Wenn Integration gelingt, geht es allen besser

Integration von Einwanderern muss man wollen, sagt Heinz Buschkowsky in seinem Bestseller Neukölln ist überall. Im HAUPTSTADTGESPRÄCH mit Güner Bali beschreibt der Sozialdemokrat, wie er das in Neukölln anpackt

24.10.2012 – DER HAUPTSTADTBRIEF 111

GÜNER BALCI: Neukölln ist überall – aber zuerst ist es hier: Was ist los in Neukölln? Die FAZ nennt Neukölln das größte Integrationslabor Deutschlands. Es gibt Konflikte, die den Alltag bestimmen, und sie gehen von einer Minderheit aus, die Werte und Normen angreift, die uns wichtig sind. Was unternimmt Neuköllns Bürgermeister dagegen?

HEINZ BUSCHKOWSKY: Das Integrationslabor, wenn man es so nennen will, ist nicht an Einzelpersonen geknüpft. Es ist ein System. Es ist ein System von Menschen, die sich der Aufgabe verschrieben haben, die Bildungsferne zu bekämpfen, ihr entgegenzutreten. Das sind Migrantenvereine vom Arabischen Kulturinstitut über das Türkisch-Deutsche Zentrum. Das sind deutsche Vereine, NGOs, wie man die in Neusprech nennt, also Nicht-Regierungs-Organisationen. Und das sind natürlich die staatlichen Institutionen, mit denen wir versuchen, durch Bildung, durch Erweiterung des Geistes junge Leute davon zu überzeugen, dass es mehr gibt als das, was zu Hause pausenlos der Fernseher von sich gibt, oder das, was der Großvater am Teetisch verkündet, wie es schon immer war.

version-foto.de/Christian Ditsch

Güner Balci (links) im Gespräch mit Heinz Buschkowsky. Zur Vorstellung seines Buches Neukölln ist überall am 4. Oktober waren über achthundert Besucher in den ausverkauften Humboldt-Saal der Berliner Urania gekommen. Am Ende gab es stehende Ovationen. In der Spiegel-Bestsellerliste steht das Buch auf Platz 1.

Wir haben drei Gymnasien im Norden Neuköllns. Diese drei Gymnasien bringen jedes Jahr dreihundert Abiturienten hervor. Die schicken wir dann in andere bürgerliche Bezirke, damit sie dort den Stolz der Integrationspolitik als Person repräsentieren. Und dann sagen die Bürgermeister der anderer Bezirke zu mir: „Wir wissen gar nicht, worüber Sie eigentlich reden. Ich habe auch so und so viele Einwanderer – bei mir ist das alles gar kein Problem.“ „Ja, Kunststück!“, sage ich dann immer. „Die haben wir ausgebildet.“

Ich schreibe in meinem Buch einen Vergleich: Wenn ich mich um die Verkehrssicherheit einer Kreuzung kümmern soll, was tue ich dann? Zähle ich die Autos, die unfallfrei die Kreuzung passiert haben? Oder analysiere ich die Unfälle und schaue, wie ich sie verhindere? So sehe ich Integrationspolitik bei uns. Wir müssen uns an den Erfolgreichen erfreuen. Aber mich interessieren die 60 Prozent, die ohne Abschluss die Schule verlassen oder mit dem Hauptschulabschluss, von dem wir wissen, dass er meist nicht der Start in ein gelungenes Berufsleben ist. Darum muss man sich kümmern. Und man muss einfach zur Kenntnis nehmen, dass sich im Neuköllner Norden drei von vier Kindern im Hartz-IV-Bezug befinden, 75 Prozent. Der Bundesdurchschnitt liegt bei 7 bis 8 Prozent. Ich empfinde es als meine Herausforderung, daran irgendetwas zu ändern.

Dieses Netzwerk, die NGOs, die Vereine der Migranten, die Behörden, die dabei zusammenarbeiten, ist ja etwas Außergewöhnliches, dem ein Kampfeswille zugrunde liegt, die Verhältnisse nicht hinzunehmen. Wie funktioniert das?

Es geht bei allem, was wir tun, um die Botschaft: Hier, bei uns, herrschen unsere Gesetze, hier herrscht unsere Kultur. Menschen, die sich aus einem anderen Kulturkreis woanders hinbegeben, tun das ja nicht, weil es ihnen zu Hause so gut geht, sondern weil sie entweder verfolgt sind, weil sie flüchten müssen oder weil sie mehr Wohlstand für sich und ihre Familie erwarten. Wenn jemand das tut, dann muss er wissen, dass er auf andere Lebensregeln stößt. Und ich erwarte eigentlich von jemandem – daran entzündet sich ja schon der Widerstand gegen meine Person, ich erwarte von Einwanderern, dass sie die Bereitschaft mitbringen, ein Teil des Landes zu werden, in das sie einwandern, und sich den Lebensregeln dieser Gesellschaft stellen und sie für sich auch akzeptieren. Das halte ich für ein Grundprinzip von Einwanderung.

Einwanderung soll eine Gesellschaft stärken. Einwanderung ist kein Testbetrieb für die Sozialsysteme. Die Lebensregeln dieser Gesellschaft sind über Jahrhunderte entstanden sind. Dafür haben Generationen ihr Leben gelassen. Ich bin nicht bereit, in diesen Angelegenheiten einen Rückschritt mitzumachen. Ein Beispiel: Bei uns hat sich die Einehe durchgesetzt. Wir haben nun in Neukölln eine aufkommende Subkultur, ich nenne das ganz bewusst so, an Vielehen, an Zweit-, Dritt-, Viertfrauen, die wieder üblich werden. Und da sage ich: Das kann es doch nicht sein. Das hat doch nichts mit „kultureller Identität“ zu tun.

Ja, weswegen haben wir denn dafür gekämpft, dass Frauen einen Anspruch auf Altersversorgung haben, dass sie einen Versorgungsausgleich kriegen, wenn sie sich um die Familie und die Erziehung gekümmert haben? Wieso haben wir die Gleichstellung der nichtehelichen Kinder erkämpft mit einem Erbanspruch gegen den Erzeuger? Dafür, dass wir jetzt wieder rechtlose Frauen haben, deren Ehe auf dem Papier in Deutschland nichts wert ist, gar nichts? Kinder, die ihren Vater nicht kennen, die keinen Erbanspruch haben? Ist das wirklich kultureller Fortschritt? Da sage ich: Das ist kein Fortschritt. Da muss eine Gesellschaft sagen: Das wollen wir nicht! Das geht hier nicht!

Wenn Sie in Neukölln die hart erkämpften sozialen und rechtlichen Standards verteidigen und durchsetzen wollen – ist das ein Anliegen, das auch von Migranten unterstützt wird?

Ja, natürlich. Wenn man mit Migrantenorganisationen arbeitet, dann arbeitet und kooperiert man mit Menschen des Bildungsbürgertums. Es gibt ein Einwandererbildungsbürgertum. Bildungsferne ist nur ein Sektor der Einwanderung. Und natürlich sind bei den Verbänden die Sichtweisen genau dieselben. Natürlich müssen Sie mit dem Türkisch-Deutschen Zentrum nicht darüber diskutieren, dass Schulschwänzen völlig bescheuert ist. Das wissen die. Und in dem Arabischen Kulturinstitut auch. Die kämpfen genauso dagegen. Das Problem ist aber, dass wir an dieser Stelle einen sehr, sehr harten Kampf gegen ein abgeschottetes Bewusstsein führen.

Ich habe in meinem Buch versucht darzustellen, wie diese Parallelgesellschaften eine solche Verbindlichkeit in ihren Normen entwickeln, dass die tradierten Familienriten eine unglaubliche Bedeutung bekommen. Das höchste Gut, das ein Mensch demzufolge hat, ist seine Familie, und er hat alles zu tun, was der Familie hilft und sie schützt. Die kranke Tante ist dann einfach wichtiger als das Zur-Schule-Gehen. Da muss erst die Tante gepflegt werden. Das kommt natürlich nicht daher, dass die Leute nicht bis drei zählen können, sondern sie kommen aus Ländern mit einem Zivilisationsstand, wo es Zentralinstitutionen nicht gibt wie Polizei, wie Gerichte, auch wie Schulpflicht – und wo die Familie tatsächlich auf sich alleine gestellt ist. Und wenn sie nicht zusammenhält und sich auch nach außen verteidigt, dann wird sie untergepflügt.

Menschen, die aus vordemokratischen Gesellschaftsordnungen zu uns kommen, werden hier in ein System geworfen, das völlig anders reagiert. Deshalb muss die Gesellschaft sagen: „Daran müssen wir gemeinsam arbeiten, das geht hier nicht so.“ Das scheint mir selbstverständlich zu sein. Nur, eine Gesellschaft, die die Forderung nach Integration überhaupt nicht erhebt, muss sich nicht wundern, wenn ihr keiner nachkommt.

Die parallelen Strukturen sind unserem Verständnis von Gesellschaft fern. Nun haben Sie in Neukölln das Projekt Stadtteilmütter ins Leben gerufen. Bedient das Hineingehen nicht die parallelen Strukturen? Landen die Informationen, die sie dort sammeln, tatsächlich beim Jugendamt?

Natürlich landen die Informationen in Reinkultur nicht beim Jugendamt. Wenn wir das von den Frauen erwarten würden, wäre das Projekt Stadtteilmütter tot. Die Stadtteilmütter sind Einwandererfrauen, die arbeitslos sind, im Hartz-IV-Bezug, die wir sechs Monate lang ausbilden: Wie funktioniert das deutsche Schulsystem? Was ist ein Sprachkurs? Was ist gesunde Ernährung? Warum sollte man die Sexualerziehung nicht der Straße überlassen? Diese Stadtteilmütter gehen zu Familien, von denen selbst die Einwanderervereine sagen: Zu denen haben wir keinen Kontakt, die führen ein völlig abgeschottetes Leben. Da könnte selbst der Bürgermeister mit der Amtskette um den Hals zehnmal klingeln: null Chance!

So, und nun schicken wir die Stadtteilmutter dahin. Mit dem Vertrauensbonus der Ethnie sagt sie: „Komm, Schwester, lass uns einen Tee trinken. Hast du schon mal gedacht, dein Kind in den Kindergarten zu geben? Weißt du überhaupt, wie so ein Ding von innen aussieht? Weißt du, was sie da mit den Kindern machen den ganzen Tag? Komm, wir gehen mal zusammen dahin.“ Oder: „Willst du gucken, wie so ein Sprachkurs funktioniert? Da sind übrigens drei deiner Nachbarn. Komm, lass uns da mal hingehen.“ So versuchen wir, diese Familien für die Gesellschaft zu öffnen: die Schale zu knacken. Und da ist mir dann erst einmal völlig egal, ob die Stadtteilmütter zehnmal zu einer Familie gehen, ob nach dem zehnten Besuch schon das Prinzip der Menschenrechte und der parlamentarischen Demokratie begriffen worden ist.

Sondern mir reicht es erst einmal, wenn sich diese Familie ein wenig öffnet und am gesellschaftlichen Leben teilnimmt. Gesellschaftliches Leben ist jetzt sehr hochgestochen. Ich sage immer: Man kann Blätter in die Luft werfen und warten, bis sie runterfallen, wenn sie unten sind, sie zusammenfegen und wieder in die Luft werfen. Das wäre so eine tagesstrukturierende Maßnahme à la Jobcenter.

Man kann die Frauen aber auch ein halbes Jahr ausbilden und sie dann mit dieser Aufgabe betrauen. Nach dreihundert ausgebildeten Frauen kann ich sagen: Die Frauen, die in diese Ausbildung gehen, sind andere, als die, die hinten herauskommen. Sie gewinnen ein völlig anderes Selbstbewusstsein, sie sehen die Welt mit anderen Augen. Und die Kinder sagen in der Schule ganz stolz: „Meine Mutter ist Stadtteilmutter. Die sagt anderen, was richtig und was falsch ist.“

Dass wir hin und wieder auch Verluste haben bei den Stadtteilmüttern, weil der Angetraute es plötzlich nicht mehr duldet, dass um 16 Uhr nicht das dampfende Essen auf dem Tisch steht, weil seine Frau gerade einen Hausbesuch bei einer anderen Familie macht, das müssen wir hinnehmen. Aber einen Großteil dieser Frauen verlieren wir immer wieder, weil sie in den ersten Arbeitsmarkt integriert werden.

Was man allerdings nicht machen darf: Man darf die Frauen nicht hochstilisieren zu Sozialarbeitern des Jugendamts, die kommen und die Probleme lösen. Das geht nicht. Sie können ein Wegweiser sein. Unsere Stadtteilmütter haben 5000 Familien in Neukölln im Laufe der Zeit, in der sie existieren, besucht. Und dann nehmen wir mal drei Kinder im Durchschnitt an. Das ist schon sehr niedrig. Das sind ungefähr 15 000 Kinder. Wenn sie nur einen Erfolgsquotienten von zehn Prozent haben, haben sie in die Sozialisation und die Lebensvorbereitung von 1500 Kindern eingegriffen. Das finde ich einen tollen Erfolg, wobei die zehn Prozent bewusst niedrig angesetzt sind. Nicht umsonst sind die Stadtteilmütter inzwischen elfmal international und national ausgezeichnet worden. Das Land Berlin hat dafür den Metropolenaward in Sydney gewonnen, also den Preis aller Millionenstädte. Und darauf waren wir in Neukölln ganz stolz, weil wir sonst ja immer nichts richtig machen, wie wir in der Zeitung lesen können.

Heinz Buschkowsky (SPD) ist Bürgermeister von Neukölln. Er regiert den Berliner Bezirk (41 Prozent der Bewohner haben einen Migrationshintergrund) seit 2001.

Güner Yasemin Balci ist Journalistin und Autorin. Die gebürtige Berlinerin hat einen Migrationshintergrund. Ihre beiden Neukölln-Romane Arabboy und Arabqueen spielen im deutsch-arabischen Milieu.

Neukölln ist überall. Von Heinz Buschkowsky. Ullstein Buchverlag, Berlin 2012. 397 Seiten, 19,99 Euro. 62 Rezensionen auf Amazon, davon 50 mit 5 Sternen, der Bestnote. Amazon-Verkaufsrang 14 von zirka 500 000 angebotenen Büchern, Nummer 1 in der Rubrik Politik. (Stand 15.10.2012)