G6 bis G20 – Helmut Schmidt war einer der Erfinder

Vor fünfzig Jahren ersannen ein Politiker aus Deutschland und einer aus Frankreich die Idee der Weltwirtschaftsgipfel. Eine Erinnerung

Von Theo Sommer

02.06.2017 – DER HAUPTSTADTBRIEF in der Berliner Morgenpost

Theo Sommer ist Herausgeber der Zeitung The Security Times. Er war fast zwanzig Jahre lang Chefredakteur der Hamburger Wochenzeitung Die Zeit und bis zum Jahr 2000 deren Herausgeber. Für den HAUPTSTADTBRIEF würdigt er die G6-Initiative des früheren Bundeskanzlers Helmut Schmidt.

Zum ersten Mal findet Anfang Juli 2017 ein G20-Gipfel in Hamburg statt. Noch streiten die Sherpas, die Vertrauten der Mächtigen, über fällige Verkündigungen weltwirtschaftlicher und weltpolitischer Problemlösungen. Die Hanseaten jedoch geraten sich über die Frage in die Haare, ob das Treffen ein lästiges „Danaergeschenk“ der Bundeskanzlerin ist oder eine willkommene Chance, die Elbmetropole nicht nur mit der Elbphilharmonie auf die Weltkarte zu setzen. Kaum einer verschwendet einen Gedanken daran, dass es ein Sohn der Hansestadt war, der zusammen mit seinem französischen Freund Giscard d’Estaing die G-Gipfel vor fünfzig Jahren ersann: Helmut Schmidt.

Im Juli 1972 hatte er das Bundesfinanzministerium übernommen; etwa gleichzeitig wurde Valéry Giscard d’Estaing französischer Finanzminister. Beide rückten dann im Mai 1974 in die höchsten Regierungsämter ihrer Länder auf. Sie arbeiteten von vornherein gut und vertrauensvoll zusammen. Ihre spektakulärsten Initiativen führten zu den Wirtschaftsgipfeln der wichtigsten industriellen Demokratien, zum Europäischen Währungssystem und zum Menschenrechtskorb III der Helsinki-Akte.

Valéry Giscard d’Estaing (links) und Helmut Schmidt waren 1974 in die höchsten Regierungsämter ihrer Länder aufgerückt. Sie arbeiteten von vornherein gut und vertrauensvoll zusammen. Ihre spektakulärsten Initiativen führten zu den Wirtschaftsgipfeln der wichtigsten industriellen Demokratien. Das Bild zeigt sie auf einem Gipfel der Europäischen Gemeinschaft im April 1976 in Luxemburg.

Im Vordergrund stand zunächst die Weltwirtschaftskrise. Nixons Abkoppelung des Dollars vom Goldpreis im Jahre 1971 hatte dramatische Währungsturbulenzen ausgelöst. Eine fortschreitende Dollarabwertung und eine regelrechte Dollarschwemme waren das Ergebnis des Nixon-Schocks. Dazu kam Washingtons schnöde Haltung: „Der Dollar ist unsere Währung, aber euer Problem.“

Der US-Finanzminister George Shultz stellte die Loyalität zu seinem Präsidenten über seinen Sachverstand, doch war ihm zugleich klar, dass das Schlimmste verhindert werden musste. Im März 1973 lud er Schmidt, Giscard, den japanischen Finanzchef Takeo Fukuda und den britischen Treasury-Minister Anthony Barber zu Gesprächen über den desolaten Zustand der Weltwirtschaft ein. Das Gespräch fand in der Bibliothek des Weißen Hauses statt, weswegen die Fünfer-Gruppe als „Library Group“ in die Geschichtsbücher eingegangen ist. Es endete mit dem Beschluss, die Wechselkurse freizugeben: „floating“ löste die festen Konversionsraten ab. Damit gaben die USA ihre währungspolitische Führung preis. Helmut Schmidt hielt dies für zerstörerisch, doch tat es seiner späteren Freundschaft mit Shultz, als dieser Außenminister wurde, keinen Abbruch. Im September 1973 trafen sich die Vertreter der fünf  erneut, diesmal in Nairobi, um den weltweiten Übergang zu einem freien Wechselkurssystem zu glätten.

Vier Wochen später brach die Erdölkrise aus. Die arabischen Erdölförderer verübelten dem Westen die Unterstützung Israels im Jom-Kippur-Krieg und drosselten, ein folgenschwerer Racheakt, die Produktion um fünf Prozent, was innerhalb eines halben Jahres eine Vervierfachung des Barrelpreises von 3 US-Dollar auf 12 Dollar bewirkte. Die Auswirkung auf die Weltwirtschaft war verheerend. Schmidt drängte auf eine Energiekonferenz, um die westliche Politik zu koordinieren. Sie fand im Februar 1974 in Washington statt, blieb aber ohne unmittelbare Wirkung. Dies beunruhigte ihn zutiefst.

Wie Giscard, so bedrückte auch ihn die Erinnerung an die Weltwirtschaftskrise in den frühen 1930er-Jahren. Blinder Nationalismus hatte damals den internationalen Wirtschaftsaustausch stranguliert. Das sollte sich nicht wiederholen. Im Gespräch mit Giscard entstand dann die Idee eines Weltwirtschaftstreffens der Regierungschefs der großen industriellen Demokratien. Die beiden dachten an eine Fortsetzung der alten Library Group auf höherer Ebene.

Bei der Verabschiedung der Schlussakte der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) machten sie 1975 daraus Nägel mit Köpfen. An einem schönen Sommernachmittag beschlossen US-Präsident Gerald Ford, der britische Premierminister Harold Wilson, Frankreichs Präsident Giscard d’Estaing und Bundeskanzler Schmidt, an einem Gartentisch sitzend, die erste Gipfelkonferenz. „Damit sie nicht in die Hände der Bürokraten fielen“, berichtet Helmut Schmidt, „kamen wir überein, sie durch persönliche Beauftragte vorbereiten zu lassen.“ Auch wurden die vier rasch einig, dass Japan teilnehmen solle. Italien kam wenig später hinzu. Damit waren die G6 geboren, die Gruppe der sechs großen Industrienationen, und die Institution der Sherpas aus der Taufe gehoben.

Der Bundeskanzler überließ es seinem französischen Freund, „dem Bedürfnis nach Rang und Würde Frankreichs entsprechend“, die Teilnehmer des ersten Wirtschaftsgipfels einzuladen. So versammelten sie sich Mitte November 1975 mit ihren Außen- und Finanzministern auf Schloss Rambouillet in der Nähe von Paris. Helmut Schmidts Erinnerungen an dieses Treffen lesen sich so:

„Das Schloss war angenehmerweise nicht allzu geräumig, die Konferenz fand in einem kleinen Saal statt, die Zimmer der Chefs lagen eng beieinander, aber Presse und Fernsehen waren außerhalb des Parks, das heißt weit weg. Valéry hat es verstanden, eine nachbarschaftliche, freundschaftliche Atmosphäre herzustellen...“ Die Presse wurde erst nach Ende der Konferenz in der kleinen Mairie, der Bürgermeisterei des Städtchens Rambouillet, unterrichtet. Schmidt hielt diese Maßregel für „klug ersonnen“, da sie es den Chefs unmöglich machte, ihre Worte ständig auf die eigenen Medien zu münzen.

„Aus der Rückschau“, schrieb Schmidt 1990, „erscheint mir als das wichtigste Ergebnis von Rambouillet nicht etwa die Liste der getroffenen Verabredungen, sondern vielmehr die Tatsache, dass die Konferenz einen weltweiten Rückfall in beggar-thy-neighbour-policy verhindert hat“ – eine Politik also, die darauf aus ist, die Nachbarn zu Bettlern zu machen. Die Tagung habe den beteiligten 18 Politikern den Blick für die ökonomische Interdependenz geschärft und die Erkenntnis allgemein werden lassen, dass es angesichts der „stets zunehmenden internationalen Verflechtung unserer Volkswirtschaften keinem von uns – auch nicht der amerikanischen Regierung – gelingen konnte, allein mit nationalen geld- und währungspolitischen, haushalts- oder steuerpolitischen, handels- oder strukturpolitischen Maßnahmen der tiefen Rezession zu entgehen. Dieses gemeinsame Verständnis hat verhindert, dass die beteiligten Regierungen sich blind den Verblendungen des Protektionismus hingaben.“ Eine Erkenntnis, die im Zeitalter des Donald Trump bedrängend aktuell ist.

Die G6 wurde durch die Hinzuziehung Kanadas schon bald zur G7 erweitert. Seitdem sind die Weltwirtschaftsgipfel zu einer regelmäßigen Übung geworden. Helmut Schmidt nahm noch achtmal daran teil. Allerdings bedauerte er, dass der anfänglich sehr intime Charakter rasch zugunsten der nationalen Bürokratien und der Medien verloren gegangen sei. Den besonderen Wert der Treffen sah er darin, dass die Staats- und Regierungschefs „notgedrungen selber sprechen und einander zuhören und antworten müssen.“ Ein andermal schrieb er über die Tagungen: „Sie ermöglichen einen relativ zwanglosen Meinungsaustausch über akute Probleme, und sie wecken Verständnis füreinander, vor allem bei neu ins Amt kommende, Staats- und Regierungschefs. Dabei ermöglichen sie eine realistische Einschätzung des künftigen Verhaltens der anderen Führungspersonen.“ Auch hier denkt man heute unwillkürlich an den Immobilien-Mogul im Weißen Haus.

Nach dem Ende des Kalten Krieges plädierte Helmut Schmidt früh für die volle Einbeziehung Russlands und Chinas in die G-Runde. Tatsächlich wurde Russland 1998 das achte Mitglied; doch ist es nach der Annexion der Krim im März 2014 ausgeschlossen worden. China ist noch nicht Mitglied, spielt aber innerhalb der 1999 in Berlin gegründeten Gruppe der 19 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer plus EU (ergibt G20) eine immer bedeutsamere Rolle. Ursprünglich war die G20 vornehmlich für die Diskussion von Finanzfragen gedacht, inzwischen behandeln ihre Gipfel jedoch sämtliche akuten Themen der Weltwirtschaft und der Weltpolitik. Insofern ist sie ein legitimer Sprössling der ursprünglichen G6.

Die Notwendigkeit und Nützlichkeit solcher Treffen würde der 2015 verstorbene Helmut Schmidt auch heute nachdrücklich unterstreichen. Indessen hat er in seinen letzten Lebensjahren die Ausuferung der Gipfelveranstaltung sehr kritisch gesehen. Den „enormen bürokratischen Tross und die allzu große Nähe und Einmischung der Medien“ fand er nicht zweckdienlich. Könnte er lesen, was in Hamburg bevorsteht, so würde er sicherlich die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und in seiner unverblümt direkten Art fragen: „Seid ihr eigentlich alle verrückt?“

Außer den wichtigsten 20 Industriestaaten und Schwellenländern werden weitere sieben Gaststaaten und acht internationale Organisationen in der Elbmetropole vertreten sein: die Vereinten Nationen, der Internationale Währungsfonds (IWF), die Weltbank, die Welthandelsorganisation (WTO), die Weltgesundheitsorganisation (WHO), der Finanzstabilitätsrat (FSB), die Internationale Arbeiterorganisation (ILO) und die Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD). Insgesamt werden 20 000 Gipfeldelegierte erwartet, dazu 4000 Journalisten. 20 000 Polizisten und Sicherheitskräfte (einer pro Delegierten!) werden sie beschützen vor Terroristen und einigen zehntausend G20-Gegnern.

Verrückt, würde Helmut Schmidt in nostalgischer Erinnerung an die Kaminfeuer-Heimeligkeit von Rambouillet sagen. Und sicherlich den Gedanken wiederholen, den er zuletzt im persönlichen Gespräch gelegentlich hatte anklingen lassen, vielleicht nicht ganz im Ernst: Warum nicht die ganze Veranstaltung  auf einen Hochseedampfer verlegen – ein Kreuzfahrtschiff wie die Queen Mary zum Beispiel?

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