werden konnte. Ein weiterer Vorteil: Die Kraftwerke konnten in der Nähe der Lastzentren errichtet werden. Der Stromtransport über lange Strecken war also nicht notwendig.

Braunkohlekraftwerke müssen dort gebaut werden, wo die Kohle gewonnen wird, was aber in der Vergangenheit auch dazu führte, dass sich die Industrie in dieser Umgebung ansiedelte. Rund zwei Drittel der Atomkraftwerke wurden im Süden von Deutschland gebaut. Diese werden nun bis zum Jahr 2022 still gelegt. Gleichzeitig aber zählen Bayern und Baden-Württemberg zu den Bundesländern mit einem hohen Industrieanteil und der höchsten Wirtschaftsleistung, weshalb auch zukünftig dort ein hoher Strom- und Energieverbrauch auftreten wird, der sicher bereitgestellt werden muss.

Die Nutzung von Photovoltaikanlagen und Windkraftwerken macht eine neue Infrastruktur erforderlich und wird zukünftig auch den Bedarf an Speichertechnologien erhöhen, denn Sonnen- und Windenergie stehen nur dann zur Verfügung, wenn die Sonne scheint oder der Wind weht. Klingt erst einmal banal, hat aber große landschaftliche Konsequenzen. Es muss nämlich eine sehr hohe Leistung installiert werden und das wiederum heißt, dass wir viele Wind- und Photovoltaikkraftwerke bauen müssen, die viel Flächen in Anspruch nehmen. Gleichzeitig benötigen wir aber auch zusätzliche Pumpspeicher Wasserkraftwerke, die ebenfalls einen Eingriff in die Landschaft darstellen.

Rund 130 000 MW Photovoltaik- und Windanlagen sollen bis 2025 in Deutschland gebaut werden, die dann ungefähr 45 Prozent unserer Stromerzeugung übernehmen. Für die Integration dieser hohen Leistung muss das Höchstspannungsnetz um rund 4600 km erweitert werden, was auch der Tatsache geschuldet ist, dass die Windenergie sehr stark in den nördlichen und östlichen Bundesländern ausgebaut, dort aber nicht benötigt wird. So will beispielsweise Schleswig-Holstein die Windkraftleistung an Land auf rund 13 000 MW ausbauen, obwohl die nachgefragte Leistung bei nur rund 2000 MW liegt. Das macht deutlich, dass die 800 km lange sogenannte Südlink-Trasse nach Bayern dringend gebaut werden muss, da dort die Stromproduktion durch die Abschaltung der Atomkraftwerke sehr stark sinken wird.

Gleichzeitig können die Stromtrassen aber auch dazu genutzt werden, dass die im Süden vorhandene Photovoltaikleistung in sonnenstarken, aber windschwachen Zeiten nach Norden transportiert wird. Das deutsche Stromnetz wird also in Zukunft eine viel stärkere Transportaufgabe im nationalen, aber auch im europäischen Rahmen haben. Der Ausbau der Netzinfrastruktur ist also unabdingbar.

Um es noch einmal klarzustellen: Die Nutzung von erneuerbaren Energien beansprucht unsere Landschaft und Natur und wird Deutschland verändern. Damit ersetzen wir den durch den Energieimport verursachten Export von Umweltschäden ins Ausland. Die Vorteile aber überwiegen dann, wenn wir es effizient gestalten.  Wir reduzieren die klimaschädlichen CO2-Emissionen und vermeiden zukünftig die Risiken der Atomkraft. Wir können uns nicht über Umweltschäden und Risiken durch die Urangewinnung und Kohleförderung beklagen, wenn wir nicht gleichzeitig bereit sind, die Veränderungen durch Windkraft, Photovoltaikanlagen und Stromtrassen zu akzeptieren.

Aufgabe der Politik ist es nun, den Ausbau der Erneuerbaren-Energien-Anlagen möglichst effizient zu gestalten und aufeinander abzustimmen. Das wird die Akzeptanz für die bevorstehenden Veränderungen in unserem Land steigern – in der Bevölkerung und in der Politik.

Stephan Kohler ist Vorsitzender der Geschäftsführung der Deutschen Energie-Agentur GmbH (dena). Für den HAUPTSTADTBRIEF kommentiert er im Entscheidungsjahr 2014 die Energiepolitik der Bundesregierung. In dieser Ausgabe macht er darauf aufmerksam, wie sehr die erneuerbaren Energien Umwelt und Landschaft in Deutschland verändern werden.