Familienunternehmen garantieren Prosperität und Kontinuität

Im Vergleich zu DAX-Konzernen erweisen sich familiengeführte Unternehmen als das überlegene Modell

Von Brun-Hagen Hennerkes

17.12.2014 – DER HAUPTSTADTBRIEF 126

Angelsächsisch geprägte Ökonomen haben lange Zeit den Niedergang der Familienunternehmen vorhergesagt. Ein Diktum des US-Wirtschaftshistorikers und Ökonomen Alfred D. Chandler (1918 – 2007) lautete, dieser Unternehmenstypus sei nur eine unvollständige Vorstufe auf dem Wege zur Entwicklung eines börsennotierten Großkonzerns. Familiengeführte Unternehmen würden in Zukunft bestenfalls in wirtschaftlichen Randbereichen beschränkt weiter existieren. Im Deutschland des Jahres 2014 könnte nichts von der Realität weiter entfernt sein als diese Prognose.

Vielmehr zeigt sich, dass große Unternehmen in Familienhand einen entscheidenden Beitrag zur volkswirtschaftlichen Dynamik im Land leisten. Eine umfassende Analyse im Auftrag der Stiftung Familienunternehmen liefert hierzu Belege. Die Wissenschaftler vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) haben die nach Umsatz und Beschäftigtenzahl 500 größten Familienunternehmen mit den 27 im Deutschen Aktienindex (DAX) gelisteten Konzernen im Streubesitz (ohne die im DAX notierten Familienunternehmen Beiersdorf, Henkel und Merck) miteinander verglichen. Das Ergebnis: Die „Königsklasse“ der Familienunternehmen ist beim Aufbau neuer Arbeitsplätze und bei der Wertschöpfung führend. Diese Rolle hat sich auch in der Finanz- und Eurokrise der vergangenen Jahre bestätigt.

So haben die Top 500 zwischen 2006 und 2012 ein Beschäftigungswachstum von 10,8 Prozent im Inland und 17,8 Prozent weltweit erzielt. Im gleichen Zeitraum schrumpfte die Inlandsbeschäftigung bei den DAX-Firmen um 7,3 Prozent und legte weltweit um nur 7,4 Prozent zu. Insgesamt schufen die 500 größten Familienunternehmen etwa drei Mal so viele Arbeitsplätze wie die 27 nicht-familienkontrollierten DAX-Unternehmen: Bei den Top 500 entstanden 700 000 neue Jobs weltweit, bei den DAX-27 nur rund 250 000.

Auch beim Umsatzwachstum ließen die großen Familienunternehmen die DAX-Konzerne hinter sich: Zwischen 2007 und 2012 legten die Erlöse der Top 500 durchschnittlich um 4,6 Prozent pro Jahr zu, bei den DAX-27 waren es nur 1,9 Prozent. Das kraftvolle Wachstum der Familienunternehmen hat finanziell deren Solidität nicht beeinträchtigt. So liegt die durchschnittliche Eigenkapitalquote der Top 500 bei 40 Prozent, bei den DAX-Firmen sind es dagegen lediglich 34 Prozent.

Wie sehr die großen Familienunternehmen zu der volkswirtschaftlich wünschenswerten Verteilung von Umsatz und Beschäftigung auf die verschiedenen Regionen beitragen, zeigt ein Blick auf die einzelnen Bundesländer. In Nordrhein-Westfalen, wo 141 der Top 500 zu Hause sind, entspricht deren Gesamtumsatz von 350 Milliarden Euro beinahe 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts von 600 Milliarden Euro. In Baden-Württemberg, das 104 der Top 500 beheimatet, entsprechen die Umsätze sogar zwei Dritteln des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 400 Milliarden Euro.

Diese beiden Bundesländer, wie auch Bayern, profitieren am stärksten von einer historisch gewachsenen Industrielandschaft mit Branchenclustern, in der unsere Familienunternehmen mit Zulieferern sowie Forschungs- und Ausbildungseinrichtungen eng verwoben sind. Doch auch in einem Stadtstaat wie Hamburg hat mit 24 der Top 500 eine beeindruckende Anzahl von Familienunternehmen ihren Standort. Bundesweit stehen die Familienunternehmen aller Größenklassen für 56 Prozent der Beschäftigten, für 48 Prozent der Umsätze der Privatwirtschaft und für 46 Prozent des BIP in Deutschland.

Es ist ein in der Öffentlichkeit weit verbreiteter Irrtum zu meinen, die restlichen Prozent der inländischen Wertschöpfung seien ausschließlich den anonymen Großunternehmen zuzurechnen. Dies ist bei weitem nicht der Fall. Vielmehr ist hierfür eine Vielzahl verschiedenartiger Unternehmen verantwortlich – zum Beispiel kommunale und kirchliche Betriebe, Genossenschaften, Stiftungsunternehmen sowie inländische Tochtergesellschaften der großen Auslandskonzerne. Der Anteil der DAX-Unternehmen an der inländischen Wertschöpfung dagegen ist relativ gering und vermindert sich im Zuge der fortschreitenden Globalisierung von Jahr zu Jahr. Leider haben die Zentralen der großen Auslandskonzerne seit Einführung der paritätischen Mitbestimmung Deutschland ausnahmslos verlassen.

Trotz der eindrucksvollen ökonomischen Leistung stehen die deutschen Familienunternehmen vor drei großen Herausforderungen, die sie meistern müssen, damit sich ihre Erfolgsgeschichte fortsetzen kann.

Die erste Herausforderung ist darauf hinzuwirken, dass die Politik stabiles unternehmerisches Eigentum in Familienhand als wirtschaftspolitisch wertvoll und förderungswürdig anerkennt. Familienunternehmen sind regional fest verwurzelt und standorttreu. Aufgrund des Selbstverständnisses ihrer Eigentümer weist ihre Unternehmensstrategie eine hohe Nachhaltigkeit auf.

Viele maßgebliche Politiker haben dies zweifellos erkannt. Dennoch macht die große Koalition in wichtigen Bereichen Politik gegen die Familienunternehmen. Die gesetzgeberischen Maßnahmen der großen Koalition treffen die Familienunternehmen besonders, weil sie dem deutschen Markt in hohem Maße verhaftet sind. Die Politik sollte die Rente mit 63, die Mütterrente und den Mindestlohn unverzüglich zurücknehmen bzw. modifizieren.

Die zweite Herausforderung, der sich die Familienunternehmen zu stellen haben und die noch problematischer ist als die derzeitige Politik, ist ihre gesellschaftliche Akzeptanz. Umverteilungs- und Gerechtigkeitsdebatten bestimmen die öffentliche Debatte, die durch das kürzlich auf Deutsch erschienene Buch des französischen Ökonomen Thomas Piketty „Das Kapital des 21. Jahrhunderts“ nochmals befeuert wurde. Piketty fordert unter anderem, hohe Einkommen bis zu 80 Prozent und Vermögenssubstanz bis zu 2 Prozent jährlich zu besteuern. Anders sei, so Piketty, der immer ungleicheren und ungerechteren Verteilung von Vermögen weltweit nicht beizukommen – eine Aussage, die Zustimmung in einem stetig wachsenden Teil der Bevölkerung findet.

Pikettys Kernargument lautet, dass Renditen aus Kapital schneller wüchsen als die Wirtschaft, so dass sich ein stets anwachsender Teil des Vermögens in immer weniger Händen konzentriere. Wie zweifelhaft seine Schlussfolgerungen sind, zeigt sich unter anderem daran, dass er den Einfluss der Überalterung bei dieser Analyse völlig außer Acht lässt. Die zunehmende Überalterung nämlich wird nach Meinung der Fachleute dazu führen, dass Arbeit immer knapper und damit immer teurer wird – sprich: dass der Faktor Arbeit im Vergleich zur Kapitalrendite aufholt. Zudem geht Piketty fälschlicherweise davon aus, dass Vermögen immer in den gleichen Händen bleibt. Ein Blick in die Forbes-Reichenliste indessen genügt, um zu erkennen: Vermögen wechselt über die Zeit die Besitzer.

Pikettys Hochbesteuerungsansatz lässt auch außer Acht, dass ein tiefer Griff in die Taschen der Wohlhabenden nicht nur diesen schadet – er schadet vielmehr allen. Eine Studie der amerikanischen Tax Foundation in Washington hat für die USA errechnet, um wie viel durch eine Einkommensteuer à la Piketty der Kapitalstock und das BIP sinken würden. Unterm Strich müssten mittlere und untere Einkommensschichten dadurch auf 3 Prozent ihres verfügbaren Einkommens verzichten. Eine Steuer auf die Vermögenssubstanz würde diesen Schaden noch wesentlich erhöhen – vom Verlust vieler Arbeitsplätze ganz zu schweigen.

Was die von vielen befürwortete Vermögens­umverteilung gerade für die Familienunternehmen bedeuten würde, ist klar: Politiker, die so denken, werden dem sozialstaatlichen Element zu Lasten der Wirtschaft stets den Vorrang einräumen. Das widerspricht jedoch elementar den Interessen der Familienunternehmen. Es widerspricht auch zutiefst jeglicher menschlichen Logik. Denn es ist zwingend, dass soziale Wohltaten nur auf der Basis einer gut funktionierenden Wirtschaft möglich sind. Ohne eine solche Grundlage entfällt hierfür jegliche Finanzierungsmöglichkeit. Wie so oft weist auch hier die Bibel den rechten Weg: Der barmherzige Samariter hätte nicht helfen können, wenn er nicht über die entsprechenden Mittel verfügt hätte.

Die dritte Herausforderung, der die familiengeführten Unternehmen gegenüberstehen, betrifft den internen Strukturwandel. Die Familienunternehmen werden zukünftig die mit der „Industrie 4.0“ – der digitalen Vernetzung aller Produktionsfaktoren – anstehenden Veränderungen weit aktiver in Angriff nehmen müssen als bisher. Die Massenfertigung bisherigen Typs wird abgelöst durch eine Produktion, in der Maschine und Erzeugnis autonom miteinander kommunizieren. Dies ermöglicht eine starke Individualisierung der Produkte bei niedrigen Losgrößen zu immer günstigerem Preis und bei stetig wachsender Flexibilität. Das gilt nicht nur für die produzierenden Betriebe. Auch den Dienstleistungssektor wird die Digitalisierung von Grund auf neu ausrichten.

Die Auswertung der dort anfallenden Daten wird die Unternehmen befähigen, neue Bedürfnisse ihrer Kunden frühzeitig zu erkennen und geschäftlich zu verwerten. Durch den schnellen Datenaustausch wächst die Transparenz zwischen Kunden und Zulieferern. Bewährte Wertschöpfungsketten werden sich auflösen, global wie regional werden die Karten neu gemischt. Es liegt in der Hand der Familienunternehmen, ihre bekannten Stärken – flache Hierarchien, Einheit von Risiko, Kontrolle und Haftung, Kreativität und Nachhaltigkeit – auf dem neuen Feld auszuspielen und zur Stärkung ihres Geschäftsmodells einzusetzen.

Die Politik kann hier unterstützend helfen, zum Wohle des Standorts Deutschland, beispielsweise durch erhöhte steuerliche Abzugsmöglichkeiten im Bereich von Forschung und Entwicklung sowie durch juristisch lückenlose Sicherungsmechanismen bei der Verwertung der im Leistungsprozess anfallenden Daten. Es stehen uns hier große Veränderungsprozesse bevor, und die deutsche Wirtschaft, insbesondere aber die deutschen Familienunternehmen, dürfen darauf nicht nur reagieren. Sie müssen diesen Wandel – ob man ihn nun als Revolution, als Evolution oder als unausweichliches Übel begreift – vielmehr aktiv mitgestalten, getreu dem bekannten Ausspruch von Erich Kästner: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“

Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Brun-Hagen Hennerkes ist Vorsitzender des Vorstands der Stiftung Familienunternehmen. Für den HAUPTSTADTBRIEF erläutert er eine soeben erschienene Studie der Stiftung zum wirtschaftlichen Vergleich von Familienunternehmen und DAX-Konzernen und legt dar, warum Deutschland ein stabiles und zugleich zeitgemäßes Unternehmertum braucht.

Die Studie „Die volkswirtschaftliche Bedeutung der Familienunternehmen“, erarbeitet vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung ZEW und vom Institut für Mittelstandsforschung IFM, herausgegeben von der Stiftung Familienunternehmen, gibt es zum Herunterladen unter: www.familienunternehmen.de/de/publikationen-und-studien

Sie haben eine Bemerkung zu dem vorstehenden Beitrag? Dann schreiben Sie bitte dem Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!.