Wenn das Gestern durch das Heute geistert

Der Völkermord an den Armeniern ist keine Sache für Geschichtsexperten – er konfrontiert Eltern von Kindern, die türkische Mitschüler haben, mit einer Vergangenheit, die nicht vergehen will

Von Madlen Vartian

19.05.2015 – DER HAUPTSTADTBRIEF 129

Madlen Vartian ist Stellvertretende Vorsitzende des Zentralrats der Armenier in Deutschland e. V. und Sprecherin des Christlich-Alevitischen Freundeskreises der CDU. Sie arbeitet als Rechtsanwältin in Köln. Für den HAUPTSTADTBRIEF beschreibt sie, wie Genozidleugnung das Zusammenleben von Menschen türkischer und armenischer Herkunft in Deutschland beeinträchtigt.

Im gesamten Jahr 2015 begehen die armenische Diaspora und die Republik Armenien das 100. Gedenkjahr des Völkermords. In den Parlamenten etlicher europäischer Staaten wurde der armenischen Opfer gedacht und der Genozid anerkannt, zuletzt in Österreich, den Niederlanden und Schweden (2015). Sie folgen damit den EU-Staaten Zypern (1995), Belgien (1998) und Italien (2000), dem Vatikan (2000), Frankreich (2001) und der Schweiz (2003).

Erinnerung, die haften bleibt: Mit einprägsamen Fotos hat das Berliner Maxim Gorki Theater eine Veranstaltungsreihe zum 100. Jahrestag des Völkermords an den Armeniern bebildert.

Das Europäische Parlament ging noch über die Anerkennung hinaus und forderte im März 2015 ihre Mitgliedstaaten dazu auf, die Aufarbeitung des Genozids in der Türkei aktiv zu fördern. Begleitet wird der internationale Anerkennungsprozess von Drohgebärden und Protestnoten Ankaras. Das Problem dabei: Der Geschichtsrevisionismus findet nicht bloß innerhalb der Grenzen der Türkei statt, sondern wird ins Ausland hinausgetragen, besonders in die türkische Gemeinschaft in Deutschland.

Es finden seit dem Frühjahr 2015 deutschlandweit Veranstaltungen zur „armenischen Genozidlüge“ statt, in der die Religionsbehörde DITIB, der AKP-Ableger UETD, die Vereine der Grauen Wölfe ATIB und ALPEREN und die Türkische Gemeinde Deutschland (TGD) als gemeinsame Veranstalter auftreten – vereint gegen den „armenischen Feind“. Der Genozid an den Armeniern gehört daher nicht einer dunklen Vergangenheit an, sondern betrifft unmittelbar die Gegenwartspolitik in Deutschland.

Die Politik kann sich nicht mehr mit den gängigen Beschwichtigungen herausreden, es handele sich um „innertürkische Konflikte“, wenn türkische Rechtsradikale und Nationalisten das Zusammenleben in Deutschland gefährden, indem sie ganze Bevölkerungsteile in Deutschland – Armenier, Kurden, Christen und Aleviten – zu Feinden erklären und diese Feindbilder an ihre Jugend weitergeben. Insbesondere wenn die Leugnung seitens jener Verbände erfolgt, die gern als „gemäßigte“ islamische Einrichtungen in der Öffentlichkeit vorgestellt und als Ansprechpartner für den Islamunterricht präsentiert werden.

In der Frage des Armeniergenozids wird deutlich, was für ein Geschichtsbild, welche Identifikationsangebote, welche Wertevorstellungen und was für ein Menschenbild die türkischen Verbände an die türkeistämmigen Zuwanderer vermitteln. Der Ruf nach kritischer Selbstreflexion, nach Aufarbeitung und Versöhnung mit der eigenen Geschichte – den Werten also, die nach dem Holocaust ein Konsens für ein friedvolles vereintes Europa geworden sind –, werden als Nestbeschmutzung und Vaterlandsverrat bewertet.

Der Geschichtsrevisionismus ist daher nicht bloß die Leugnung eines vergangenen Ereignisses, sondern bestimmt das Handeln und die Werte einer Gesellschaft in Gegenwart und Zukunft. So werden auf dem Gelände der DITIB-Moschee in Berlin-Neukölln seit Jahren zwei maßgebliche Drahtzieher des Genozids, Bahaddin Sakir und Cemal Azmi Bey, mit Ehrengräbern gewürdigt und als Helden gefeiert.

Noch kürzlich, am 26. April 2015, fand ein Aufmarsch zehntausender türkischer Rechtsradikaler – als „Ülkücü“, zu Deutsch als „Graue Wölfe“ bekannt – in der Oberhausener König-Pilsener-Arena statt, die ihrem Führer aus der Türkei, dem MHP-Vorsitzenden Devlet Bahceli, zujubelten. Die Veranstaltung war nicht zufällig in die zeitliche Nähe des Genozidgedenktages gelegt worden. Es war als Machtdemonstration und Einschüchterung gedacht.

In der Politik herrscht bisher Gleichgültigkeit gegenüber den Aktivitäten türkischer Rechtsradikaler und Nationalisten. Ihr organisiertes und geschlossenes Auftreten führte in der Vergangenheit eher dazu, dass sie von den politischen Parteien in CDU und SPD eingebunden wurden, ohne dass ihre Gesinnung, politische Haltung und ihr Menschenbild hinterfragt wurden. Mit Rücksicht auf die politischen Befindlichkeiten dieser Verbände und wegen der Drohungen Ankaras verweigerte die Bundesregierung daher die explizite Anerkennung des Genozids an den Armeniern.

Erst die Verurteilung der Verbrechen seitens Papst Franziskus am 12. April 2015 während der Ökumene im Petersdom sollte in Deutschland einen politischen Weckruf bewirken. In der von politischen Beschwichtigungen und Relativierungen geprägten Haltung der Bundesregierung und der Fraktionsspitzen von CDU/CSU und SPD bekamen nunmehr diejenigen in den Parteien Rückenwind, die eine explizite Anerkennung und Aufarbeitung des Genozids einforderten.

Die Parteinahme des Auswärtigen Amts für die Türkei und die Einflussnahme auf die Anträge der Regierungsfraktionen, die daraufhin ihre ursprünglichen Antragsfassungen zugunsten der Türkei geändert und den Genozid-Begriff wieder herausgestrichen hatten, führte, angespornt durch die Rede des Papstes, zur offenen Rebellion gegenüber den Fraktionsspitzen und dem Auswärtigen Amt.

Auf den darauf folgenden Hinweis des Bundespräsidialamts, dass Bundespräsident Gauck eine „eindeutige Sprache“ während des Ökumenischen Gottesdienstes im Berliner Dom am 23. April finden werde, wurden die Anträge kurzfristig inhaltlich geändert und die für den 24. April angesetzte Plenardebatte auf den ersten Tagesordnungspunkt vorgezogen. Während im derzeitigen Kompromiss-Antrag nunmehr von „Völkermorden“ der Menschheitsgeschichte gesprochen und der Armeniergenozid lediglich exemplarisch mitaufgezählt wird, konnte die Plenardebatte am 24. April in ihrer Klarheit und Offenheit kaum übertroffen werden. Es war ein historisches Bekenntnis zur Würdigung der armenischen Opfer, zur deutschen Verantwortung und zugleich eine Abrechnung mit der bisherigen Haltung der Bundesregierung.

Es bleibt nunmehr zu hoffen, dass sich diese klare, eindeutige Haltung des Bundestags nicht nur in der neuen interfraktionellen Resolution wiederfinden wird, sondern auch im Alltag, in dem Kinder und Jugendliche türkischer Herkunft auf Altersgenossen anderer Herkunft treffen, damit der Hass von gestern nicht mehr ungefiltert Einzug ins Zusammenleben hier und heute hält.

Nach dem Vorbild des Zentralrats der Juden haben sich die armenischen Verbände in Deutschland ebenfalls in einem Zentralrat organisiert, dem Zentralrat der Armenier in Deutschland e. V. Unsere Autorin ist dessen Stellvertretende Vorsitzende. Sie lebt in Köln, wo es die größte Gemeinschaft armenischer Deutscher gibt. Website: www.zentralrat.org/de

Die Fotos auf diesen Seiten sind von Esra Rotthoff fürs Gorki Theater entstanden und bebilderten den Zyklus „Es schneit im April“. www.gorki.de/spielplan/festivals/es-schneit-im-april

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