Einspruch gegen die geplante Abwicklung der Amerika-Gedenkbibliothek

Eine Auflehnung gegen das allmähliche Verschwinden der USA aus dem Stadtbild Berlins

Von Peter Schneider

29.11.2012 – DER HAUPTSTADTBRIEF 112

Die Geschwindigkeit, mit der die Stadt nach dem Fall der Mauer ihre Hälften zusammenfügte und ihre Brachen mit neuen Gebäuden, ja ganzen Stadtvierteln füllte, ist von aller Welt bestaunt und kritisiert worden. Aber ebenso rasch, wie die Stadt sich neu entwarf, trennte sie sich auch von Bauwerken und Anlagen, die ihre jüngere Geschichte geprägt hatten – nur dass sich diese Abstoßung fast geräuschlos vollzieht. Das betrifft insbesondere die bauliche Hinterlassenschaft der amerikanischen Schutzmacht, der die westliche Hälfte der Stadt ihr demokratisches Überleben nach dem Kriege verdankt. Und gilt dies wirklich nur für die westliche Hälfte? Unterstellt, die Amerikaner hätten sich mit der Eroberung Berlins durch die Sowjets abgefunden, „die deutsche Frage“ wäre wahrscheinlich beantwortet gewesen. Nur dank des Bestehens auf einer politisch-militärischen Präsenz der West-Alliierten in Berlin blieb die Entscheidung über das Nachkriegsschicksal Deutschlands und Berlins offen.

wikipedia/beek100

Ikone einer nachhaltigen Freundschaft: Die Amerika-Gedenkbibliothek war ein Geschenk der Amerikaner an die Berliner. Der Regierende Bürgermeister Ernst Reuter nannte sie bei der Grundsteinlegung 1952 ein bleibendes Zeichen der Erinnerung an den Widerstand der Berliner Bevölkerung gegen die sowjetische Blockade.

Der Tempelhofer Flughafen erinnert wie keine andere Anlage in der Stadt an die erfolgreiche Rettung West-Berlins während der sowjetischen Blockade. Ab dem 26. Juni 1948 hatten die sogenannten Rosinenbomber der amerikanischen Luftwaffe die Halbstadt ein Jahr lang im Neunzig-Sekunden-Takt mit Brennstoffen, Nahrungsmitteln, Baumaterialien und allem Lebenswichtigen versorgt. Der Flughafen wurde auf Beschluss des Berliner Senats zugunsten des neu zu bauenden Großflughafens BER geschlossen. Eine Bürgerinitiative gegen die Schließung wurde durch einen Volksentscheid im Jahre 2008 abschlägig beschieden. Erstaunlicherweise stimmten gerade die Anwohner aus Tempelhof-Schöneberg, die am meisten unter dem Fluglärm zu leiden hatten, zusammen mit einer knappen West-Berliner Mehrheit für den Weiterbetrieb. Eine deutliche Mehrheit aus zum Teil weit entlegenen Ost-Berliner Bezirken stimmte dagegen.

Es war eine der ersten großen Entscheidungen, in denen die wiedervereinte Stadt die Macht ihres Ostteils zu spüren bekam. Den Ausschlag für das negative Votum der Ost-Berliner dürfte die Tatsache gegeben haben, dass sie mit dem Flughafen Tempelhof keine positive Erinnerungen verbanden – nicht ihre Halbstadt, sondern West-Berlin war schließlich durch die Sowjets von allen Versorgungsgütern abgeschnitten worden. Und auf den ersten Blick war nicht die Freiheit der Ost-Berliner, sondern die der westlichen Stadthälfte durch die Amerikaner verteidigt worden. Für viele Ost-Berliner war der Flughafen Tempelhof immer noch das, was er in den Augen der DDR-Regierung gewesen war: der Nazi-Flughafen, der nach dem Krieg zu einem Stützpunkt des US-Imperialismus geworden war.

Über die Weisheit der Stilllegung des Flughafens Tempelhofs und der ebenfalls beschlossenen Schließung des Flughafens Tegel kann man streiten. Ich jedenfalls kenne keine große Hauptstadt in Europa, die nicht mindestens zwei Flughäfen unterhält. Schon jetzt ist der Scherz populär, Berlin habe drei Flughäfen, von denen allerdings keiner recht funktioniere.

Aber wie verhält es sich mit dem Erinnerungswert des Tempelhofer Flughafens?

An einem Sommertag besichtigte ich das Tempelhofer Feld. Schon von weither fallen die neuen Nutzer ins Auge. Statt von Flugzeugen ist der Himmel über Tempelhof von Drachen und Kite-Segeln bevölkert. Auf den breiten, immer noch intakten Runways der Flugzeuge kommen dem Besucher Skateboarder, Radfahrer und Kinderwagen schiebende Mütter und Väter entgegen, manchmal auch Abenteurer in tief liegenden selbst gebastelten Fahrzeugen mit dicken Reifen, die von Kite-Segeln gezogen werden.

Auf Schritt und Tritt trifft man auf „Kunst- und Ausstellungsprojekte“. Zum Beispiel auf das „gemeinnützige Pionier-Projekt Stadtacker“, das sich auf einem Plakat rühmt, die „Verbindung zwischen Stadt und Natur“ zu schaffen. Abgegrenzt vom Publikumsverkehr sind sogenannte Mähwiesen zu besichtigen, die „hoch gefährdeten“ und „europaweit geschützten“ Arten wie Glatthafer, Glockenblumen, Labkraut und Rotschwingel Lebensraum geben, dazu Schmetterlingen, Spinnen, Käfern, Kleinsäugern und Vögeln, vor allem der Feldlerche, die gerade jetzt Ruhe zum Brüten brauche. Zum Schutz und zur Verherrlichung der Feldlerche sind Holzstelen aufgestellt, auf denen Laubsägearbeiten von abfliegenden oder landenden Vögeln befestigt sind. Außerdem gibt es „Flugdinge, Flugspiele der Saatkrähen, und Flugzeichen“ – alles in Holz gestaltet und auf fünf Meter hohen Holzstelen angebracht. Nicht ein einziges Plakat an der Runway erinnert an die Rosinenbomber.

Bei einem Besuch in Bukarest wunderte ich mich darüber, dass ich auf dem Weg vom Flughafen zur Stadt vor allem Kartoffeläcker, Kuhweiden und Ostplantagen sah. Ein Freund, ein welterfahrener Architekt, amüsierte sich über meine Frage. „Haben Sie noch nie gehört, dass ‚urban acriculture’ der letzte Schrei moderner Stadtarchitekten ist? Dank unserer Rückständigkeit sind wir plötzlich an der Spitze der Avantgarde angelangt!“

Berlin ist offenbar auf bestem Wege, Bukarest den Rang abzulaufen.

Ich denke, es war ein Fehler der amerikanischen Botschaft, dass sie selber eine andere, eher unscheinbare Ikone der amerikanischen Präsenz in Berlin abgewickelt hat: das Amerikahaus in der Hardenbergstraße. Der frühere Botschafter John Kornblum, der wie kein anderer amerikanischer Diplomat mit der Geschichte der USA in der Stadt verbunden ist, macht dafür Sicherheitsbedenken verantwortlich. Dieses Haus schräg gegenüber dem (ebenfalls halb abgewickelten) Bahnhof Zoo lasse sich nicht ausreichend sichern. Mit allem Respekt möchte ich ihm entgegenhalten, dass die Sicherheitsbesessenheit, die die USA seit dem September 11 ergriffen hat, an diesem Ort fehl am Platze ist. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Auftritt meiner Kollegen Jonathan Franzen, Siri Hustvedt oder Paul Auster eine Sperrung der Hardenbergstraße nötig machen würde.

Noch viel weniger leuchtet mir ein anderes Argument ein, das ich oft hörte: Die USA brauchten kein Kulturinstitut wie etwa das Goethehaus; die amerikanische Kultur werde bereits – ohne staatliche Beihilfen – durch Hollywood und Apple weltweit verbreitet. Aber die amerikanische Kultur, die ich ein wenig zu kennen glaube, besteht nicht nur aus gut verkäuflichen Produkten. Im Amerikahaus in Berlin habe ich als Student die New York Times gelesen, hier sahen wir die ersten Bilder von Jackson Pollock, hörten Jazz und sahen die Avantgarde des Modern Dance. Gerade widerspenstige Werke laden manchmal zu einer differenzierten Betrachtung der USA – jenseits der Vorurteile und Klischeebilder – ein. Zwar war das Amerikahaus, das nun verwaist zwischen einem Weinladen und einem Parkhaus steht, mit seinem Flachdach und seiner Eingangshalle aus Glasfenstern und ungeschickt zusammengesetzten Mosaikwänden nie eine Schönheit. Aber es gehört – mitsamt den Eierwürfen, die im Jahr 1966 seine Fenster bekleckerten – zur amerikanischen Geschichte Berlins. Ich vermisse es.

Übrigens ist es ein falscher Mythos, dass die 68er antiamerikanisch waren. Kein Zweifel, ein wichtiges Movens der Bewegung war der Protest gegen den Vietnamkrieg. Aber in den frühen Flugblättern und Reden wurde sorgfältig zwischen der US-Regierung und dem „amerikanischen Volk“ unterschieden. Tatsächlich war ja der Protest gegen den Vietnamkrieg in den USA entstanden und breitete sich von dort nach West-Europa aus.

Auch der Schlüsselbegriff des „zivilen Ungehorsams“ und die entsprechenden Protestformen kamen samt und sonders aus Amerika: Teach-in, Go-in, Sit-in. Das galt auch für das damals übliche Outfit, das die 68er von den Bluejeans und den Khakihosen bis zum T-Shirt, den Parkas und den Turnschuhen im PX-Store in unmittelbarer Nähe der FU kauften. Unter den Berliner Clubs war das International, in dem vor allem GIs verkehrten, darunter auch amerikanische Kriegsdienstverweigerer, der Geheimtipp.

Niemand von uns hörte deutsche Schlagerstars, sondern wir hörten Bob Dylan, Joan Baez und The Doors. Und die höchste Einschaltquote erreichte der Sender AFN (American Forces Network) bei den 68ern. Was diese freilich nicht hinderte, amerikanische Flaggen zu verbrennen und im Hass-Rausch des Protestes auch genuin antiamerikanische Parolen zu rufen wie: USA-SA-SS. Aber der viel beredete Anti-Amerikanismus der 68er war schlimmstenfalls ambivalent und das Produkt einer kollektiven Autosuggestion. Anders als in der früheren DDR, wo die Verdammung des US-Imperialismus bereits in den Kindergärten eingeübt wurde, hatte er in West-Berlin kurze Beine. Wahrscheinlich ist die rebellische Jugend der 60er-Jahre der am meisten amerikanisierte Teil der Berliner Bevölkerung gewesen.

Deswegen protestiere ich auch gegen die geplante Abwicklung bzw. Auslagerung der Amerika-Gedenkbibliothek am Halleschen Ufer. Sie war ein Geschenk der Amerikaner an die Berliner. Der Regierende Bürgermeister Ernst Reuter hatte sie bei der Grundsteinlegung 1952 als ein bleibendes Zeichen der Erinnerung an den Widerstand der Berliner Bevölkerung gegen die sowjetische Blockade bezeichnet. Auf einer Schmuckwand im Foyer wird ein wunderbarer Satz des dritten Präsidenten der Vereinigten Staaten, Thomas Jefferson, zitiert: „Die Gründung beruht auf der unbegrenzten Freiheit des menschlichen Geistes. Denn hier scheuen wir uns nicht, der Wahrheit auf allen Wegen zu folgen und selbst den Irrtum zu dulden, solange Vernunft ihn frei und unbehindert bekämpfen kann.“

Als Studenten hatten wir dort im Original die Bücher der Beat-Generation, aber auch der Black-Panther-Bewegung und der lateinamerikanischen Revolutionäre gelesen. Die Bibliothek war immer etwas unordentlicher, aber auch unbürokratischer als die FU-Bibliothek – man kam schneller an die Bücher heran, allerdings waren bestimmte Bücher, die im Katalog verzeichnet waren, nicht auffindbar. Das mag – zum Teil! – an der grenznahen Lage der Bibliothek gelegen haben. Sie wurde vor dem Mauerbau auch von Bürgern aus Ost-Berlin frequentiert. Ein treuer Benutzer aus Ost-Berlin hatte sich im August 1961 dort ein Buch ausgeliehen. Wegen des Mauerbaus konnte er das Buch 28 Jahre lang nicht zurückgeben, die Mahnungen der Bibliothek erreichten ihn nicht. Einige Tage, nachdem die Mauer fiel, machte sich der gute Mann auf den Weg zum Halleschen Tor und gab das Buch zurück.

Die Berliner Koalition will die Bibliothek nun in Klaus Wowereits mythologische, auf dem Tempelhofer Flugfeld zu errichtende Zentralbibliothek auslagern. Niemand weiß, woher die mit über 70 Milliarden Euro verschuldete Stadt das Geld dafür nehmen soll. Ein Opponent aus der CDU schlug vor, die geplante Zentralbibliothek mitsamt den Beständen der Amerika-Gedenkbibliothek in dem dringend renovierungsbedürftigen, weil asbestverseuchten Kongresszentrum ICC am Funkturm unterzubringen. Die Stadt würde auf diese Weise eine Menge Geld sparen; denn die Renovierung des ICC kostet angeblich 300 Millionen Euro – ebenso viel, wie die neu zu bauende Zentralbibliothek auf dem Flughafenfeld.

Ökonomisch macht dieser Vorschlag vielleicht Sinn. Aber haben die Berliner Stadtväter und -mütter jeden Instinkt für die Bedeutung von ikonischen Gebäuden und Orten verloren? Und ist die Stadt nicht gerade den Amerikanern ein paar Gedenkorte schuldig, die an die Jahre erinnern, in denen die Schutzmacht das Herz der Stadt am Leben erhielt? Selbstverständlich kann man einen Rosinenbomber auf einen Rasen in Schönefeld stellen, wo er nie gelandet ist, man kann den Checkpoint Charlie in Spandau nachbauen, man kann die Grenzanlage mit allen Details in Los Angeles nachinszenieren.

Ein Erinnerungsort, der verschwunden ist, bleibt für immer verschwunden.

Peter Schneider ist Schriftsteller und lebt in Berlin. 1965 engagierte er sich im Wahlkampfkontor der SPD und wirkte als Redenschreiber für Willy Brandt. Er war einer der Wortführer der Studentenbewegung von 1967. Sein Roman Lenz (1973) ist ein Kultbuch der Neuen Linken. Als Gastdozent lehrte er in Stanford und Princeton. 2009 erhielt er den Schubart-Literaturpreis.