Berlin wird nie und nimmer ein „Silicon Valley“ sein

Schon die Idee einer Imitation zeigt, dass sie zum Scheitern verurteilt ist. Spontane Ordnungen lassen sich nicht verpflanzen, schon gar nicht von Staats wegen

Von Antony Mueller

26.06.2015 – DER HAUPTSTADTBRIEF 130

Prof. Dr. Antony Mueller lehrt Volkswirtschaft an der brasilianischen Bundesuniversität Universidade Federal de Sergipe (UFS) und ist neben seiner akademischen Tätigkeit international an den Wertpapierbörsen aktiv. Er ist Mitglied der Ludwig von Mises Institute USA und Brasilien sowie Gründer und Präsident von The Continental Economics Institute. Für den HAUPTSTADTBRIEF beleuchtet  er die Perspektiven der Berliner Startup-Szene, die gern mit dem Silicon Valley verglichen wird.

Mit Neid blickt die Welt der Technologie auf das kalifornische Silicon Valley. In vielen Ländern fragt man sich: So smart wie die Amerikaner sind wir allemal, warum kein Silicon Valley bei uns? Warum bei uns kein Zentrum für Hochtechnologie, das solche Unternehmen wie Google hervorbringt? Solche oder ähnliche Gedanken bewegen nicht nur Inder oder Franzosen, sondern auch manche Deutsche, und die Berliner insbesondere, denn in ihrer Stadt soll ein deutsches Silicon Valley entstehen. Berlin soll Tech-Hauptstadt werden, ein Paradies für so genannte „Startups“ – neue Unternehmen, die von der deutschen Hauptstadt aus dann die Welt erobern.

Silicon Valley: Lässt sich nicht kopieren. Einmalig und nicht wiederholbar ist zum Beispiel die WhatsApp-Story. 2009 in Santa Clara von Jan Koum (rechts im Bild) und Brian Acton als Startup ins Leben gerufen, ist WhatsApp eine Applikation für Mobiltelefone zum Austausch von Textnachrichten, Bild-, Video- und Ton-Dateien, die der herkömmlichen SMS den Garaus gemacht hat. 2014 kauft Mark Zuckerberg (links im Bild) für 19 Milliarden US-Dollar die WhatsApp Inc. für Facebook und macht die Gründer zu Milliardären.

Kaum wurde der Gedanke gefasst, ertönte auch schon der Ruf nach der staatlichen Förderung. Um Berlin zur Tech-Hauptstadt zu machen, werden als erstes Subventionen eingefordert. Die Regierung soll bitte schnellstmöglich ein Förderprogramm entwickeln – als ob es nicht schon genug staatliche Förderprogramme in Deutschland gebe. Dabei verdrängt man, dass mit dem Ruf nach dem Staat das Gegenteil von dem gefordert wird, was das Silicon Valley in den USA ausmacht. Nicht dass die amerikanische Regierung am Erfolg des Silicon Valley unbeteiligt wäre. Im Gegenteil. Aber der Beitrag des amerikanischen Staates besteht eben nicht in direkten Subventionen, sondern geschieht auf andere Weise.

Berlin soll ein „Cluster“ für die Hochtechnologie werden, so wie man schon seit Jahrzehnten ein zweites Hollywood für Berlin fordert und fördert. Eine konzentrierte Ansammlung von neuen Unternehmen aus der Hochtechnologie muss nun auch her. An Ideen soll es nicht fehlen und an Geld schon gar nicht, so die Überzeugung der Industriepolitiker. Also bitte einen staatlichen Fonds ins Leben rufen, viel Geld zur Verfügung stellen, Expertisen vorbereiten, um die für würdig befundenen Unternehmen zu finden, und los geht es. Schließlich hat Berlin anscheinend alles, was es braucht, um zum führenden Standort der Hochtechnologie in Europa zu werden und um mit dem Silicon Valley gleichzuziehen.

Berlin: Muss eigene Wege finden. Zum Beispiel durch Ermunterung zum Unternehmertum, wie es die Technische Universität (TU) mit ihrem StarTUp Incubator betreibt. Daraus gehen Unternehmen wie Cringle hervor. Das Startup hat 2015 eine App zur Überweisung von Handy zu Handy zur Marktreife gebracht, die es jetzt im App Store und als Android App gibt. Im Bild v.l.n.r. Konrad Maruszewski (Dipl. Informatiker), Malte Klussmann (B.Sc. Betriebswirtschaftslehre), Frane Bandov (Dipl. Informatiker), Joschka Friedag (Dipl. Wirtschaftsingenieur).

Die Planer des Berliner Silicon Valley verweisen auf die Präsenz hochrangiger Universitäten in der deutschen Hauptstadt. Was für das Silicon Valley die Universitäten Stanford, Berkeley und die Technische Universität Caltech sind, wären für Berlin die Humboldt-Universität, die Freie Universität, die Technische Universität und andere mehr. Auch wird argumentiert, dass die Lebensqualität, die Berlin und Umgebung zu bieten haben, durchaus mit Nordkalifornien mithalten kann. Zudem: Das was für das Silicon Valley in Bezug auf besonders motivierte und talentierte Arbeitskräfte Asien ist, das kann für Berlin Osteuropa sein.

Was die Industriepolitiker seit jeher jedoch ignorieren, ist die Tatsache, dass Silicon Valley keine Organisation ist und nie ein Projekt war, sondern das ist, was der Ökonom und Nobelpreisträger Friedrich Hayek eine „spontane Ordnung“ nannte. Spontane Ordnungen verdanken ihr Entstehen nicht einem zentralen Willen. Sie sind nicht als Organisation strukturiert, und sie gehorchen weder Anordnungen noch Befehlen, sondern leben gemäß ihrer eigenen Gesetzmäßigkeit und entstehen und entwickeln sich spontan.

Das Regelwerk einer spontanen Ordnung ist nicht explizit und kann demnach weder gelehrt noch imitiert werden. Um die Regeln kennen und befolgen zu lernen, muss man sie praktizieren. Wie das geht, kann man nicht außerhalb, sondern nur innerhalb der spontanen Ordnung selbst erfahren. Man muss dabei sein, um mitreden zu können. Spontane Ordnungen lassen sich nicht verpflanzen und nicht imitieren.

Die bedeutende Konsequenz, dass das Silicon Valley eine spontane Ordnung repräsentiert, ist der Umstand, dass die qualifizierten Leute zum Silicon Valley kommen und nicht das Silicon Valley auf Wanderschaft geht. In der Entwicklungspolitik wurde diese Einsicht in die Unmöglichkeit der Imitation mit höchsten Kosten bezahlt. In der Industriepolitik ist es nicht anders, doch stellt man sich hier noch sturer als in der Entwicklungspolitik.

Äußerlich betrachtet ist das Silicon Valley eine Anhäufung von Unternehmen der Hochtechnologie, ein so genanntes „Cluster“, wie es die Industriepolitiker zu nennen pflegen. Das Silicon Valley ist zwar das bedeutendste und innovativste Technologiezentrum in den Vereinigten Staaten, aber bei weitem nicht das einzige. Daneben gibt es eine ganze Reihe anderer Technologiezentren in anderen Regionen der Vereinigten Staaten, mit jeweils eigenen Charakteristiken. Schon einige der ganz zentralen Zusammenhänge, die im Silicon Valley anzutreffen sind, lassen sich nicht kopieren. Dazu zählen in erster Linie das Finanzierungsmodell und die Umwälzung des hergebrachten Arbeitsmarktes.

Das Silicon Valley zeigt eine fast vollständige Auflösung der althergebrachten Typologien von Arbeiter, Angestelltem und Boss, von Kapitalist und Unternehmer, von Erfinder und Forscher, von Arbeitszeit und Freizeit, von Finanzier, Geldgeber und Anteilseigner. Wie könnte man so einen Lebens- und Arbeitsstil, wie er sich im Silicon Valley über die Zeit herausgebildet hat, in Deutschland verwirklichen? Darf man das überhaupt, würden hier doch viele entsetzt rufen.

Wer bestimmt im Silicon Valley, wer Geld zum Experimentieren bekommt und wer nicht? Es ist fast nie eine Geschäftsbank, die hier Kredit vergibt. Die Finanzierung von Neuprojekten erfolgt mit Wagniskapital. Die Startups nehmen nicht Kredite auf, sondern suchen Beteiligungen. Wenn das Projekt schiefgeht, sind es nicht die jungen Unternehmer, die mit Schulden dastehen, sondern das Projekt wird von den Beteiligungsträgern abgeschrieben. Diese gehen von Anfang an davon aus, dass von der Vielzahl von Projekten, an denen sie sich beteiligen, letztlich nur ein Bruchteil in die Gewinnzone kommt. Die wenigen Gewinner müssen so erfolgreich sein, dass sie den Rest mitfinanzieren.

Kann die Berliner Tech-Szene jährlich eine genügend hohe Zahl von vielversprechenden Projekten bieten, von denen ein paar dann von den Wagnisfonds ausgewählt werden mit dem Wissen, dass selbst von diesen ausgewählten Projekten die meisten fehlschlagen? Um mit dem Silicon Valley mithalten zu können, bräuchte man pro Jahr mehrere tausend vielversprechende Projekte. Von denen würden dann die Geldgeber etwa ein Zehntel zur Finanzierung auswählen und davon ausgehen, dass von diesen ausgewählten wiederum nicht viel mehr als etwa ein Dutzend Unternehmen den Hauptteil der Gewinne erbringen müssten.

Es geht ja darum, aussichtsreiche Projekte zu finden, über deren Erfolgsaussichten kein Konsens besteht. Falls Konsens besteht, würde bestenfalls eine durchschnittliche Rendite winken. Wenn Konsens besteht, kann man die alten Wege beschreiten. Dann stehen von selbst genügend Geldgeber, einschließlich Banken, zur Verfügung. Es ist aber genau der Punkt, dass das große Geschäft, das zu Unternehmen wie zum Beispiel Google führt, auf fehlendem Konsens beruht. Was zählt, ist die Finanzierung von Projekten, bei denen kein Konsens besteht und die dann trotzdem Erfolg haben. Diese Herausforderung kann nicht von herkömmlichen Banken gemeistert werden und schon gar nicht von Beamten in Regierungsstellen.

Der Ansatzpunkt der Wagnisfinanzierung schaut ganz anders als die herkömmliche Bankenfinanzierung oder staatliche Förderung aus. Beide sind konsensorientiert. Man versucht, solche Projekte zu vermeiden, die nicht konsensfähig sind. Bei der Wagnisfinanzierung ist es ganz anders. Hier vermeidet man die konsensfähigen Projekte, die ja eh nur durchschnittliche Rendite einbrächten, und konzentriert sich auf die nicht konsensfähigen. Hier müssen dann einige wenige so gewinnbringend sein, dass sie die Verluste der nicht erfolgreichen Projekte ausgleichen können.

Wie sieht es nun in Deutschland mit den Möglichkeiten aus, dass Startups mit nicht konsensfähigen Ideen zur Finanzierung ihrer Pläne kommen können? Welche Möglichkeiten bestehen hierzulande für Börsengänge, bei denen die Unternehmensgründer zusammen mit ihren Beteiligungsträgern genügend Geld einsammeln, um nicht nur die Expansion des erfolgreichen Unternehmens voranzutreiben, sondern auch die Verluste der nicht erfolgreichen Projekte zu kompensieren? In Deutschland gilt ja vielfach schon ein Aktien­fonds als spekulativ.

Welches Finanzinstitut könnte es tolerieren, hunderte von Projekten zu finanzieren, von denen weniger als fünf Prozent jemals Gewinn einbringen? Wie würde sich eine staatliche Förderstelle rechtfertigen, wenn fast alle ihre Projekte den Bach runtergehen, aber bei den wenigen, die funktionieren, die Geschäftsgründer Milliardäre werden?

In Deutschland gibt es keine Kultur, die dem Silicon Valley gleichkäme. Schließlich ist dieses auch in den USA einzigartig. Was den Erfolg ausmacht, lässt sich nicht definieren. Aber schon ein paar Hinweise auf die speziellen Umstände genügen, um das Einmalige zu kennzeichnen.

Kalifornien ist einer der jüngsten Staaten der USA. Das Gebiet wurde 1848 von Mexiko übernommen und „California“ wurde 1850 ein Staat innerhalb der Vereinigten Staaten. Lange Zeit blieb die Entwicklung zurück und die Wirtschaft wurde hauptsächlich durch die Agrikultur geprägt. Richtig los mit Kalifornien ging es erst im 20. Jahrhundert, und der Startschuss für die Technologie kam mit dem Zweiten Weltkrieg. Die USA wendeten sich dem Pazifik zu. Seit dem Pazifikkrieg fließen massiv Gelder aus dem Verteidigungshaushalt nach Kalifornien. Heutzutage befindet sich ein erheblicher Teil der amerikanischen Verteidigungsindustrie in Kalifornien und garantiert so nicht nur immer wieder Impulse für die Hochtechnologie, sondern vor allem auch einen sehr beständigen Zufluss von Geldern.

Während der Beitrag der Verteidigungsindustrie für den spezifischen Erfolg des Silicon Valleys unbestritten ist, kommt noch der eher zufallsbedingte Beitrag Einzelner dazu. Hier wäre an erster Stelle die Rolle von William Shockley zu nennen. William Shockley ist der Erfinder des Transistors. Er arbeitete an der amerikanischen Ostküste, wo er eine Forschungsgruppe bei den Bell-Laboratorien leitete. Shockley zog nach Kalifornien aus dem sehr persönlichen Grund, dass er in der Nähe seiner kranken Mutter wohnen wollte. Mit ihm kam ein Teil seines Teams nach Kalifornien, wo Shockley nun begann, seine Erfindungen zu kommerzialisieren. Rückblickend sagen die Kenner der Szene, dass der Startschuss für das Silicon Valley kam, als William Shockley im Jahre 1956 von New Jersey ins kalifornische Mountain View zog, um dort „Shockley Semiconductor Laboratory“ als Teil der Beckman Instruments (heute Beckman Coulter) zu gründen.

Um das Bild komplett zu machen, ist zudem der Beitrag der Stanford University zu nennen. Diese Hochschule begann als Gründung durch den Unternehmer Leland Stanford und durchlief zu Beginn eine durchaus wechselvolle Geschichte. Erst in den 1960er-Jahren kam es zum Durchbruch und zum Aufstieg in die Elite der US-amerikanischen Universitäten. Heute nimmt die Stanford University in den einschlägigen Ranglisten Spitzenplätze ein. Was diese Universität auszeichnet, ist ihre enge Verbindung zum Unternehmertum, etwas das für deutsche Universitäten immer noch und wohl noch für lange Zeit schwierig ist.

Professoren in Stanford sind nicht nur Lehrer und Forscher, sondern vielfach selbst Unternehmer. Shockley zum Beispiel lehrte neben seiner unternehmerischen Tätigkeit auch an der Stanford University. Die Rolle, die Universitätsprofessoren als Unternehmer und umgekehrt Unternehmer als Professoren spielen, wird von der Stanford University nicht nur toleriert, sondern intensiv gefördert. Wo gibt es etwas Ähnliches in Berlin oder überhaupt irgendwo in Deutschland?

Das alles soll nicht heißen, dass es in Deutschland oder in Berlin keine Chance für ein Zentrum der Hochtechnologie gäbe. Es wird aber nie und nimmer ein „Silicon Valley“ sein. Schon die Idee einer Imitation zeigt, dass sie zum Scheitern verurteilt ist. Gerade wenn erwartet werden soll, dass das Projekt gelingt, muss es einzigartig sein und nicht eine Nachahmung. Die Rolle des Staates, der Finanzierung, der Universität müssen im Einklang mit den eigenen Besonderheiten stehen. Wenn dann noch ein paar Besonderheiten hinzukämen, könnte es zum Startschuss kommen. Bis dahin würde die Politik schon genug tun, wenn sie Interventionen unterlässt.

Einen besseren Beitrag, als Industriepolitik zu betreiben, kann die Politik leisten, wenn sie aktiv versuchen würde, Hemmnisse abzubauen. Diese Aufgabe ist jedoch ungleich schwieriger und unangenehmer, als Milliarden so generös wie nutzlos zu verpulvern.

Die Website The Global Economy des Continental Economics Institute unseres Autors Prof. Antony Mueller bietet Wirtschaftsanalysen zum Lesen und Anhören auf Englisch, Portugiesisch und Deutsch unter www.continentaleconomics.com

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